Studium aus Psycho­therapie in Deutschland

In Deutschland soll jetzt ein Studium zum Psycho­therapeuten ermöglicht werden. Der bisherige Ausbildungsweg dauerte bisher insgesamt acht Jahre, denn erst muss man ein fünfjähriges Psychologiestudium abschließen, idealerweise mit Schwerpunkt auf Klinische Psychologie und Psychotherapie, danach drei Jahre lang Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten, wobei nicht immer klar ist, welche Leistungen aus dem Studium für die Ausbildung angerechnet werden.Hinzu kommt, dass es während der Ausbildung keinen sicheren Anspruch auf Vergütung.

Die Reform soll diesen Prozess nun verkürzen, sodass der neu entstehende Studiengang auf die Psychotherapie zugeschnitten werden soll. Laut Gesetzesentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit sollen fachliche wie soziale Kompetenzen für die psychotherapeutische Versorgung von Patientinnen und Patienten aller Altersstufen vermittelt werden, wobei die Absolventen Behandlungen selber durchführen oder veranlassen können. Die Studierenden sollen zur selbstständigen Weiterbildung auch nach der Ausbildung ermutigt werden. Nach Abschluss der psychotherapeutischen Prüfung ist die Absolventin bzw. der Absolvent berechtigt, den Beruf auszuüben, doch wird er zuerst eine Weiterbildung zu durchlaufen haben, bevor er tatsächlich Patienten versorgen darf. Wie genau Studiengang und Weiterbildung im Detail aussehen, ist noch nicht bekannt. Von der Reform profitieren erst diejenigen, die nach der Verabschiedung des neuen Gesetzes zum Wintersemester 2020 ihren Ausbildungsweg beginnen, wobei ein Mindestlohn von 1000 Euro für alle Auszubildenden gelten soll.

Auch wird der Begriff Psychotherapeutin/Psychotherapeut künftig als Berufsbezeichnung festgelegt, denn bisher lautete die Bezeichnung Psychologische Psychotherapeut/innen oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/innen. Ärztinnen und Ärzte, die Psychotherapie anbieten, können sich ärztliche Psychotherapeutin/ärztlicher Psychotherapeut nennen.

Literatur

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/psychotherapeutenausbildung.html (20-07-12)



Bauchgefühl, Intuition und das Unbewusste

Für Sigmund Freud war das Unbewusste eine eher negative, bedrohliche Kraft, während heute das Unbewusste nicht mehr nur als Bedrohung des Ich gesehen wird, sondern als hilfreiche Unterstützung, etwa als emotionale Intelligenz, Bauchgefühle oder Intuition. Jede Sekunde schicken die Sinne Millionen von Informationen an das Gehirn, sodass Menschen bei einer bewussten Auswertung schlicht überfordert wäre. Nach etwa vierzig Informationen, die unser Gehirn erreichen, wird der überschüssige Input auf den Speicher des Unterbewussten umgeleitet. Dieser Speicher nimmt ständig Sinneseindrücke und Informationen in sich auf, verändert und steuert das menschliche Verhalten. Gerd Gigerenzer (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) belegte an zahlreichen Beispielen belegen, dass es sich lohnt, auf die Intuitionen zu vertrauen, wenn man über Dinge nachdenkt, über die man wenig weiß oder die schwer vorherzusagen sind. Eine komplexe Analyse zahlt sich dagegen nur dann aus, wenn es gilt, die Vergangenheit zu erklären, wenn die Zukunft in hohem Maße vorhersehbar ist und wenn reichlich Information vorliegt. Die Intelligenz des Unbewussten besteht darin, in jeder Situation auf die passende Faustregel zurückzugreifen nach dem Motto: “take the best ignore the rest“. Offenbar benötigt der Verstand einen unbewussten Berater, der schnell, kompetent, nicht auf Einzelheiten Wert legt, sondern das große Ganze sieht, und immer greifbar ist, wenn es eine Entscheidung zu treffen gilt. Für die Beurteilung der subtilen Signale der nonverbalen mimischen Kommunikation befindet sich im Gehirn ein spezielles Areal, das nur damit beschäftigt ist, bekannte Züge in Gesichtern aufzuspüren. Das Unterbewusstsein befasst sich dabei mit den winzigen Aussagen der Bewegungen von Stirn, Mund- und Augenwinkeln, die so viel mehr sagten als Worte. Diese Art, Entscheidungen zu fällen, hat sich in Jahrmillionen der Evolution entwickelt und auch der moderne Mensch ist manchmal gut beraten, der Intuition zu trauen. Besonders häufig wird diese Intuition angesprochen, wenn es um die Emotionen geht. Allerdings wissen wir, dass wir mit solchen Entscheidungen oft scheitern.

