Zum Inhalt springen

Ordnung im sozialen Spiegel: Psychologische Perspektiven auf den Hawthorne-Effekt im Alltag

    Das Phänomen, dass Menschen ihre Wohnung vor allem dann gründlich aufräumen, wenn sich Besuch ankündigt, lässt sich sozialpsychologisch differenziert erklären. Es verweist weniger auf Oberflächlichkeit oder Bequemlichkeit als vielmehr auf grundlegende Mechanismen sozialer Wahrnehmung, Motivation und Selbstregulation. Zentral ist dabei die Annahme, dass das Selbstbild stark durch soziale Rückmeldungen geprägt wird. Bereits Charles Horton Cooley beschrieb mit dem Konzept des „Looking Glass Self“, dass Individuen sich selbst durch die Vorstellung betrachten, wie andere sie sehen. Dieses Prinzip… Weiterlesen »Ordnung im sozialen Spiegel: Psychologische Perspektiven auf den Hawthorne-Effekt im Alltag

    Die Hand als Vorbote des Wortes

      Wie Gestik die prädiktive Sprachverarbeitung im Gehirn unterstützt Die menschliche Kommunikation wird oft fälschlicherweise auf das rein gesprochene Wort reduziert, obwohl sie in ihrer natürlichen Form eine hochkomplexe, multimodale Interaktion darstellt, bei der Mimik, Blickkontakt und insbesondere Handgesten eine zentrale Rolle spielen. Eine aktuelle Forschungsarbeit verdeutlicht, dass begleitende Handbewegungen weit mehr als bloßes illustratives Beiwerk sind, denn sie fungieren als essenzielle Informationsträger, die dem Gehirn des Gegenübers dabei helfen, kommende Sprachinhalte aktiv vorherzusagen. Dieser Mechanismus basiert auf… Weiterlesen »Die Hand als Vorbote des Wortes

      Bioelektronik

        Die Bioelektronik stellt ein hochgradig interdisziplinäres Forschungs- und Anwendungsfeld dar, das an der Schnittstelle zwischen Biologie, Chemie, Physik und Elektrotechnik operiert und die gezielte Integration biologischer Komponenten mit elektronischen Systemen zum Ziel hat. Im Kern befasst sich diese Disziplin mit der Übertragung und Verarbeitung von Signalen zwischen biologischen Systemen – die primär auf dem Transport von Ionen und molekularen Konfigurationsänderungen basieren – und technischen Schaltkreisen, die auf dem Fluss von Elektronen beruhen. Diese fundamentale Herausforderung der Signalumwandlung… Weiterlesen »Bioelektronik

        Warum manche Jugendliche nicht aufhören können zu lügen

          Hinter dem Phänomen des pathologischen Lügens bei Jugendlichen vermutet man oft kalkulierte Manipulation oder ein besonders ausgefeiltes kreatives Talent. Doch neue Forschungsergebnisse rücken ein ganz anderes Bild in den Fokus: Oft ist das zwanghafte Lügen weniger ein Zeichen von krimineller Energie als vielmehr ein Symptom überforderter kognitiver Kontrollsysteme. Ein Team um die Professorin Victoria Talwar konnte zeigen, dass Jugendliche, die sich in einem Netz aus Unwahrheiten verfangen, häufig unter Defiziten der sogenannten exekutiven Funktionen leiden. Während wir… Weiterlesen »Warum manche Jugendliche nicht aufhören können zu lügen

          ADHS: Die Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen aus Sicht der klinischen Psychologie

            In der aktuellen psychologischen Praxis lässt sich ein deutlicher Trend beobachten, bei dem junge Erwachsene vermehrt mit bereits feststehenden Erwartungen und selbst gestellten Diagnosen professionelle Hilfe suchen. Eine aktuelle Mixed-Methods-Studie von Neumann et al. (2026), für die knapp hundert klinische Psychologinnen und Psychologen in Österreich befragt wurden, belegt diese Entwicklung systematisch. Über 70 Prozent der Fachkräfte berichten von einer signifikanten Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen in den letzten Jahren, wobei insbesondere die Störungsbilder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und Autismus-Spektrum-Störungen… Weiterlesen »ADHS: Die Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen aus Sicht der klinischen Psychologie

            Was ist Mattering?

              Das Erleben, von anderen gesehen und gebraucht zu werden, ist kein „weiches“ Gefühl ohne messbare Bedeutung – es ist ein zentraler psychologischer Motor für Gesundheit, Handlungsfähigkeit und Lebensfreude. In der modernen Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang oft von Mattering – dem Erleben, dass man für andere und für die Welt zählt, dass man Bedeutung hat, Einfluss ausübt und wirklich wahrgenommen wird. Dieses Gefühl ist fundamental für die psychische Widerstandskraft (Resilienz) und eng mit Gesundheit, Motivation, sozialen… Weiterlesen »Was ist Mattering?

