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ADHS: Die Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen aus Sicht der klinischen Psychologie

    In der aktuellen psychologischen Praxis lässt sich ein deutlicher Trend beobachten, bei dem junge Erwachsene vermehrt mit bereits feststehenden Erwartungen und selbst gestellten Diagnosen professionelle Hilfe suchen. Eine aktuelle Mixed-Methods-Studie von Neumann et al. (2026), für die knapp hundert klinische Psychologinnen und Psychologen in Österreich befragt wurden, belegt diese Entwicklung systematisch. Über 70 Prozent der Fachkräfte berichten von einer signifikanten Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen in den letzten Jahren, wobei insbesondere die Störungsbilder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und Autismus-Spektrum-Störungen… Weiterlesen »ADHS: Die Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen aus Sicht der klinischen Psychologie

    Was ist Mattering?

      Das Erleben, von anderen gesehen und gebraucht zu werden, ist kein „weiches“ Gefühl ohne messbare Bedeutung – es ist ein zentraler psychologischer Motor für Gesundheit, Handlungsfähigkeit und Lebensfreude. In der modernen Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang oft von Mattering – dem Erleben, dass man für andere und für die Welt zählt, dass man Bedeutung hat, Einfluss ausübt und wirklich wahrgenommen wird. Dieses Gefühl ist fundamental für die psychische Widerstandskraft (Resilienz) und eng mit Gesundheit, Motivation, sozialen… Weiterlesen »Was ist Mattering?

      Kinder lernen leiblich

        Die These „Kinder lernen leiblich“ bricht mit der traditionellen Vorstellung des Lernens als rein kognitivem, im Kopf stattfindendem Prozess und rückt stattdessen die existenzielle Verbundenheit des Kindes mit seiner Umwelt in den Fokus. Wenn man von „Leib“ spricht, greift man auf eine phänomenologische Unterscheidung zurück, die den messbaren, anatomischen Körper (Körper) vom empfindenden, erlebenden Subjektsein (Leib) trennt (Merleau-Ponty, 1966). Das Kind ist nicht einfach ein passiver Empfänger von Sinnesdaten, die wie isolierte Reize im Gehirn verarbeitet werden;… Weiterlesen »Kinder lernen leiblich

        Das Gehirn von Säuglingen kann bereits Kategorien erkennen

          Die wissenschaftliche Untersuchung der frühkindlichen Gehirnentwicklung hat durch eine aktuelle Studie von O’Doherty et al. (2026) einen bedeutenden Erkenntnisgewinn erfahren. Entgegen der bisherigen wissenschaftlichen Annahme, dass Säuglinge in den ersten Lebensmonaten lediglich rudimentäre visuelle Reize wie Farben und Formen verarbeiten, zeigt die Forschung, dass das menschliche Gehirn bereits im Alter von nur zwei Monaten zu komplexen Kategorisierungsleistungen fähig ist. In diesem frühen Stadium, lange bevor die Kinder in der Lage sind zu sprechen oder gezielt nach Objekten… Weiterlesen »Das Gehirn von Säuglingen kann bereits Kategorien erkennen

          Was ist der Schatten bei C. G. Jung?

            „Der Schatten ist alles, was wir nicht wahrhaben wollen.“ Mit diesen Worten fasst Carl Gustav Jung, der Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, ein zentrales Konzept seiner Lehre prägnant zusammen. Der Schatten umfasst jene verdrängten Anteile unserer Persönlichkeit, die wir als unvereinbar mit unserem bewussten Selbstbild empfinden – Eigenschaften wie Neid, Wut, Aggression, Schwäche oder Gier, die wir vor uns selbst und anderen verstecken, weil sie unseren gesellschaftlichen Normen, familiären Erwartungen oder dem Idealbild der „Persona“… Weiterlesen »Was ist der Schatten bei C. G. Jung?

            Was versteht man in der Psychologie unter Kama Muta?

              In der Psychologie bezeichnet Kama Muta ein spezifisches, universelles soziales Gefühl, das durch das plötzliche Erleben intensiver sozialer Nähe und Verbundenheit ausgelöst wird. Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und lässt sich sinngemäß mit „von Liebe bewegt sein“ übersetzen. Er wurde eingeführt, um ein emotionales Phänomen präzise zu benennen, das in vielen Kulturen bekannt ist, jedoch in der westlichen Emotionsforschung lange unter unscharfen Bezeichnungen wie „Rührung“, „Herzerwärmung“ oder „tiefes Berührtsein“ zusammengefasst wurde. Kama Muta tritt typischerweise in… Weiterlesen »Was versteht man in der Psychologie unter Kama Muta?

