‘Buchempfehlung’

Psychologische Tätigkeitsfelder

Freitag, Juli 13th, 2018

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen hat in 5. Auflage seinen Überblick über die psychologischen Berufsfelder veröffentlicht. Auch wenn in der Öffentlichkeit Psychologen nach wie vor häufig mit Psychologischen Psychotherapeuten gleichgesetzt werden, so bilden diese nur einen Teil des psychologischen Berufsstands.

Das psychologische Berufsfeld ist vielgestaltig und differenziert sich zunehmend auf, wobei ein grundlegendes wissenschaftliches Studium der Psychologie nach wie vor die wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche selbstständige Tätigkeit in allen Bereichen der angewandten Psychologie ist.

In dieser Dokumentation findet sich eine tiefergehende Beschreibung der Arbeitsmöglichkeiten als Psychologin oder als Psychologe. Auch wenn die Darstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und zukünftig ergänzt und fortgeschrieben werden soll (es fehlen Bereiche wie Gemeindepsychologie, Kunst- und Architekturpsychologie und Medienpsychologie, die allerdings aktuell nur begrenzte Beschäftigungsmöglichkeiten bieten), so bildet diese Zusammenstellung einen guten Einblick in das, was PsychologInnen so machen.

Download: Berufsbild Psychologie – Psychologische Tätigkeitsfelder (pdf, 348 KB)



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Richtig abnehmen passiert im Kopf

Mittwoch, Januar 3rd, 2018

Wenn man abnehmen will, sollte man sich auf keinen Fall zu große Ziele setzen, wie etwa zwanzig Kilogramm abzunehmen, denn einmal zwei Kilo abzunehmen ist ein wichtiger Anfang und man sollte sich dann selbst belohnen, wenn man es geschafft hat, aber natürlich nicht mit einem besonderen Essen. All Gewohnheiten wie das Essverhalten sind im Gehirn in den Basalganglien abgespeichert, d. h., wenn man sein Essverhalten ändern möchte, müssen man dieses Areal neu programmieren, wobei man ein Verhalten, das man ändern oder neu erlernen möchte, nicht von heute auf morgen umstellen kann. So gehen herkömmliche Diäten nicht auf die individuellen Vorlieben und Abneigungen der Menschen ein und sind nicht auf seinen individuellen Tagesablauf abgestimmt. Dabei stehen einander zwei Zentren im Gehirn gegenüber, nämlich das Vernunftdenken, das sagt, dass man eine Diät machen muss, weil der Rock oder die Hose zu eng sind, und das Belohnungssystem, das nach Genuss und Freude ruft. Während einer Diät wird das Belohnungssystem natürlich nicht zufriedengestellt, sodass man irgendwann scheitert, weil sich das Belohnungssystem letztlich wohl doch durchsetzt.

Dazu sagt eine Expertin: „Bei vielen Diäten verzichtet man unter Qualen auf gewisse Nahrungsmittel, die man eigentlich gern mag. Wenn man sein Gewicht dauerhaft reduzieren will, muss einem der Weg Freude bereiten. Dafür muss das Belohnungssystem aktiviert werden – und zwar nicht durch Essen. Es gibt nämlich noch viele andere Dinge, mit denen Dopamin gebildet werden kann und die sind sehr unterschiedlich. Das kann die Fahrt mit einem Sportwagen sein oder der Anblick einer schönen Landschaft oder ein Friseurbesuch. Wenn man durch eine dieser Möglichkeiten für eigene Zufriedenheit sorgt, hat man nicht das Gefühl, sich zu quälen. Man sollte daher mit kleinen Schritten beginnen, Zwischenmahlzeiten weglassen oder Ketchup reduzieren. Wichtig ist, dass nicht zu viele negative Gefühle aufkommen, denn dadurch werden Stresshormone wie Cortisol gebildet, und durch Cortisol bekommt man erst recht Lust, sich mit süßem oder fettigem Essen zu trösten. Übrigens gibt es ein einfaches Mittel die hormonelle Situation zu stabilisieren, nämlich durch viel Schlaf.“

