Zum Inhalt springen

Wie das Gehirn mit widersprüchlichen Informationen umgeht

    Eine aktuelle Studie von Slangewal und Bahl (2026) räumt mit der Vorstellung auf, dass das Gehirn bei widersprüchlichen Informationen einfach nur einen „Gewinner“ auswählt und den Rest ignoriert. Statt dieses harten „Winner-takes-all“-Prinzips, bei dem ein System zwischen zwei Optionen hin- und hergerissen wäre, nutzen Zebrafischlarven eine viel elegantere additive Strategie. Man kann sich das Gehirn der Larve wie ein Mischpult in einem Tonstudio vorstellen: Anstatt nur ein Instrument auf volle Lautstärke zu drehen und alle anderen stummzuschalten,… Weiterlesen »Wie das Gehirn mit widersprüchlichen Informationen umgeht

    Der Türrahmen-Effekt: Warum das Gehirn an der Schwelle vergisst

      Der sogenannte Türrahmen-Effekt beschreibt das weitverbreitete Phänomen, bei dem Menschen unmittelbar nach dem Betreten eines neuen Raumes vergessen, was sie dort eigentlich tun wollten. Wissenschaftliche Untersuchungen, maßgeblich geprägt durch den Psychologen Gabriel Radvansky, zeigen, dass das Durchschreiten einer Türschwelle die Erinnerungsleistung messbar verschlechtert, da das Gehirn den Ortswechsel als Grenze zwischen verschiedenen Erlebniseinheiten wahrnimmt. Dies wird durch das „Event Horizon Model“ erklärt: Der menschliche Verstand gliedert den kontinuierlichen Strom an Wahrnehmungen in einzelne, überschaubare Episoden, um das… Weiterlesen »Der Türrahmen-Effekt: Warum das Gehirn an der Schwelle vergisst

      Rhythmische Aufmerksamkeit: Wie neuronale Schwankungen unsere Anfälligkeit für Ablenkung bestimmen

        Die menschliche Aufmerksamkeit ist kein kontinuierlicher Strom – sie folgt rhythmischen Schwankungen, die bestimmen, wann wir besonders empfänglich für Reize sind. Eine Studie von Zach Redding, Yuxiang Ding & Ian Fiebelkorn (2026) an der University of Rochester bestätigt diese Annahme der sogenannten Rhythmic Theory of Attention. Sie besagt, dass die visuelle Aufmerksamkeit des Menschen in einem ständigen Wechsel zwischen zwei Zuständen schwingt: In einem Zustand wird die Verarbeitung aktuell fokussierter Reize maximiert, im anderen öffnet sich das… Weiterlesen »Rhythmische Aufmerksamkeit: Wie neuronale Schwankungen unsere Anfälligkeit für Ablenkung bestimmen

        Wiederholungen können Entscheidungen steuern

          In der psychologischen Forschung wurde lange gerätselt, warum Menschen oft an altbewährten Verhaltensmustern festhalten, selbst wenn objektiv bessere Alternativen zur Verfügung stehen. Eine Untersuchung von Wagner, Wolf & Kiebel (2025) hat aufgezeigt, dass die bloße Wiederholung vergangener Handlungen aktuellen Entscheidungen weitaus stärker prägt als bisher vermutet. Dafür analysierte man Daten von über 700 Teilnehmenden aus insgesamt 15 Datensätzen, um zu verstehen, wie Lernprozesse in spezifischen Kontexten spätere Präferenzen in völlig neuen Umgebungen beeinflussen. Mithilfe eines dafür entwickelten… Weiterlesen »Wiederholungen können Entscheidungen steuern

          Hunger als Modulator der Wahrnehmung

            Hunger beeinflusst in hohem Maß, wie sensorische Reize wahrgenommen und bewertet werden. Der Geruch von Nahrung kann anziehend oder unbemerkt wirken, je nachdem, ob ein Organismus hungrig oder gesättigt ist. Diese Anpassungsfähigkeit beruht auf neuronalen Rückkopplungssystemen, die Sinneseindrücke nicht linear, sondern kontextabhängig verarbeiten. Neuere Befunde zeigen, dass spezifische olfaktorische Schaltkreise beim Wahrnehmen von Nahrungsgerüchen eine vorbereitende Sättigungsreaktion auslösen, noch bevor Nahrung aufgenommen wird (Bulk et al., 2025). Der Geruchssinn fungiert somit nicht nur als Informationsquelle, sondern als aktiver Regulator… Weiterlesen »Hunger als Modulator der Wahrnehmung

            Ordnung im sozialen Spiegel: Psychologische Perspektiven auf den Hawthorne-Effekt im Alltag

              Das Phänomen, dass Menschen ihre Wohnung vor allem dann gründlich aufräumen, wenn sich Besuch ankündigt, lässt sich sozialpsychologisch differenziert erklären. Es verweist weniger auf Oberflächlichkeit oder Bequemlichkeit als vielmehr auf grundlegende Mechanismen sozialer Wahrnehmung, Motivation und Selbstregulation. Zentral ist dabei die Annahme, dass das Selbstbild stark durch soziale Rückmeldungen geprägt wird. Bereits Charles Horton Cooley beschrieb mit dem Konzept des „Looking Glass Self“, dass Individuen sich selbst durch die Vorstellung betrachten, wie andere sie sehen. Dieses Prinzip… Weiterlesen »Ordnung im sozialen Spiegel: Psychologische Perspektiven auf den Hawthorne-Effekt im Alltag

