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Grundlagenforschung

Kollektive Intelligenz und strategische Anpassung

    In den extremen Ökosystemen der Schwefelquellen im mexikanischen Bundesstaat Tabasco lässt sich ein faszinierendes biologisches Phänomen beobachten, das neue Einblicke in die Komplexität kollektiven Verhaltens und die Dynamik von Räuber-Beute-Beziehungen liefert. Die dort beheimateten Schwefelmollys (Poecilia sulphuraria) haben aufgrund ihrer ökologischen Nische – sie müssen für Sauerstoff direkt unter der Wasseroberfläche schwimmen – eine einzigartige Verteidigungsstrategie entwickelt: sogenannte La-Ola-Wellen. Diese synchronisierten Tauchbewegungen dienen dazu, räuberische Vögel zu verwirren und deren Jagderfolg signifikant zu mindern. Eine umfassende Untersuchung… Weiterlesen »Kollektive Intelligenz und strategische Anpassung

    Die Bedeutung methodischer Entscheidungen für die Belastbarkeit sozialwissenschaftlicher Forschung

      Die Replizierbarkeitskrise, die vor etwa einem Jahrzehnt durch das „Reproducibility Project: Psychology“ ausgelöst wurde, hat die Sozial- und Verhaltenswissenschaften grundlegend transformiert und zu Reformen wie der Vorab-Registrierung von Studien geführt. Dennoch blieb eine zentrale Quelle wissenschaftlicher Unsicherheit lange Zeit unterbelichtet: die analytische Variabilität. Eine aktuelle, großangelegte Crowd-Initiative, an der über 450 Forschende weltweit beteiligt waren, untersuchte diese Problematik nun systematisch durch die Re-Analyse von 100 Studien aus den Jahren 2009 bis 2018. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass wissenschaftliche… Weiterlesen »Die Bedeutung methodischer Entscheidungen für die Belastbarkeit sozialwissenschaftlicher Forschung

      Die Psychologie des Hörens

        Über Aufmerksamkeit, Beziehung und Erfahrung eines grundlegenden menschlichen Sinns. Das Hören gehört zu den grundlegendsten Formen menschlicher Weltbegegnung. Während der Sehsinn häufig als paradigmatischer Erkenntnissinn gilt, eröffnet der Hörsinn eine andere, weniger gegenständliche und stärker relationale Weise des Weltbezugs. Geräusche, Stimmen und Klänge erscheinen nicht als isolierte Objekte, sondern als Ereignisse in der Zeit, die sich nur im Vollzug des Wahrnehmens erschließen. Aus psychologischer Perspektive lässt sich Hören daher nicht allein als sensorischer Prozess beschreiben, sondern als… Weiterlesen »Die Psychologie des Hörens

        Wie das Gehirn mit widersprüchlichen Informationen umgeht

          Eine aktuelle Studie von Slangewal und Bahl (2026) räumt mit der Vorstellung auf, dass das Gehirn bei widersprüchlichen Informationen einfach nur einen „Gewinner“ auswählt und den Rest ignoriert. Statt dieses harten „Winner-takes-all“-Prinzips, bei dem ein System zwischen zwei Optionen hin- und hergerissen wäre, nutzen Zebrafischlarven eine viel elegantere additive Strategie. Man kann sich das Gehirn der Larve wie ein Mischpult in einem Tonstudio vorstellen: Anstatt nur ein Instrument auf volle Lautstärke zu drehen und alle anderen stummzuschalten,… Weiterlesen »Wie das Gehirn mit widersprüchlichen Informationen umgeht

          Bedeutung, Grenzen und neue Perspektiven auf Kausalität in der Psychologie

            Die Corona-Pandemie hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft zeitweise in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Diskurses gerückt, wobei zahlreiche psychologische Studien zunächst zeigten, dass Menschen mit höherem Wissenschaftsvertrauen auch eher bereit waren, Schutzmaßnahmen wie Maskentragen, Händedesinfektion oder soziale Distanz einzuhalten. Dieses Vertrauen wurde von Politik und Medien rasch als entscheidender Hebel im Pandemieschutz interpretiert, doch neue Forschungsergebnisse differenzieren dieses Bild und stellen die Kausalität dieser Beziehung in Frage. Eine aktuelle Studienreihe von Wingen, Posten & Dohle… Weiterlesen »Bedeutung, Grenzen und neue Perspektiven auf Kausalität in der Psychologie

            Wie das Gehirn entscheidet, was es sich merken will

              Die neurowissenschaftliche Forschung zeigt immer deutlicher, dass Erinnern kein statischer Vorgang ist, sondern ein dynamischer Prozess, in dem das Gehirn fortwährend auswählt, welche Erfahrungen Bestand haben und welche rasch verblassen. Obwohl Menschen täglich eine Fülle an Eindrücken aufnehmen, gelangt nur ein kleiner Teil davon in das Langzeitgedächtnis. Diese strenge Auswahl ist notwendig, weil das Arbeitsgedächtnis nur begrenzte Kapazitäten besitzt und daher einen präzisen Filter benötigt, um Wichtiges zu bewahren und Unwichtiges auszusondern. Bis vor Kurzem ging man… Weiterlesen »Wie das Gehirn entscheidet, was es sich merken will