Extremes Fasten oder Diäten, bei dem nicht selten gänzlich auf feste Nahrung verzichtet wird, kann sogar nach Ansicht von Experten die Funktionalität bestimmter Teile unseres Gehirns verändern. Das liegt auch daran, dass sich bei rigoros fastenden Menschen das Denken meist nur noch um Essen dreht, wobei Essen bei radikalem Fasten auch eine stärkere emotionale Bedeutung gewinnt. Das liegt zum einen am präfrontalen Cortex,  also dem Areal, das für Pläne, Handlungen und für Ziele, die man sich setzt, verantwortlich ist. Nach einem radikalen Fasten ist dieser Teil wesentlich inaktiver, sodass es schwerer fällt, sich Ziele zu setzen und Handlungen durchzusetzen. Das Belohnungssystem im Gehirn ist nach einer Radikaldiät deutlich aktiver, sodass Belohnungen in Form von Essen eine viel stärkere emotionale Bedeutung haben. Durch eine radikale Diät macht man es seinem Körper also richtig schwer, dauerhaft abzunehmen, wobei die höhere Aktivität des Belohnungssystems den Wunsch nach Gewichtsabnahme sogar ins Gegenteil verkehren kann. Daher gelingt eine sinnvolle Diät nur über einen längeren Zeitraum, etwa sich für gesundes Kochen und Essen mehr Zeit zu nehmen. Je kürzer eine Diät dauert, desto schlechter ist sie für den Körper, d. h., unter einem Jahr sollte man keine Diät machen, denn es ist wichtig, dass man sich die Zeit nimmt, man kann da nichts beschleunigen oder Monate auslassen.

In einer Studie an 23 übergewichtigen Frauen wurde übrigens untersucht, welche Gedanken eine Diät erfolgreich machen. Die Probandinnen sollten vor der Diät angeben, wie viel sie dabei abnehmen wollten und welche Erfolgschancen sie sich ausmalten. Dann teilte man die Teilnehmerinnen in zwei Gruppen ein und bat sie, sich folgende Szenarien auszumalen: eine Gruppe sollte sich vorstellen, das Programm erfolgreich beendet zu haben, die andere sollte von der Versuchung zu sündigen träumen. Diejenigen mit den besonders positiven Phantasien, die sich also vorgestellt hatten, wie schlank sie sein und wie leicht sie auf Süßigkeiten verzichten würden, hatten zwölf Kilo weniger abgenommen als diejenigen, die nicht ganz so positiv von sich geträumt hatten. Offensichtlich reicht es nicht, sich das Erreichen des Ziels vor Augen zu führen, sondern es bedarf einer realistischen Betrachtungsweise. Neben dem Ziel und den schönen Gefühlen, die man bei Erfolg haben würde, sollte man sich daher auch immer die Hürden und Fallstricke (mentales Kontrastieren) einer Diät überlegen.

Diätexperten sind der Ansicht, das Sport und weniger essen oft nicht ausreichen, um das Körpergewicht zu reduzieren. Dass sich der Erfolg beim Abnehmen langsamer einstellt, als erwartet, liegt zu einem großen Teil am Gehirn, denn das Gehirn achtet nämlich darauf, dass dem Körper stets genügend Energie zur Verfügung steht, sodass allein die Entscheidung zu einer Diät deshalb zu einer Stressreaktion führen kann, die unter Umständen das Hungergefühl steigert und der Appetit nimmt zu. Außerdem werden automatisch Vorräte angelegt. Übrigens kennt man auch das Phänomen, dass Übergewichtige sich oft nicht an vorangegangene Mahlzeiten erinnern können, denn sie haben eine reduzierte Wahrnehmung, was mit der Insulinresistenz zusammenhängen kann, dass also die Insulinrezeptoren der Zellen nicht mehr auf Insulin ansprechen und eine Blutzuckersenkung ausbleibt. Manche glauben auch, dass das Wohnen in überheizten Räumen eine Ursache für Übergewicht sein könnte, denn in den letzten 15 Jahren ist die Raumtemperatur in den USA und in den meisten anderen hochentwickelten Ländern immer wieder angestiegen, und gleichzeitig stieg in diesen Ländern auch die Zahl der Übergewichtigen. Auch der Aufenthalt in großen Höhen mit geringem Luftdruck und niedrigem Sauerstoffgehalt kann zu einer Gewichtsabnahme führen.

