Zum Inhalt springen

Wie das menschliche Gehirn grammatikalische Irrwege korrigiert

    Beim Lesen bewegt sich das menschliche Auge keineswegs in einer durchgehenden, gleichmäßigen Vorwärtsbewegung über eine Textzeile. Stattdessen setzt sich der Lesevorgang aus schnellen Sprüngen (Sakkaden) und kurzen Ruhephasen (Fixationen) zusammen. Ein wesentlicher Teil dieser Bewegungen verläuft zudem rückwärts: Etwa jede fünfte Blickbewegung dient dazu, bereits gelesene Textpassagen erneut zu erfassen. In der Sprachwissenschaft existiert seit langem die Annahme, dass der kognitive Aufwand beim Verstehen von Sprache maßgeblich von der Erwartbarkeit einzelner Wörter abhängt. Das Gehirn antizipiert laufend… Weiterlesen »Wie das menschliche Gehirn grammatikalische Irrwege korrigiert

    Gibt es eine gesunde Verdrängung?

      Zwischen Schutzschild und Schatten: Das psychoanalytische wie kognitive Dilemma der funktionalen Verdrängung Die Fragestellung, ob es im Rahmen psychologischer Gesetzmäßigkeiten eine im weitesten Sinne funktionale oder gar gesunde Verdrängung geben kann, berührt ein zentrales Spannungsfeld der Persönlichkeitspsychologie und Psychotherapie. In der klassischen Psychoanalyse nach Sigmund Freud gilt Verdrängung (Repression) primär als ein unbewusster Abwehrmechanismus, bei dem inakzeptable Triebimpulse, traumatische Erinnerungen oder angstauslösende Konflikte aus dem Bewusstsein ins Unbewusste verschoben werden (Freud, 1915/1946). Freud betrachtete diese unbewusste Sperre… Weiterlesen »Gibt es eine gesunde Verdrängung?

      Warum manche Erinnerungen die Menschen verfolgen

        Das dauerhafte Bestehen emotional bedeutsamer Erinnerungen beruht auf einem komplexen neurobiologischen Zusammenspiel zwischen dem System der Gedächtnisbildung und emotionalen Steuerungszentren im Gehirn. Neue Deklarativinformationen werden zunächst im Hippocampus enkodiert, wo vorübergehende synaptische Anpassungen stattfinden. Um jedoch über Jahre oder ein ganzes Leben hinweg bestehen zu bleiben, müssen diese Gedächtnisspuren den Prozess der Systemkonsolidierung durchlaufen, bei dem sie vor allem während der Tiefschlafphasen schrittweise in neocortikale Netzwerke übertragen und dort langfristig verankert werden (Diekelmann & Born, 2010; Squire… Weiterlesen »Warum manche Erinnerungen die Menschen verfolgen

        Die neurobiologische Verarbeitung menschlicher Mimik im Hundehirn

          Die evolutionäre Co-Evolution von Mensch und Hund hat zu einer im Tierreich einzigartigen interspezifischen Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit geführt. Während in verhaltensbiologischen Untersuchungen bereits seit Längerem bekannt ist, dass Haushunde (Canis lupus familiaris) menschliche Emotionen anhand mimischer Reize unterscheiden können, blieben die zugrunde liegenden neurobiologischen Mechanismen weitgehend ungeklärt. Eine funktionelle Magnetresonanztomographie-Studie (fMRI) an wachen, nicht sedierten Hunden liefert nun vertiefende Einblicke in die funktionelle Organisation des kognitiven und affektiven Hundehirns (Hernández-Pérez et al., 2026). Die Ergebnisse belegen nicht… Weiterlesen »Die neurobiologische Verarbeitung menschlicher Mimik im Hundehirn

          Verlaufsformen, Ursachen und Schutzfaktoren kindlicher Gewalt in der Familie

            Die körperliche Gewalt von Kindern und Jugendlichen gegenüber ihren eigenen Eltern (Physical youth-to-parent aggression, PYPA) gehört zu den am wenigsten erforschten Formen familiärer Aggression. Dennoch zeigen empirische Daten, dass es sich keineswegs um Einzelfälle handelt: Rund ein Drittel aller jungen Menschen gibt an, mindestens einmal im Laufe des Heranwachsens handgreiflich gegenüber den eigenen Eltern geworden zu sein – sei es durch Schläge, Tritte oder das gezielte Werfen von Gegenständen. Eine langjährige Schweizer Längsschnittstudie des Zurich Project on… Weiterlesen »Verlaufsformen, Ursachen und Schutzfaktoren kindlicher Gewalt in der Familie

            Das Gefühl Neid ist nicht nur negativ zu bewerten

              Es gehört zu den universellen Erfahrungen des menschlichen Daseins, und doch redet kaum jemand offen darüber: Alle Menschen kennen Neid, aber niemand gibt gern zu, missgünstig zu sein. Kaum eine andere Emotion ist gesellschaftlich so stark tabuisiert und mit Scham besetzt. Menschen geben ohne Zögern zu, traurig, wütend oder überfordert zu sein, aber das Eingeständnis, den Erfolg, das Wohlstandssymbol oder das scheinbar mühelose Glück einer anderen Person kaum zu ertragen, bleibt meist tief im Verborgenen. Die Psychologie… Weiterlesen »Das Gefühl Neid ist nicht nur negativ zu bewerten