              Kinder lernen leiblich

                Die These „Kinder lernen leiblich“ bricht mit der traditionellen Vorstellung des Lernens als rein kognitivem, im Kopf stattfindendem Prozess und rückt stattdessen die existenzielle Verbundenheit des Kindes mit seiner Umwelt in den Fokus. Wenn man von „Leib“ spricht, greift man auf eine phänomenologische Unterscheidung zurück, die den messbaren, anatomischen Körper (Körper) vom empfindenden, erlebenden Subjektsein (Leib) trennt (Merleau-Ponty, 1966). Das Kind ist nicht einfach ein passiver Empfänger von Sinnesdaten, die wie isolierte Reize im Gehirn verarbeitet werden;… Weiterlesen »Kinder lernen leiblich

                Das Gehirn von Säuglingen kann bereits Kategorien erkennen

                  Die wissenschaftliche Untersuchung der frühkindlichen Gehirnentwicklung hat durch eine aktuelle Studie von O’Doherty et al. (2026) einen bedeutenden Erkenntnisgewinn erfahren. Entgegen der bisherigen wissenschaftlichen Annahme, dass Säuglinge in den ersten Lebensmonaten lediglich rudimentäre visuelle Reize wie Farben und Formen verarbeiten, zeigt die Forschung, dass das menschliche Gehirn bereits im Alter von nur zwei Monaten zu komplexen Kategorisierungsleistungen fähig ist. In diesem frühen Stadium, lange bevor die Kinder in der Lage sind zu sprechen oder gezielt nach Objekten… Weiterlesen »Das Gehirn von Säuglingen kann bereits Kategorien erkennen

                  Was ist der Schatten bei C. G. Jung?

                    „Der Schatten ist alles, was wir nicht wahrhaben wollen.“ Mit diesen Worten fasst Carl Gustav Jung, der Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, ein zentrales Konzept seiner Lehre prägnant zusammen. Der Schatten umfasst jene verdrängten Anteile unserer Persönlichkeit, die wir als unvereinbar mit unserem bewussten Selbstbild empfinden – Eigenschaften wie Neid, Wut, Aggression, Schwäche oder Gier, die wir vor uns selbst und anderen verstecken, weil sie unseren gesellschaftlichen Normen, familiären Erwartungen oder dem Idealbild der „Persona“… Weiterlesen »Was ist der Schatten bei C. G. Jung?

                    Was versteht man in der Psychologie unter Kama Muta?

                      In der Psychologie bezeichnet Kama Muta ein spezifisches, universelles soziales Gefühl, das durch das plötzliche Erleben intensiver sozialer Nähe und Verbundenheit ausgelöst wird. Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und lässt sich sinngemäß mit „von Liebe bewegt sein“ übersetzen. Er wurde eingeführt, um ein emotionales Phänomen präzise zu benennen, das in vielen Kulturen bekannt ist, jedoch in der westlichen Emotionsforschung lange unter unscharfen Bezeichnungen wie „Rührung“, „Herzerwärmung“ oder „tiefes Berührtsein“ zusammengefasst wurde. Kama Muta tritt typischerweise in… Weiterlesen »Was versteht man in der Psychologie unter Kama Muta?

                      Psychologische Ambivalenzen der auditiven Isolation im Schlaf

                        Die Nutzung von Ohrstöpseln wird oft als das ultimative Heilmittel für eine erholsame Nachtruhe propagiert, insbesondere in einer Welt, die zunehmend von urbaner Lärmverschmutzung und einer ständigen akustischen Überreizung geprägt ist. Für geräuschsensible Individuen, deren auditive Reizverarbeitung schneller in einen Zustand der Übererregung gerät, bieten diese physischen Barrieren eine notwendige Entlastung des vegetativen Nervensystems, indem sie die belastende Reizflut kappen und so die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin minimieren (Muzet, 2007). In der psychologischen Schlafforschung… Weiterlesen »Psychologische Ambivalenzen der auditiven Isolation im Schlaf

                        Zwischen Erholung und Kreativität: Die neurokognitive Kraft des Mittagsschlafs

                          Der menschliche Schlaf ist weit mehr als ein Zustand bloßer Regeneration – er ist ein zentraler Mechanismus zur Erhaltung und Optimierung kognitiver Leistungsfähigkeit. Während lange Zeit die nächtliche Ruhe als wesentliche Quelle geistiger Erholung galt, rückt zunehmend der kurze Schlaf am Tage – der sogenannte Powernap – in den Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Die jüngsten Untersuchungen zeigen eindrücklich, dass selbst ein kurzer Mittagsschlaf das Gehirn in bemerkenswerter Weise revitalisieren kann und nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die… Weiterlesen »Zwischen Erholung und Kreativität: Die neurokognitive Kraft des Mittagsschlafs