Quellen

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/05/motivation-psychologie-sport-abnehmen-diaet-sprachen-lernen (16-09-20)



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(Sexueller) Missbrauch in der katholischen Kirche

Freitag, August 11th, 2017

Der Wert einer Religion wird durch die Qualität der Moral bestimmt, die sie zu begründen vermag.
Michel Houellebecq

Da in den letzten Tagen viel Spekulatives und viel Unsinniges zu den aktuellen Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche geäußert worden ist, sollen hier einige Fakten genannt werden, die bei der Diskussion berücksichtigt werden sollten. Sie beruhen einerseits auf fachlichem Wissen aus dem Bereich der Psychologie – insbesondere Entwicklungspsychologie – und andererseits auf dem schlichten Hausverstand einer phänomenologischen Analyse aktueller und vergangener Ereignisse in diesem Kontext. Vom Standpunkt des Entwicklungspsychologen aus haben physische Gewaltausübung und sexuelle Übergriffe zahlreiche Berührungspunkte. TäterInnen kommen aus allen sozialen Schichten und häufig aus angesehenen Berufen, die mit einem hohen Image und sozialen Status ausgestattet sind, wie Lehrer, Direktoren, Pastoren, Priester und Bischöfe. Was deren Sexualität betrifft, können sie heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder pädophil veranlagt sein, sodass eine Konzentration des Diskurses auf homosexuelle und pädophile Täter wenig zielführend ist.

Der Zölibat ist übrigens kein besonders wesentlicher, d.h., unmittelbarer Faktor bei diesen Überlegungen, da er sich innerhalb der katholischen Kirche ohnehin traditionelle „Schlupflöcher“ gesucht hat, und ihm sowohl historisch als auch aktuell faktisch nie eine wesentliche Rolle in Bezug auf Missbrauch zukommt, wenngleich manche aus bestimmten Interessen heraus diesen in die Diskussion eingebracht wissen wollen. Der Zölibat führt jedoch durch die Deformation der eigenen Sexualentwicklung – Kleriker bleiben in der Regel auf einem infantilen bzw. pubertären Stadium – zu einem abstrusen Frauenbild – alle Frauen bis auf die Jungfrau Maria und die eigene Mutter wären potentielle Verführerinnen – und kann daher in einigen Fällen sicher als eine mittelbare Ursache der Pädophilie bzw. Ephebophilie vermutet werden.