              Die Hand als Vorbote des Wortes

                Wie Gestik die prädiktive Sprachverarbeitung im Gehirn unterstützt Die menschliche Kommunikation wird oft fälschlicherweise auf das rein gesprochene Wort reduziert, obwohl sie in ihrer natürlichen Form eine hochkomplexe, multimodale Interaktion darstellt, bei der Mimik, Blickkontakt und insbesondere Handgesten eine zentrale Rolle spielen. Eine aktuelle Forschungsarbeit verdeutlicht, dass begleitende Handbewegungen weit mehr als bloßes illustratives Beiwerk sind, denn sie fungieren als essenzielle Informationsträger, die dem Gehirn des Gegenübers dabei helfen, kommende Sprachinhalte aktiv vorherzusagen. Dieser Mechanismus basiert auf… Weiterlesen »Die Hand als Vorbote des Wortes

                Bioelektronik

                  Die Bioelektronik stellt ein hochgradig interdisziplinäres Forschungs- und Anwendungsfeld dar, das an der Schnittstelle zwischen Biologie, Chemie, Physik und Elektrotechnik operiert und die gezielte Integration biologischer Komponenten mit elektronischen Systemen zum Ziel hat. Im Kern befasst sich diese Disziplin mit der Übertragung und Verarbeitung von Signalen zwischen biologischen Systemen – die primär auf dem Transport von Ionen und molekularen Konfigurationsänderungen basieren – und technischen Schaltkreisen, die auf dem Fluss von Elektronen beruhen. Diese fundamentale Herausforderung der Signalumwandlung… Weiterlesen »Bioelektronik

                  Warum manche Jugendliche nicht aufhören können zu lügen

                    Hinter dem Phänomen des pathologischen Lügens bei Jugendlichen vermutet man oft kalkulierte Manipulation oder ein besonders ausgefeiltes kreatives Talent. Doch neue Forschungsergebnisse rücken ein ganz anderes Bild in den Fokus: Oft ist das zwanghafte Lügen weniger ein Zeichen von krimineller Energie als vielmehr ein Symptom überforderter kognitiver Kontrollsysteme. Ein Team um die Professorin Victoria Talwar konnte zeigen, dass Jugendliche, die sich in einem Netz aus Unwahrheiten verfangen, häufig unter Defiziten der sogenannten exekutiven Funktionen leiden. Während wir… Weiterlesen »Warum manche Jugendliche nicht aufhören können zu lügen

                    ADHS: Die Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen aus Sicht der klinischen Psychologie

                      In der aktuellen psychologischen Praxis lässt sich ein deutlicher Trend beobachten, bei dem junge Erwachsene vermehrt mit bereits feststehenden Erwartungen und selbst gestellten Diagnosen professionelle Hilfe suchen. Eine aktuelle Mixed-Methods-Studie von Neumann et al. (2026), für die knapp hundert klinische Psychologinnen und Psychologen in Österreich befragt wurden, belegt diese Entwicklung systematisch. Über 70 Prozent der Fachkräfte berichten von einer signifikanten Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen in den letzten Jahren, wobei insbesondere die Störungsbilder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und Autismus-Spektrum-Störungen… Weiterlesen »ADHS: Die Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen aus Sicht der klinischen Psychologie

                      Was ist Mattering?

                        Das Erleben, von anderen gesehen und gebraucht zu werden, ist kein „weiches“ Gefühl ohne messbare Bedeutung – es ist ein zentraler psychologischer Motor für Gesundheit, Handlungsfähigkeit und Lebensfreude. In der modernen Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang oft von Mattering – dem Erleben, dass man für andere und für die Welt zählt, dass man Bedeutung hat, Einfluss ausübt und wirklich wahrgenommen wird. Dieses Gefühl ist fundamental für die psychische Widerstandskraft (Resilienz) und eng mit Gesundheit, Motivation, sozialen… Weiterlesen »Was ist Mattering?

                        Kinder lernen leiblich

                          Die These „Kinder lernen leiblich“ bricht mit der traditionellen Vorstellung des Lernens als rein kognitivem, im Kopf stattfindendem Prozess und rückt stattdessen die existenzielle Verbundenheit des Kindes mit seiner Umwelt in den Fokus. Wenn man von „Leib“ spricht, greift man auf eine phänomenologische Unterscheidung zurück, die den messbaren, anatomischen Körper (Körper) vom empfindenden, erlebenden Subjektsein (Leib) trennt (Merleau-Ponty, 1966). Das Kind ist nicht einfach ein passiver Empfänger von Sinnesdaten, die wie isolierte Reize im Gehirn verarbeitet werden;… Weiterlesen »Kinder lernen leiblich