              Psychologische Ambivalenzen der auditiven Isolation im Schlaf

                Die Nutzung von Ohrstöpseln wird oft als das ultimative Heilmittel für eine erholsame Nachtruhe propagiert, insbesondere in einer Welt, die zunehmend von urbaner Lärmverschmutzung und einer ständigen akustischen Überreizung geprägt ist. Für geräuschsensible Individuen, deren auditive Reizverarbeitung schneller in einen Zustand der Übererregung gerät, bieten diese physischen Barrieren eine notwendige Entlastung des vegetativen Nervensystems, indem sie die belastende Reizflut kappen und so die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin minimieren (Muzet, 2007). In der psychologischen Schlafforschung… Weiterlesen »Psychologische Ambivalenzen der auditiven Isolation im Schlaf

                Zwischen Erholung und Kreativität: Die neurokognitive Kraft des Mittagsschlafs

                  Der menschliche Schlaf ist weit mehr als ein Zustand bloßer Regeneration – er ist ein zentraler Mechanismus zur Erhaltung und Optimierung kognitiver Leistungsfähigkeit. Während lange Zeit die nächtliche Ruhe als wesentliche Quelle geistiger Erholung galt, rückt zunehmend der kurze Schlaf am Tage – der sogenannte Powernap – in den Fokus wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Die jüngsten Untersuchungen zeigen eindrücklich, dass selbst ein kurzer Mittagsschlaf das Gehirn in bemerkenswerter Weise revitalisieren kann und nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die… Weiterlesen »Zwischen Erholung und Kreativität: Die neurokognitive Kraft des Mittagsschlafs

                  Was ist eine kognitive Reserve?

                    Unter der kognitiven Reserve versteht man in der Psychologie und den Neurowissenschaften die Fähigkeit des Gehirns, neuropathologische Schäden oder altersbedingte Abbauprozesse zu kompensieren, sodass die kognitive Leistungsfähigkeit trotz vorliegender Hirnveränderungen über einen längeren Zeitraum erhalten bleibt. Das Konzept geht maßgeblich auf den Neuropsychologen Yaakov Stern zurück und erklärt die häufig beobachtete Diskrepanz zwischen dem Ausmaß einer Hirnschädigung – etwa durch eine Alzheimer-Erkrankung oder einen Schlaganfall – und den tatsächlich gezeigten klinischen Symptomen. Während die „Brain Reserve“ (Hirnreserve)… Weiterlesen »Was ist eine kognitive Reserve?

                    Die aktive Informationswahl verstärkt die Wahrnehmung von Wahrheit

                      Seit etwa fünf Jahrzehnten ist in der psychologischen Forschung das Phänomen bekannt, dass Menschen dazu neigen, Informationen allein aufgrund ihrer wiederholten Darbietung für wahr zu halten. Dieser „Truth-Effekt“ beschreibt die kognitive Verzerrung, bei der Vertrautheit fälschlicherweise als Evidenz für den Wahrheitsgehalt einer Aussage interpretiert wird. Eine aktuelle Untersuchung von Ingendahl et al. (2026) erweitert dieses Verständnis nun um eine entscheidende Komponente der digitalen Ära: die aktive Informationssuche. In einer Serie von acht Experimenten mit insgesamt fast 1.000… Weiterlesen »Die aktive Informationswahl verstärkt die Wahrnehmung von Wahrheit

                      Die Macht der visuellen Repräsentation

                        Der Picture Superiority Effect beschreibt das psychologische Phänomen, dass Bilder und Illustrationen signifikant besser im Gedächtnis bleiben als rein sprachliche Informationen. Evolutionär lässt sich dies damit begründen, dass die visuelle Verarbeitung seit Millionen von Jahren überlebenswichtig ist, während das Lesen eine historisch junge kulturelle Errungenschaft darstellt, die komplexe Dekodierungsprozesse erfordert. Theoretisch fundiert wird dieser Effekt vor allem durch Allan Paivios Dual-Coding-Theorie, die besagt, dass Bilder im Gedächtnis zweifach kodiert werden – sowohl als visuelles Abbild als auch… Weiterlesen »Die Macht der visuellen Repräsentation

                        Organisationales Lernen zwischen Stabilität und Wandel: Gregory Batesons Beitrag zum Verständnis von Führung und Entwicklung

                          Organisationen lassen sich als komplexe soziale Systeme begreifen, in denen Kommunikation, Bedeutungszuschreibungen und Erwartungen kontinuierlich miteinander verwoben sind. Angesichts zunehmender Unsicherheit, Dynamik und Mehrdeutigkeit stellt sich für Führungskräfte und Organisationsentwickler verstärkt die Frage, wie Lern- und Veränderungsprozesse in solchen Systemen verstanden und gezielt unterstützt werden können. Ein theoretischer Ansatz, der hierfür bis heute hohe Erklärungskraft besitzt, stammt von Gregory Bateson, einem interdisziplinär arbeitenden Denker des 20. Jahrhunderts, dessen Arbeiten Psychologie, Anthropologie, Kybernetik und Systemtheorie miteinander verbinden. Bateson… Weiterlesen »Organisationales Lernen zwischen Stabilität und Wandel: Gregory Batesons Beitrag zum Verständnis von Führung und Entwicklung