  • Sexueller Missbrauch tritt in äußerst unterschiedlichen Formen auf, sodass Einzelfälle nur sehr schwer miteinander vergleichbar sind. Es ist daher problematisch, alle Fälle in denselben Topf „sexueller Missbrauch“ zu werfen. Viele sind schlichte Gewalt, denn
  • sexueller Missbrauch ist in der Regel Gewaltausübung, vor allem aus der Perspektive des Opfers. Soferne geistige Einschränkung oder Unzurechnungsfähigkeit unterstellt werden kann, kann auch ein Täter Opfer sein. Daraus abzuleiten, dass ein System wie die katholische Kirche zwangsweise sexuelle Verklemmung hervorruft und auf Grund solcher Bedingungen beinahe mit Notwendigkeit manche Menschen zu Tätern macht, ist eher auf dem Hintergrund menschlicher Freiheit zu diskutieren.
  • Gewalt ihrerseits als Form der psychischen Energie, die nach Abfuhr verlangt, gleitet im Exzess mittels Gewalteskalation häufig in den sexuellen Bereich (siehe etwa die Folterungen im Irak). Die bei der Gewaltausübung angestrebte Demütigung der Opfer äußert sich in der Regel in Tabubrüchen und Überschreitungen der Schamschranken, die fast immer mit Sexualität und sexueller Gewalt zu tun haben.
  • Sexueller Missbrauch äußert sich in vielen Fällen als psychische Gewalt, indem beim Opfer massive Schuldgefühle und Ängste erzeugt werden.
  • Extreme Gewaltausübung kann im Extremfall als sexuelle Befriedigung erlebt werden, wie sie etwa bei sadistischen und masochistischen Praktiken auftreten.
  • Zwischen Opfer und Täter besteht in der Regel ein Machtgefälle bzw. eine Abhängigkeit, die durch institutionelle Bedingungen befördert und gesteuert werden.
  • Es gibt bei allen Missbrauchsfällen zwei zentrale Komponenten und deren Wechselwirkung: die beteiligten Personen und die Situation, in der sich diese Personen befinden.
    • Personale Faktoren sind die Sozialisation, die Erziehung, die Persönlichkeit der Betroffenen, also der Täter und der Opfer. Zum Teil hat der erzwungene Verzicht auf erotisch-sexuelle Befriedigung auch massive Folgen für anvertraute Abhängige (s.u.).
    • Situationale Faktoren sind die Strukturen, in denen die beteiligten Personen sich befinden, wobei hier vor allem Abhängigkeitsverhältnisse, Hierarchien und eingeforderte Autoritäten zu nennen sind. Durch solche situationalen Faktoren werden Gewalt und Missbrauch unter den Kindern bzw. Jugendlichen ermöglicht und gefördert – es ist nach entwicklungspsychologischen Kenntnissen geradezu ein zynischer Sadismus, pubertierende Jugendliche in dieser Zeit der körperlichen, psychosexuellen und psychosozialen Entwicklung „zusammenzusperren“. In dieser Lebensphase innerer Spannungen an seine physischen und psychischen Grenzen zu gehen ist ein normaler Vorgang, der aber unter zusätzlichem äußeren Druck mit hoher Wahrscheinlichkeit „Unfälle“ produziert. Der epidemische Missbrauch in katholischen Schulen, der etwa in den USA und Irland in den letzten Jahren ans Licht kam, ist der beste Beweis dafür.
      Anmerkung: Leider hat die literarische Aufarbeitung etwa im Törleß oder Frühlingserwachen offensichtlich wenig Wirkung gehabt, aber wer liest heute schon Musil, Wedekind oder gar Fleißner. Und neuere Literatur wie Köhlmeier (Die Musterschüler), Frischmuth (Die Klosterschule), Bernhard (Die Ursache – eine Andeutung)? Oder ganz alte wie die Carmina Burana?
    • Wechselwirkung: Die der menschlichen Natur eigene Form der Zweigeschlechtlichkeit bedingt bei einer Aggregierung in monosexuellen Kontexten wie Klöstern oder auch beim Militär zwangsweise ein Ausweichen in homoerotische Orientierungen. Diese wird vor allem durch die oft lebenslange Dauer fast unausweichlich, wobei die Unterdrückung des Sexualtriebs häufig psychopathologische Folgen nach sich zieht. Allerdings ist es ein offenes Geheimnis, dass es durch sexuelle Praktiken wie Selbstbefriedigung praktisch bei allen doch zu einer Triebabfuhr kommt, die bei einem institutionellen Verbot (Sünde) und Pönitenz (Buße) jedoch meist verstärkte psychische Auffälligkeiten hervorrufen wird.
  • Sexueller Missbrauch wie Gewaltausübung kann nur in geeigneten Situationen stattfinden, in den meisten Fällen in einem anderen nicht zugänglichen „Raum“ – Raum hier im metaphorischen Sinne gebraucht. Daher sind Klöster, Kasernen aber auch Internate geradezu „natürliche Orte“ für sexuellen Missbrauch und Gewalt. Bekanntlich finden sowohl Gewalt (Tötungsdelikte findet man meist innerhalb enger sozialer Beziehungen) als auch der „gewöhnliche“ Missbrauch überwiegend im Rahmen der Familien statt (siehe dazu „(K)ein sicherer Ort), also ebenfalls in einem abgeschlossenen Raum. Während aber die Konstellation Familie wohl als gesellschaftlich existenziell betrachtet werden muss, trifft das auf Klöster und Internate nicht zu. Gemeinsam ist diesen Einrichtungen bei aller Unterschiedlichkeit eine gewisse Exklusivität und Abgeschlossenheit gegenüber der Gesellschaft und manchmal auch reformpädagogischer Ansätze. Die Trennung von privat und gemeinschaftlich ist in solchen Institutionen aufgehoben, sodass eine übergroße Nähe zwischen LehrerInnen und SchülerInnen zugelassen wird.
  • Der jetzt von manchen postulierte fließende Übergang zwischen erzieherischem Eros und sexuellem Missbrauch existiert nicht, da in Abhängigkeitssituationen die Kontrolle des „Nein“ vom Machtausübenden mitbestimmt bzw. durch diesen eingeschränkt wird.

