‘Buchempfehlung’

Persönlichkeitsentwicklung von Einzelkindern

Donnerstag, Mai 11th, 2017

Es gibt nur wenige Anhaltspunkte dafür, dass Einzelkinder typische Persönlichkeitsmerkmale ausbilden, hinsichtlich derer sie sich von Geschwisterkindern unterscheiden. Das Einzelkinddasein erweist sich dann als Risikofaktor, wenn z.B. Eltern ihr einziges Kind zu sehr mit Wünschen, Ansprüchen, Forderungen und Förderungen überfrachten, wenn sie nicht loslassen können und es überbehüten und nicht angemessen abnabeln, aber auch Eltern, die sich gefühlsmäßig wenig engagieren, distanziert bleiben und kaum Anteil nehmen am Wohl ihres Kindes, weil ihnen die Partnerschaft oder der Beruf wichtiger sind, erweisen sich als gewisser Risikofaktor, der jedoch in Mehrkinderfamilien ebenso zu registrieren ist.
Das bedeutet aber nicht, dass sich im Einzelfall die Tatsache als Einzelkind – z.B. mit einer überbehütenden, grenzüberschreitenden Mutter aufzuwachsen – nicht schicksalhaft auswirken kann. Dies ist jedoch nicht typisch für eine größere Gruppe von Einzelkindern und lässt sich allenfalls übertragen auf andere, ähnlich beschaffene Einzelfälle. Es gibt auch keine wissenschaftlich fundierte Berechtigung dafür, Einzelkinder in einer Gruppe zusammenzufassen und mit Geschwisterkindern zu vergleichen. Einzelkinder wachsen unter Bedingungen auf, die denen von Geschwisterkindern weitgehend entsprechen, denn es führt z.B. das Aufwachsen mit nur einem Elternteil bzw. die Berufstätigkeit beider Eltern zu vergleichbaren Effekten gleichgültig, ob ein Kind ein Geschwister hat oder keines. Entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung sind die tagtäglichen Erziehungs- und Sozialisationserfahrungen, mit denen es Einzelkinder und Geschwisterkinder zu tun haben, sowie die Art und Weise, wie diese subjektiv wahrgenommen und verarbeitet werden.
Ob Menschen als Einzelkinder oder mit Geschwistern aufwachsen, kann übrigens auch die Entwicklung des Gehirns beeinflussen, wobei die Familiensituationen eine unterschiedliche strukturelle Entwicklung des kindlichen Gehirns bewirken können. Untersucht (Yang et al., 2017) wurden Studenten, die in einer Familie mit zwei Elternteilen aufgewachsen waren, wobei diese neben Gehirnscans auch Kreativitäts- und Intelligenztest und Persönlichkeitstest durchführen mussten. Es zeigten sich bei Volumenunterschiede der grauen Substanz im Gehirn, wobei diese bei Einzelkindern in jenem Bereich ausgeprägter war, der mit der Vorstellungskraft zusammenhängt, jedoch war sie schlechter in den Arealen entwickelt, der mit sozialem Verhalten in Verbindung steht. Einzelkinder schnitten bei Kreativitätstests besser ab, bei den Verhaltenstests hingegen schlechter.

Siehe dazu die Texte Ich war ein Einzelkind, Plötzlich kein Einzelkind mehr

Literatur
Kasten, Hartmut (1995). Einzelkinder – Aufwachsen ohne Geschwister. Berlin: Springer.
Yang, J., Hou, X., Wei, D., Wang, K., , Li, Y. & Qiu, J. (2017). Only-child and non-only-child exhibit differences in creativity and agreeableness: evidence from behavioral and anatomical structural studies. Brain Imaging and Behavior, 11, 493–502.



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Das soziale Gehirn

Freitag, April 28th, 2017

Franca Parianen hat in ihrem Buch die Erkenntnisse zu den sozialen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns zusammengetragen, denn ohne diese könnten sich Menschen nicht mit anderen austauschen, nicht streiten, nicht schmollen und auch nicht wieder versöhnen. Ohne das soziale Gehirn gäbe es auch keine Gesellschaft, keine Kultur, keine Arbeitsteilung und keine Liebe. In dem Buch geht es um Situationen wie die erste Kommunikation zwischen Eltern und Kind oder die zwischen Verliebten. Parianen geht schrittweise von unserer Fähigkeit zur Selbsterkenntnis, die Kommunikation eines Gehirns mit sich selbst, zur Beziehung zwischen zwei Gehirnen, bis hin zu unserem Verhältnis zu Gruppen, ganzen Nationen oder dem Rest der Welt. Wichtige psychologische Erkenntnisse zu Spiegelneuronen, der Theory of Mind, dem Hormon Oxytocin oder das Aggressionspotential von Testosteron werden auf dem aktuellen Wissensstand vorgestellt.



