Projekt Loss of Confidence

Zwölf Forscherteams starten das Projekt Loss of Confidence, um PsychologInnen zu ermutigen, einen Vertrauensverlust in ihre eigene Arbeit zu melden. Sie sind der Meinung, dass dieses Projekt den AutorInnen eine einfache Plattform bieten kann, um ihren Vertrauensverlust in ihre eigenen Forschungsergebnisse mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu teilen.

Die öffentliche Selbstkorrektur stammt von zwölf Autoren bzw. Autorenteams, die dafür plädieren, die Selbstkorrekturen einzelner Forscher zu erleichtern und zu fördern, um das System Wissenschaft von Fehlern zu befreien und das Vertrauen in die Zuverlässigkeit publizierter Ergebnisse zu erhöhen. In der Theorie korrigiert sich Wissenschaft zwar selbst, denn Erkenntnisse bauen aufeinander auf, akkumulieren sich und nach und nach schält sich etwas heraus, das als weitgehend gesichert gelten kann. Diese Theorie geht davon aus, dass sich alles andere von selbst aussortiert, doch scheitert diese Vorstellung unter anderem daran, dass sich Wissenschaftler wie andere Menschen auch in Ansichten verrennen können. Wollen Wissenschaftler Karriere machen, müssen sie so viel wie möglich publizieren. Die Qualität dieser Arbeiten spielt dabei eine viel zu geringe Rolle, Hauptsache, die Publikationsliste ist lang. Da werden eigene Zweifel dann womöglich runtergeschluckt und wacklige Ergebnisse publiziert, solange es das Überleben im akademischen Betrieb sichert.

Das Loss of Confidence Project soll einen etablierten Weg aufzeigen, um Selbstkorrekturen öffentlich zu machen. Auf dieser Webseite können dazu Psychologen in einem standardisierten Verfahren eigene Arbeiten quasi kritisieren, wobei sich die meisten Forscher nicht trauen, Selbstkritik zu üben. Die Forschergruppen wollen so auch eine Reputation als gewissenhafter Wissenschaftler aufbauen, die anderen Ergebnissen der betreffenden Forscher erst recht Glaubwürdigkeit verleiht. Auf jeden Fall würde ein offener Umgang mit Zweifeln an eigenen Forschungsergebnissen anderen Wissenschaftlern sehr viel Arbeit ersparen, denn Replikationsversuche lassen sich etwa leichter organisieren.

Link: https://lossofconfidence.com/

Literatur

https://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-koennte-quatsch-sein-1.4689473 (19-11-20)



Wie entstehen episodische Erinnerungen?

Episodische Erinnerungen hängen von der menschlichen Fähigkeit ab, eine breite Palette multisensorischer Informationen zu verarbeiten und diese Informationen in eine kohärente, einprägsame Darstellung zu integrieren. Auf neuronaler Ebene werden diese beiden Prozesse durch neocortikale Alpha/Beta-Desynchronisation (8 bis 20 Hz) bzw. Hippocampus-Theta/Gamma-Synchronisation (40 bis 50 Hz) unterstützt.

Episodische Erinnerungen zeigen Menschen daher deren persönlich erlebte Vergangenheit, wobei man bisher vermutet hat, dass die Bildung und das Abrufen dieser Erinnerungen durch eine Arbeitsteilung zwischen dem Neocortex und dem Hippocampus unterstützt wird, wobei der erste ereignisbezogene Informationen verarbeitet und der zweite diese Informationen miteinander verbindet. Dabei wurde bisher davon ausgegangen, dass sich diese beiden Prozesse koppeln, um erfolgreich episodische Erinnerungen zu erzeugen und auch wieder abzurufen. Griffiths et al. (2019) haben nun am Menschen gezeigt, dass dieser Informationsfluss in den Hippocampus und aus dem Hippocampus durch elektrische Oszillationen verfolgt werden kann, also phasenhafte Schwingungen, die Neuronen während der Verarbeitung von Prozessen generieren. Demnach beruhen Gedächtnisbildung und -abruf wesentlich auf Synchronisationsprozessen im Hippocampus und Desynchronisationsprozesse im Cortex, wobei das Verständnis dieser Interaktionen zwischen den verschiedenen Zentren beim Aufbau von Erinnerungen eine Basis dafür bildet, etwa Gedächtnisstörungen besser behandeln zu können.

Die Forscher fanden nun, dass sich dieser Prozess während des Gedächtnisabrufs umkehrt, wobei ein bidirektionaler Informationsfluss zwischen dem Neocortex und dem Hippocampus von grundlegender Bedeutung für die Bildung und den Abruf episodischer Erinnerungen ist. Die ForscherInnen vermuten nun, dass diese Kopplung den Informationsfluss vom Neocortex zum Hippocampus während der Gedächtnisbildung widerspiegelt, und die Vervollständigung des Hippocampus-Musters, die eine Wiederherstellung der Informationen im Neocortex während des Speicherabrufs bewirkt.

Literatur

Griffiths, Benjamin J., Parish, George, Roux, Frederic, Michelmann, Sebastian, van der Plas, Mircea, Kolibius, Luca D., Chelvarajah, Ramesh, Rollings, David T., Sawlani, Vijay, Hamer, Hajo, Gollwitzer, Stephanie, Kreiselmeyer, Gernot, Staresina, Bernhard, Wimber, Maria & Hanslmayr, Simon (2019). Directional coupling of slow and fast hippocampal gamma with neocortical alpha/beta oscillations in human episodic memory. Proceedings of the National Academy of Sciences, 116, doi:10.1073/pnas.1914180116.



Erinnerungen werden unbewusst geschönt

Menschen reichern im Alltag Erinnerungen mit ihrem heutigen Wissen an. Man muss eta nur genau zuhören, wie alte Menschen über ihre eigene Kindheit sprechen. Die Anzahl großartiger Kindheiten ist, wenn man ihnen glauben schenkt, inflationär, d. h., sie waren in ihrer Erinnerung immer klüger und fleißiger als die heute Jungen und haben schon immer alles gewusst. Das geschieht aber ohne bösen Willen, sondern sie sind überzeugt davon, dass damals alles besser war. Menschen sind schon naturgemäß Meister der Selbsttäuschung, denn Menschen besitzen nur interpretierte Erinnerungen an ihr Leben und sind bereit, sich viele Dinge schönzureden. Aber Menschen sind in der Lage, ihre falschen von den richtigen Erinnerungen zu unterscheiden. Dazu gehört, dass man ein Bewusstsein dafür schafft, wie fragil Erinnerungen sind. Wenn man diese Mechanismen des Erinnerns und Vergessens besser versteht, ist man auch weniger gefährdet.

Siehe dazu den Essay “Erinnern, die Schwester des Vergessens“.



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