Die katholische Kirche mit ihren Einrichtungen ist auf Grund vieler Faktoren prädestiniert für das Auftreten von sexuellem Missbrauch in Verbindung mit Gewalt, wobei hier nur die m.E. wesentlichen Gründe genannt werden können:

  • Sexueller Missbrauch hat in der katholischen Kirche Tradition, denn Päpste, katholische Kaiser, Könige und Adlige hatten ein Recht darauf in Form der Entjungferung von Mädchen, wobei es grausamste sexuelle Gewalt und Praktiken z.B. in Kreuzzügen und anderen religiös motivierten Kriegen gab.
  • Frauen wurden – nicht nur aber auch im Besonderen in der katholischen Kirche – über Jahrhunderte hinweg mit Sünde und Verführung gleichgesetzt, sodass damit einem Missbrauch Vorschub geleistet wurde.
  • Kinder wurden und werden auch in katholisch geprägten Gemeinschaften oft als Besitz betrachtet, über die in legitimer Weise verfügt werden kann und mit denen alles gemacht werden kann.
  • Die in kirchlichen und kirchennahen Schulen problematische Personalrekrutierung in Verbindung mit dem Zölibat und einem erzieherischen Auftrag, der Nähe und Empathie erfordert, erhöht unter geeigneten exklusiven Rahmenbedingungen die Wahrscheinlichkeit für Fehlverhalten.
  • Neben der Attraktivität für einschlägig problematische Persönlichkeiten kann es in der Phase der normalen pubertären homoerotischen Interessen auch zu einer pathologischen Manifestation kommen.
  • Streng hierarchische Strukturen mit Abhängigkeitsverhältnissen, die vermeintliche Autorität im Sinne von arrogierter Macht erzeugen. Als unabdingbares Komplement zur Macht kommt immer die Ohnmacht. Macht kann in der Regel nur mit Gewalt aufrecht erhalten werden, während Widerstand Gewalt provoziert. Aus diesem Grund ist auch das Militär mit seinen kirchenähnlichen Strukturen besonders anfällig für Gewaltexzesse und auch Missbrauch
  • Geschlossenheit und erzwungene Nähe in einer Art Kastensystem unterstützt durch mangelnde und auch kaum zu befürchtende Transparenz das Überschreiten von natürlichen Schamgrenzen.
  • Ordnungen, die menschlichen Wesenszügen widersprechen, also menschenfeindlich sind, können letztlich nur mittels psychischer und physischer Gewalt aufrecht erhalten werden.
  • Die Ausbildung zum Kleriker erfolgt in vielen Fällen in der Adoleszenz, also in einer Phase, in der normalerweise die Sexualität erwacht. Diese unterdrücken zu müssen führt zu Schuldgefühlen, Ängsten und Zwängen. Die Folgen der Triebabwehr können oft erst viele Jahre danach ihre Auswirkungen zeigen.
  • Gewaltausübung wie sexueller Missbrauch zielen auf Kontrolle über andere Menschen. Ein Kontrollverlust mündet in geschlossenen Systemen in der Regel in Aggression.
  • Aggressionsausübung kann sowohl zur Gewöhnung führen als auch suchtartige Merkmale aufweisen, die nach einer ständigen Erhöhung der „Dosis“ verlangen.
  • Durch diese Geschlossenheit bedingt ist auch die Möglichkeit des langfristigen Missbrauchs. Hier wird Wiederholungstätern geradezu eine Spielwiese bereitet, sowohl in Bezug auf Missbrauch als auf Gewaltausübung.
  • Die Geschlossenheit begünstigt auch unsägliche verteidigende Stellungnahmen im Sinne von: „es ist nicht allein unser Problem“ oder „die sexuelle Revolution war schuld“. Letztere ist vermutlich dafür verantwortlich, dass weniger unter den Teppich gekehrt wird. Die Stellungnahmen einiger weniger Kirchenvertreter deckt sich weitgehend mit den Strategien Krimineller in Verhören oder mit den Argumentationen unreifer Kinder und Jugendlicher, die bei Vorwürfen mit den Fingern reflexartig auf andere zeigen. Auf ähnlichem Niveau befinden sich dialektische Spitzfindigkeiten, etwa indem man sich zwar tief betroffen zeigt, aber sich dann in etymologischen Überlegungen mit dem Wort „Missbrauch“ beschäftigt, statt mit dem „Missbrauch“ als Tat. Siehe dazu die aktuelle „Verarbeitung“ z.B. auf http://www.kath.net/
  • Die Leibfeindlichkeit der katholischen Kirche und eine damit verbundene Unterdrückung der natürlichen Sexualität des Menschen.