Da seit Sigmund Freud angenommen wird, dass das Unbewusste autonom und nicht vom Bewusstsein kontrollierbar ist, dominierte in der akademischen Psychologie die Vorstellung eines chaotischen und unkontrollierbaren Unbewussten. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass unser Bewusstsein zu den Absichten passende unbewusste Vorgänge in unserem Gehirn verstärkt und nicht passende hingegen abschwächt, wodurch gewährleistet wird, dass das bewusstes „Ich“ nicht zu stark von einer Vielzahl unbewusster Tendenzen beeinflusst wird. Mit Gehirnstrommessungen konnte nun gezeigt werden, dass bewusste Vorsätze die Arbeit der autonomen Systeme im Gehirn steuern, wobei die bewussten Absichten und Einstellungen darüber entscheiden, ob ein unbewusster Prozess in unserem Gehirn überhaupt ablaufen kann.

Intuition bedeutet, dass Menschen sprichwörtlich nicht mit dem Kopf sondern aus dem Bauch heraus entscheiden, d. h., sie wissen oder erahnen etwas, ohne die genauen Gründe dafür nennen zu können. Solche Bauchentscheidungen sind also nicht das Ergebnis bewussten Nachdenkens und Schlussfolgerns, sondern sie entstehen unbewusst. Oft gehen sie mit Emotionen einher, etwa einem Gefühl der Richtigkeit und des Sinnerlebens, wobei es dem Verstand verbleibt zu prüfen, ob die Eingebungen in tatsächliches Handeln umgesetzt werden. Die zugrundeliegenden kognitiven Prozesse basieren dabei auf Erfahrung, laufen schnell und unwissentlich ab, und ermöglichen das mühelose Zusammensetzen vieler verstreuter Aspekte zu einem kohärenten Ganzen. Bei Menschen mit Depressionen sind diese Prozesse jedoch beeinträchtigt, ihr Denken erscheint verengt, sie grübeln und verlieren ihre assoziativ-holistischen und intuitiven Spielräume. Allerdings sind die genauen Zusammenhänge zwischen Depression und Intuition noch unbekannt, sodass das Thema eines neuen psychologischen Forschungsprojekts der Freien Universität Berlin der Zusammenhang zwischen Depressionen und intuitiven Entscheidungen darstellt. Bisher zeigte sich, dass es psychisch gesunden Personen leichter fällt, Entscheidungen intuitiv zu treffen als depressiven Personen. Menschen, die akut an einer Despression leiden, haben auch vergleichsweise größere Schwierigkeiten, semantische Sinnzusammenhänge und -muster zu erkennen.

Florian Ilgen (2019) ist der Ansicht, dass man das Bauchgefühl, die innere Stimme bzw. die Intuition trainieren kann, wobei der Zusammenhang mit der Magengegend beim Bauchgefühl irreführend ist, denn man weiß gar nicht so genau, wo dieses Gefühl herkommt. Die im Körper spürbaren Emotionen sehen vermutlich in Verbindung mit dem impliziten Gedächtnis, also jenem Teil des Gedächtnisses, der das Erleben und Verhalten eines Menschen beeinflusst, ohne dabei ins Bewusstsein zu treten. Diese Form des Gedächtnisses denkt schneller und auch gründlicher als die höheren kognitiven Zentren. In diesem impliziten Gedächtnis hat man ein Erlebnis, eine Erkenntnis oder beommt eine Information abgespeichert, und in Entscheidungs- oder Gefahrensituationen ruft die Intuition das im Archiv ab, was sie gerade braucht. So weiß ein Mensch etwa sofort, dass er sich vor dem zum Schlag ausholenden Gegenüber wegducken sollte, denn bewusst wahrgenommen und durchgedacht, würde dieser Vorgang zu lange dauern. Je mehr Erfahrungen und Erlebnisse man in einem Lebensbereich hat, desto zuverlässiger ist das Bauchgefühl. Allerdings haben viele Menschen verlernt, ihr Bauchgefühl wahrzunehmen, denn die meisten sind davon überzeugt, dass Entscheidungen am besten auf rationaler Basis getroffen werden sollten. Daher suchen sie Argumente und wägen Vor- und Nachteile ab und denken, dass Emotionen dabei eher störend wären. Menschen können nach Florian Ilgen (2019) aber lernen, ihre Gefühle bewusster wahrnehmen und damit die Wahrnehmung des Bauchgefühls trainieren, wozu eine gehörige Portion Achtsamkeit im Alltag gehört. Man sollte daher versuchen, bestimmte Situationen bewusst wahrnehmen, vor allem mit Blick auf die dabei auftretenden Gefühle, wobei man diese Gefühle registrieren soll, wie sie sind, und sie nicht bewerten. Unterstützen kann man das etwa mehrmals am Tag mit kurzen Meditationen, also sich Zeit für sich selbst zu nehmen, in sich hineinzuschauen und zu sehen, wie es einem gerade geht, etwa bei einem Spaziergang. Wichtig ist dabei, das Bauchgefühl von anderen Emotionen wie Angst, Gier oder Liebe abzugrenzen, denn sonst besteht die Gefahr, dass die Intuition untergeht und nicht wahrgenommen wird. Wichtig für das Bauchgefühl ist daher ein ausgeprägtes Selbstvertrauen, d. h., man sollte sich trauen, darauf zu bauen, dass das, was man fühlt, richtig ist. Das funktioniert, wenn man möglichst häufig intuitiv entscheidet, denn je öfter man sich von seiner Intuition leiten lässt, desto mehr kann man sich auf sein Bauchgefühl verlassen.