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Rezension Mark Wolynn „Dieser Schmerz ist nicht meiner“

Freitag, April 21st, 2017

Eine kleine Vorgeschichte zur Rezension: Nachdem ich das Exemplar vom Verlag erhalten hatte, lag es einige Zeit in meinem Wohnzimmer und wartete darauf, von mir gelesen zu werden. Dabei ergab es sich, dass zwei gute Freundinnen, die auf Besuch waren, das Buch sahen und baten, es ein wenig anlesen zu dürfen. Beide kamen schon nach der Lektüre weniger Kapitel zu dem Schluss, dass der Ansatz, den Mark Wolynn in seinem Buch beschreibt, auch auf sie persönlich und ihre Familien zuträfe. Sie berichteten von Ereignissen in ihren Familiengeschichte, die ihrer Meinung nach an die nächste Generation weitervererbt wurden. Insbesondere träfe das auf ihre eigenen Kinder zu und sie würden das Buch diesen empfehlen, damit diese vielleicht aus dieser störenden Tradition ausbrechen können.

Mark Wolynns Buch „Dieser Schmerz ist nicht meiner – Wie wir mit dem seelischen Erbe unserer Familie aussöhnen“ – im englischen Original: „It Didn’t Start with You: How Inherited Family Trauma Shapes Who We Are and How to End the Cycle“ – ist als Selbsthilfebuch gedacht, mit dessen Hilfe Menschen sich mit belastenden Traumata ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen können. Im Klappentext heißt es: „Manche Menschen sind grundlos traurig, ängstlich oder leiden an Schmerzen, für die es keine Erklärung gibt. Manche wollen ihr Potenzial leben und stoßen immer wieder an eine Grenze, die unüberwindbar scheint. Die Ursache kann in der Familiengeschichte liegen, wenn erlittenes Leid durch Kriegserlebnisse, Unfälle oder eine frühe Trennung von den Eltern an die nächste Generation weitervererbt wurde.“

Nach einer autobiographischen Einleitung, in der Wolynn seine persönliche Familiengeschichte darlegt, folgen einige allgemeine theoretische Ausführungen zu Traumata, Zellbiologie, Epigenetik und auch psychoanalytischen Ansätzen wie dem Unbewussten, die mit konkreten Fällen unter Einbeziehung der Lebensgeschichte der Leserin oder des Lesers beschrieben und analysiert werden. Dabei bedient sich Wolynn einer leicht verständlichen Sprache, die aber wie viele dieser Bücher Gefahr läuft, durchaus wissenschaftlich Fundiertes zu sehr zu verallgemeinern und manchmal auch zu trivialisieren. Im zweiten Teil des Buches geht es um die Sprache – die Erforschung der Schlüsselsprache -, die nach Ansicht von Wolynn mehr verrät, als den Menschen bewusst ist und einen Schlüssel zu den tradierten Geschehnissen darstellen. Auch dieser Abschnitt wird anhand zahlreicher Fallbeispiele illustriert, wobei mit Hilfe von Brückenfragen die Schlüsselsätze der Betroffenen herausgearbeitet werden. Hilfsmittel sind dabei die Anhang angeführten Fragen zur Familiengeschichte und Fragen zu früheren Traumata, durch die eine fallspezifische Genealogie der tradierten Traumata entwickelt werden soll. Im dritten Abschnitt schließlich geht es um die in den vorherigen Schritten gefundenen Erkenntnisse in die aktuelle Situation zu integrieren – Wolynn: „die Verbindung wiederherstellen“. Wie schon in anderen Abschnitten werden mit Hilfe von schriftlichen Aufgabenstellungen zu einzelnen Traumaauslösern, etwa der Beziehung zu den Eltern, dem Verhältnis zum eigenen Körper, zu Trennungserfahrungen oder zu missglückten Beziehungen, Möglichkeiten für heilende Schlüsselsätze aufgezeigt, um der Eigendynamik des Erbes zu entkommen. An das Ende des Buches stellt der Autor die Hoffnung, dass man mit seiner Hilfe den hinter allen Traumata mehr oder weniger versteckten Ängsten im Überblick über die aufgearbeiteten Geschehnisse besser begegnen kann.

Als Selbsthilfebuch, um Familientraumata zu heilen, stellt es trotz der einfachen und manchmal suggestiven Darstellung hohe Anforderungen in Bezug an Selbstreflexion an die Leserin oder den Leser, sodass der Anspruch, „sich wieder mit sich selbst zu verbinden und endlich das eigene Leben zu leben“ hoch gegriffen scheint. Die Problematik der Selbsthilfe bei den meisten psychischen Problemen ist erfahrungsgemäß die persönliche Involviertet und Betroffenheit, die einen nüchternen Blick auf traumatische Ereignisse erschwert. Dennoch kann das Buch vor allem begleitend zu einer psychotherapeutischen Behandlung empfohlen werden, nicht zuletzt auch TherapeutInnen, die die als Tools bezeichneten Fragelisten oder vorgeschlagenen Rituale in ihre psychotherapeutischen Begleitung integrieren können.

Hinweis: In gewisser Weise verwandt ist dieser Ansatz dem Grundgedanken der Imago-Therapie, in der davon ausgegangen wird, dass unverarbeitete Konflikte und Erlebnisse aus der Kindheit die Beziehungswelt Erwachsener belasten können. „Imago“ ist dabei die tiefenpsychologische Bezeichnung für ein idealisiertes Bild von Personen, das vor allem in der frühen Kindheit unbewusst entsteht und später die Entscheidungen und Handlungen des Erwachsenen beeinflussen kann.

Literatur

Mark Wolynn: Dieser Schmerz ist nicht meiner: Wie wir uns mit dem seelischen Erbe unserer Familie aussöhnen. Kösel-Verlag, 2017, ISBN-10: 346634655X.



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