  • Da Sexualität als Geschlechtsverkehr und Onanie für Kinder, Jugendliche und Unverheiratete mit dem Makel der Sünde behaftet ist, ist ein Ausleben mit negativen psychischen Folgen verbunden. Da ein Leben ohne Sexualität realistischerweise für einen gesunden Menschen unlebbar ist, sind innerpsychische Konflikte für einen Katholiken vorprogrammiert.
  • Die Tabuisierung der Sexualität in der katholischen Kirche führt in überwiegend katholischen Ländern bei den Gläubigen zu einer auch sprachlichen Verdrängung des Sexuellen im Alltag, die so weit geht, dass sogar das Fluchen Sexualität ausspart und sich auf die Funktion der Ausscheidung konzentriert – Analität statt Sexualität.
  • Die sexuelle Natur des Menschen kann nur mit Hilfe von Unterdrückung und Angst „überwältigt“ werden. Priester und Nonnen sind zunächst einmal auch ganz normale Menschen und haben in den allermeisten Fällen auch ganz normale sexuelle Wünsche und Bedürfnisse. Die katholische Sexuallehre verbietet ihren Gläubigen nicht nur die freie sexuelle Lust, sondern sie verlangt auch noch den Verzicht auf erotisch-sexuelle Liebe für Priester, Mönche und Nonnen. Damit werden diese in seelische und ethische Konflikte gestürzt, weil sie diesen unnatürlichen und unsinnig-abartigen Verzicht nicht durchhalten können und in Versuchungssituationen geraten, denen sie dann mehr oder weniger erliegen – also „sündigen“. Am schlimmsten ist für die Betroffenen ihre unendliche Einsamkeit mit dieser Konfliktsituation.
  • Kinder innerhalb der katholischen Kirche werden von klein auf mit dem Makel der Schuld (Erbsünde, Verstoß gegen Gebote) attribuiert und erleben sich daher auch oft als selbst als schuldig am Missbrauch, da eine erwachsene Vertrauensperson ja gar nicht schlecht sein kann.
  • Viele Kinder definieren die Ereignisse auch gar nicht als Missbrauch, selbst wenn ein unbestimmt negatives Gefühl aufkommt, das sich eben nicht eindeutig definieren lässt und diffus bleibt.
  • Missbrauch wird im Laufe der Zeit stark mit Scham besetzt, wobei bei Knaben in der Pubertät das Bedürfnis hinzukommt, sich selbst als stark zu erleben, während Schwäche als Verlust der eigenen Autonomie und des Selbstbewusstseins erlebt wird. Das führt zur Verdrängung.
  • Zynischerweise empfiehlt man in ihrer natürlichen Not Sündigenden, sich doch Gott anzuvertrauen, der alles sieht und alles verzeiht. Der allwissende Gott ist übrigens eines der gewalttätigsten Machtmittel, um unaufgeklärte Kinder, Jugendliche, aber auch gläubige Erwachsene in Abhängigkeit und vor allem Angst zu halten.
    Siehe dazu auch „Religion, Schuldgefühle und Angst und Sexualität und Katholische Kirche.
  • Innerhalb des Klerus als reine Männergesellschaft ist durch das Verbot von jeglicher Sexualität wie Geschlechtsverkehr und Onanie die Entwicklung zu homoerotischen Präferenzen systemimmanent und vorhersehbar. Missbrauch tritt daher etwa in der BRD (18 von 27 Bistümern sind bisher von einschlägigen Vorwürfen betroffen) beinahe flächendeckend auf.
  • Durch die Rahmenbedingungen innerhalb der katholischen Institutionen sind naturgemäß gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte in der Überzahl. Hier gilt Ähnliches wie für Gefängnisse, in denen der sexuelle Missbrauch an der Tagesordnung ist, der häufig mit Gewalt und einer strengen Hierarchie verbunden ist.
  • Hinzu kommt eine „latente“ Attraktivität der katholischen Kirche für Pädophile – diese besteht aber in gleicher Weise auch beim Beruf des Heimerziehers, Pflegers oder Lehrers, allerdings unterliegt dieser Bereich in der Regel einer größeren öffentlichen Kontrolle.
  • Da die (katholische) Kirche offiziell sowohl bestimmte Bereiche der Gewalt wie auch bestimmte Formen der Sexualität unter Strafe stellt und damit teilweise an den Einzelnen über die gesellschaftlich tolerierten Grenzen moralische Maßstäbe anlegt und auch einfordert, gerät sie unter diesem besonderen Anspruch notwendigerweise von Zeit zu Zeit in ein unauflösbares moralisches Dilemma.