              Artificial Intelligence vs. Künstliche Intelligenz

                Die Begründung für dieses Missverständnis lässt sich wissenschaftlich und sprachlich präzise aufschlüsseln. Das Kernproblem liegt in einer semantischen Asymmetrie zwischen der deutschen und der englischen Sprache sowie in der Übertragung eines alltagspsychologischen bzw. anthropomorphen Intelligenzbegriffs auf ein technologisches System. Etymologische Vertauschung: Intelligence vs. Intelligenz Der Schlüssel zur Aufklärung dieses Missverständnisses liegt in der Übersetzung des Begriffs Artificial Intelligence (AI). Englisch (Intelligence): Das englische Wort intelligence leitet sich vom lateinischen intellegere („erkennen“, „einsehen“, „Informationen sammeln“) ab. Es hat… Weiterlesen »Artificial Intelligence vs. Künstliche Intelligenz

                Extravertiert versus extrovertiert

                  Der Sprachgebrauch unterscheidet sich im Alltag oft überraschend stark von wissenschaftlichen Fachbegriffen. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Bezeichnung für Menschen, die offen, gesellig und nach außen gewandt sind. Während in der Alltagssprache meist die Variante mit „o“ genutzt wird, greift die Fachliteratur auf die Schreibweise mit „a“ zurück. Diese leitet sich direkt aus dem Lateinischen ab und bedeutet wörtlich übersetzt „nach außen gewandt“. Das Sprachgefühl des Alltags hat die Schreibweise zwar über die Jahre angepasst und… Weiterlesen »Extravertiert versus extrovertiert

                  Interpersonale Synchronizität und soziale Bindung

                    Menschliches Verhalten zeichnet sich häufig durch spontane und unbewusste zeitliche Abstimmungen von Bewegungen zwischen Individuen aus. Dieses Phänomen der korporalen Koordination äußert sich sowohl in alltäglichen Dyaden – wie dem gleichzeitigen Wippen der Beine nebeneinander sitzender Personen oder dem gemeinsamen Schritttempo beim Nebeneinanderhergehen – als auch in kollektiven Großgruppen, etwa beim übergangslosen Einsetzen synchronen Klatschens innerhalb eines Publikums. Während die automatische Nachahmung von Haltungen, Gesten und Mimik – bekannt als perzeptiv-motorische Mimikry – bereits eingehend als zwischenmenschlicher… Weiterlesen »Interpersonale Synchronizität und soziale Bindung

                    Die evolutionäre Funktion von Selbstüberschätzung: Eine Neubewertung des Dunning-Kruger-Effekts

                      Der seit 1999 etablierte Dunning-Kruger-Effekt beschreibt bekanntlich die Neigung von Menschen mit geringen kognitiven Fähigkeiten oder fehlendem Fachwissen, die eigenen Leistungen systematisch zu überschätzen, während hochkompetente Menschen sich eher unterschätzen. Neuere rechnerische und methodische Überprüfungen großer Replikationsstudien durch Dawson & de Meza (2026) zeichnen jedoch ein grundlegend anderes Bild dieses sozialpsychologischen Phänomens. Durch die Anwendung verfeinerter statistischer Verfahren wird deutlich, dass das klassische Dunning-Kruger-Muster zu einem erheblichen Teil auf ein statistisches Artefakt zurückzuführen ist. In Testergebnissen, die… Weiterlesen »Die evolutionäre Funktion von Selbstüberschätzung: Eine Neubewertung des Dunning-Kruger-Effekts

                      Die Bedeutung der Selbstreflexion im Lernprozess

                        Die Steigerung von Lern- und Arbeitsleistungen basiert ab dem Erreichen eines gewissen Grundniveaus nicht primär auf der bloßen Quantität von Übungseinheiten oder wiederholter Ausführung, sondern maßgeblich auf der bewussten kognitiven Nachbereitung der gesammelten Erfahrungen. Wenn Individuen eine grundlegende Vertrautheit mit einer Aufgabe entwickelt haben, erweist sich das gezielte Ausgliedern von Arbeits- oder Übungszeit für die strukturierte Analyse, Dokumentation und Bewertung von Erfolgen und Fehlern als bedeutend wirksamer als das kontinuierliche Weiterarbeiten ohne Unterbrechung. Dieser Effekt gründet sich… Weiterlesen »Die Bedeutung der Selbstreflexion im Lernprozess

                        Die kognitive und gesellschaftliche Prägung des Gehirns durch Schriftspracherwerb

                          Die Entwicklung der Schrift zählt zu den bedeutendsten kulturellen Erfindungen der Menschheit, liegt zeitlich gesehen mit weniger als 6.000 Jahren jedoch nur einen extrem kurzen Moment in der menschlichen Evolution zurück. Da sich das menschliche Gehirn biologisch nicht speziell für das Lesen und Schreiben entwickelt hat, greift es bei der Aneignung dieser Kulturtechniken auf bestehende visuelle sowie kognitive Netzwerke zurück und passt diese grundlegend an. Über jahrelanges Training werden kognitive Teilfunktionen wie die Arbeitsgedächtniskapazität, die visuelle Differenzierungsfähigkeit,… Weiterlesen »Die kognitive und gesellschaftliche Prägung des Gehirns durch Schriftspracherwerb