              Das menschliche Denken steht unter Energiegrenzen

                Aktuelle Untersuchungen stellen die energetische Grundlage des Denkens in den Mittelpunkt der Kognitionsforschung, denn Haueis & Colaço (2025) konnten zeigen, dass gängige Modelle geistiger Prozesse – von Wahrnehmung über Gedächtnis bis hin zu Aufmerksamkeit – die energetischen Rahmenbedingungen des Gehirns bislang kaum berücksichtigen. Obwohl das Gehirn lediglich einen kleinen Teil der Körpermasse ausmacht, beansprucht es einen erheblichen Anteil des gesamten Energieverbrauchs und arbeitet dabei immer noch effizienter als moderne Computersysteme. Diese Tatsache wird in vielen theoretischen Modellen… Weiterlesen »Das menschliche Denken steht unter Energiegrenzen

                Dopamin beeinflusst die Bewertung zukünftiger Belohnungen

                  Eine Studie von Smith et al. (2025) lieferte jüngst  neue Erkenntnisse darüber, wie das dopaminerge System menschliche Entscheidungsprozesse beeinflusst, insbesondere die Fähigkeit, auf spätere Belohnungen zu warten. Im Zentrum der Untersuchung stand der Einfluss von L-DOPA, einer Vorstufe des Neurotransmitters Dopamin, auf die sogenannte zeitliche Diskontierung (temporal discounting), also die Tendenz, kleinere sofortige Belohnungen größeren, aber verzögerten vorzuziehen. Frühere Studien hatten widersprüchliche Ergebnisse geliefert, denn während einige auf eine gesteigerte Impulsivität durch dopaminerge Stimulation hindeuteten, berichteten andere… Weiterlesen »Dopamin beeinflusst die Bewertung zukünftiger Belohnungen

                  Die Rolle von Objekten bei der Stärkung des inneren Kompasses

                    Eine Studie von Siegenthaler et al. (2025) hat herausgefunden, dass das Betrachten von Objekten die Präzision des Gehirns bei der räumlichen Orientierung verbessert. Man konnte zeigen, dass eine bestimmte Hirnregion, das Postsubiculum, das eine wichtige Rolle für den Orientierungssinn spielt, aktiviert wird, wenn Objekte wahrgenommen werden. Diese Region enthält spezielle Nervenzellen – die sogenannten Kopfausrichtungszellen – die auf bestimmte Kopfrichtungen reagieren. Die Studie, die mit Mäusen durchgeführt wurde, ergab, dass diese Zellen präziser arbeiten, wenn ein Objekt… Weiterlesen »Die Rolle von Objekten bei der Stärkung des inneren Kompasses

                    Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung von Gesichtern in Objekten

                      Die menschliche Neigung, Gesichter in unbelebten Objekten zu erkennen, bekannt als Pareidolie, wurde in einer aktuellen wissenschaftlichen Untersuchung analysiert. Die Studie von Chen et al. (2025)  untersuchte die Mechanismen, durch die sowohl Objekte mit gesichtsähnlichen Strukturen als auch menschliche Gesichter die Aufmerksamkeit des Betrachters steuern. Mithilfe einer Blick-Indizierungsaufgabe (gaze cueing task) mit 54 Teilnehmenden wurde verglichen, wie diese beiden Stimulusarten die visuelle Aufmerksamkeit lenken. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Aufmerksamkeit von Probanden stärker von gesichtsähnlichen… Weiterlesen »Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung von Gesichtern in Objekten

                      Wie das Gehirn fest Objekte und andere Materialien in der Umwelt unterscheidet

                        Der grundsätzliche Unterschied zwischen Objekten und Substanzen liegt in ihrer physischen Beschaffenheit: Ein Objekt ist ein stabiles, zusammenhängendes Ganzes, während eine Substanz wie Wasser, Sand oder Honig aus vielen beweglichen Teilen besteht oder formveränderlich ist. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die alltäglichen Handlungen, denn man greift einen Ball, während man für Flüssigkeiten Werkzeuge wie Löffel, Schalen oder Flaschen benötigt. Bereits Säuglinge erkennen diesen Unterschied intuitiv, was auf angeborene, tief in der Wahrnehmung verankerte Mechanismen schließen lässt. Ob… Weiterlesen »Wie das Gehirn fest Objekte und andere Materialien in der Umwelt unterscheidet

                        Neue Einsichten in menschliche Entscheidungsprozesse

                          Entscheidungsfindung gilt traditionell als ein Prozess, bei dem Menschen und Tiere optimale Handlungen basierend auf vergangenen Erfahrungen auswählen. Dieses Paradigma der optimalen Nutzenmaximierung prägt viele klassische kognitive Modelle. Neue Forschungen zeigen jedoch, dass diese Annahme der Optimalität die Realität nur unzureichend abbildet. Stattdessen sind Entscheidungsstrategien häufig suboptimal, aber systematisch und durch kleine, interpretierbare künstliche neuronale Netzwerke (KNN) erklärbar (Mattar & Lengyel, 2022). Diese neuronalen Netzwerke sind klein genug, um verstanden zu werden, jedoch leistungsstark genug, komplexe Entscheidungsprozesse… Weiterlesen »Neue Einsichten in menschliche Entscheidungsprozesse