Eine Zusammenstellung aktueller und älterer „Fälle“ finde sich bei Rudolf Sponsel „Materialien Sexueller Mißbrauch in den Katholischen und anderen Kirchen„, der schreibt: „Es scheint, als sei 2010 der Damm endgültig gebrochen. Alle rechtswidrigen, kriminellen, hinterhältig-verlogenen Abwehr- und Unterdrückungsmanöver scheinen völlig zusammengebrochen und eine sintflutartige Lawine von vielfältigen Missbrauchsvorwürfen stürzt derzeit über die katholische Kirche an allen Ecken und Enden herein“.
Link: http://www.sgipt.org/politpsy/krimi/kirche/sexmiskk.htm

Siegfried Preiser sagt zu der oft ambivalenten Diskussion zum Thema Missbrauch in einer Aussendung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen: „Eine Ursache sehe ich auch in der Erfahrung oder der Angst, nicht ernst genommen zu werden, als „beschmutzt“ zu erscheinen oder gar als Mit-Täter beschuldigt zu werden. Diese Angst ist berechtigt aufgrund von zwei Mechanismen: 1. Das Streben nach kognitiver Konsonanz. Das bedeutet: Informationen, die nicht zum bisherigen Bild, in diesem Fall der positiven Meinung über Lehrer, Pfarrer, Reformschulen und Kirche passen, werden ignoriert, abgewehrt oder als unglaubwürdig abgestempelt, damit das konsistente Weltbild nicht zerstört wird. 2. Der Glaube an eine gerechte Welt: Viele Menschen sind überzeugt, dass es auf der Welt letzten Endes gerecht zugehen muss. Wenn sie nun Zeugen einer Ungerechtigkeit werden und dem Opfer nicht (mehr) helfen können, tendieren sie dazu, dem Opfer eine Mitschuld zu geben („blaming the victim“), weil dann die subjektiv wahrgenommene Ungerechtigkeit nicht mehr so groß ist.“