Literatur

Ilgen, Florian (2019). Die Macht der Intuition – Warum Sie im richtigen Moment den Mut zur Veränderung haben müssen. Komplett Media GmbH.
https://idw-online.de/de/news715903 (19-05-18)



Placebo-Allergie – Allergische Reaktion ohne Allergen

In Studien zur Allergen-Immuntherapie wird neben der eigentlichen Studiengruppe zumeist zur Kontrolle eine Placebo-Gruppe angelegt, die anstelle des zu untersuchenden Medikaments ein wirkstofffreies Präparat erhält. Allerdings können dabei starke Placebo-Effekte diesen Nachweis erschweren, denn Placebo-Effekte werden in fast allen Studien zur Allergiebehandlung beobachtet. In Studien zur allergenspezifischen Immuntherapie werden Placebo-Effekte in zum Teil erheblichem Umfang beobachtet, wobei einzelne Studien jedoch Placebo-Effekte von über 50 Prozent im Vergleich zum Wirkstoff feststellen.

Allergische Reaktionen können daher aufgrund der Konditionierung auf einen bestimmten Hinweisreiz auch in Abwesenheit von Allergenen ausgelöst werden. Besedovsky et al. (2020) haben an Menschen, die an allergischer Rhinitis leiden, gezeigt, dass eine allergische Reaktion auch bei Abwesenheit von Allergenen ausgelöst werden kann, indem man einfach den Umgebungskontext, in dem ein Allergen zuvor verabreicht wurde, erneut durchlebt. Im einem Experiment wurden Probanden mit allergischem Schnupfen in einem neutralen Versuchsraum durch Verabreichung eines Nasensprays mit ihrem jeweiligen Allergen wie Gräser- oder Birkenpollen konfrontiert. Die Hälfte der Probanden ging nach diesem Experiment für acht Stunden schlafen, die zweite Hälfte musste bis zum kommenden Abend wach bleiben. Eine Woche darauf wurde das Experiment im selben Versuchsraum wiederholt, nur dass dieses Mal keine Allergene verabreicht wurden. Die Probanden reagierten schon kurz nach Betreten des Versuchsraums mit allergischem Schnupfen, allerdings nur die aus der Gruppe, die vor einer Woche im Anschluss an die Konfrontation mit dem Allergen geschlafen hatten. Weder hätten die Versuchsteilnehmer der Wachgruppe allergisch auf die Rückkehr in den Versuchsraum reagiert noch hätte ein anderer Ort, an den die Probanden der Schlafgruppe in der zweiten Woche geführt wurden, eine solche Wirkung gehabt. Offenbar ist Schlaf notwendig, um den Zusammenhang zwischen Umweltkontext und Allergen zu festigen, was bestätigt, dass an der Konditionierung durch die Umwelt, wie bei vielen Gedächtnisprozessen, der Hippocampus beteiligt ist, denn dieser arbeitet schlafabhängig. Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass allergische Reaktionen auch schon nach nur einem einzigen Konditionierungsversuch allein auf Kontextinformationen konditioniert werden können, dass aber Schlaf notwendig ist, um diese rasch erworbene maladaptive Reaktion zu konsolidieren. Diese Befunde haben Implikationen für das Verständnis der oft beobachteten Placebo-Allergie, die in Abwesenheit von Allergenen auftritt.

Literatur

Besedovsky, Luciana, Benischke, Mona, Fischer, Jörg, Yazdi, Amir S. & Born, Jan (2020). Human sleep consolidates allergic responses conditioned to the environmental context of an allergen exposure. Proceedings of the National Academy of Sciences, 117, doi:10.1073/pnas.1920564117.



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