Anmerkung: In meiner persönlichen Erinnerung war der sexuelle Missbrauch durch Priester und auch Lehrer in jeder Richtung in den 50er und 60er Jahren ein Tabuthema aber kein Geheimnis. Schon als Jugendliche hatten wir explizites Wissen von konkreten Personen (Kaplane und Lehrer wurden damals „versetzt“), wobei das Tuscheln danach stets allmählich versandete, wenn man selber nicht betroffen war. Auch die in Internaten (hier treffen die beiden für Missbrauch prädestinierten Kontexte Priester und Erzieher oft in Personalunion kombinatorisch aufeinander) herrschende und allgemein bekannte Gewalt war ein beliebtes Drohmittel, „verhaltensauffällige“ Kinder zur Raison zu bringen. Implizit hatte auch die Kombination psychischer (Glaube) und physischer Gewalt (Prügelstrafe) eine wesentliche Bedeutung in der Einschätzung der in Kollegs und Internaten herrschenden Erziehungsmittel für Eltern, da man von der skurrilen Annahme ausging, dass körperliche Gewalt von geweihten Händen einen wesentlich höheren Stellenwert hätte als die von Vater und Mutter. Und auch der Missbrauch durch solche besonderen Hände musste dann mit anderen Maßstäben gemessen werden, wobei in heterosexuellen Verhältnissen ein besonderer Kick dahinter zu stehen schien – man denke an einschlägige Bücher und Filme.
Der Katechismus mit seiner praktisch durchgehend drohenden Gebärde lastete damals auf den Kindern und Jugendlichen, was zu teilweise bis heute wirksamen psychischen Deformationen von Menschen hinsichtlich ihrer natürlichen Sexualität führte.
Der salbungsvolle Ton mancher Entschuldigungen und Forderungen nach Aufklärung, aber auch die halbherzigen Schuldeingeständnisse sind ein Zeichen dafür, dass auch diese „Krise“ wenig in der katholischen Kirche ändern wird, die strukturell wohl nur durch eine Auflösung veränderbar ist. Vielmehr ist zu erwarten, dass durch die nun wohl folgende Reduktion auf den „harten Kern“ von Gläubigen, die nicht einmal solche Ereignisse erschüttern oder beirren können, oder gar eine Reformation die Mauern noch höher gezogen werden. Die „Aufarbeitung“ wird mit nun an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von bloß pseudo-kirchenfernen Institutionen und Personen betrieben werden, die kein echtes Interesse haben, diese vermeintliche Säule des Staates tatsächlich zu reformieren. Schließlich ist das Leiden an sich und den anderen ein konstitutionelles Merkmal der katholischen Kirche.
Bei der Bewertung von sexuellem Missbrauch in Institutionen wie Klosterschulen oder Internaten ist das Phänomen zu beobachten, dass die nichtbetroffenen MitschülerInnen retrospektiv auch das Schöne und Vorteilhafte betonen. Dass in diesen Fällen viele MitschülerInnen vom Missbrauch nicht betroffen waren bzw. nichts wussten, ist meist nur ein ein klares Indiz dafür, dass die Handlungen der TäterInnen tabuisiert und geheim waren. Häufig waren auch die Kinder mit einem guten familiären Rückhalt mit dem Terror und dem Schrecken in der Institution gar nicht konfrontiert, denn es wäre bei diesen anvertrauten Kindern aus der Sicht der TäterInnen viel zu riskant gewesen. SexualtäterInnen entwickeln in solchen abgeschotteten, autoritären Systemen einen psychologischen Spürsinn für besonders hilflose Opfer, d.h., sie können fühlen, welche Kinder besonders wehrlos sind. Dass die vom Missbrauch nicht Betroffenen im Nachhinein sagen, nichts gesehen zu haben, liegt in vielen Fällen auch daran, dass sie damals nichts sehen wollten bzw. diese Vorfälle zum Selbstschutz verdrängen. Diese Verdrängung und Verleugnung des Geschehenen ist auch in Familien, in denen es sexuellen Missbrauch gab, zu beobachten, denn häufig beschreiben etwa die missbrauchten Töchter den Vater als Tyrannen, während die anderen nicht betroffenen Kinder ihn als einen fürsorglichen Vater erlebt haben.

Michel Foucault hat in seinem Buch Sexualität und Wahrheit die Paradoxie von Kirche und Sexualität sehr schön beschrieben: Durch die Diskursivierung der Sexualität, also dadurch, dass man rund um die Sexualität Gebote und Verbote errichtet und damit dauernd über sie redet, macht man sie überhaupt erst zum zentralen Thema. Es stimmt also nicht die simple Beschreibung, dass Sexualität früher unterdrückt wurde und man sich daher von dieser Unterdrückung jetzt endlich befreien muss, sondern dass man paradoxerweise erst über das massive Aussprechen von Verboten und das Schaffen von mit Sexualität verbundenen Konflikten die Sexualität erst richtig ins Gespräch bringt und ihr Bedeutung und großen Raum gibt. Die katholische Kirche mit ihren unzähligen Enthaltsamkeitsforderungen ist ein gutes Beispiel dafür, denn für diese Art von Kirche gibt es wahrscheinlich auf der Welt nichts anderes als Sexualität – und die ist nur im Rahmen ihrer ziemlich willkürlichen Gebote und Verbote erlaubt. Dabei scheut sie sich nicht, auch in Randbereichen der Sexualität etwa in Bezug auf Homosexualität zahlreiche Scharmützel vom Zaun zu brechen, aber auch in Bezug auf ihre dogmatisch eingeführten Sakramente wie der Ehe, wenn sie Geschiedenen den Zugang zu ihren Sakramenten verbietet.

Quellen

Wissenschaftliches zum sexuellen Missbrauch

Katholische Kirche und Sexualität

Literatur zum sexuellen Missbrauch

Ursachen und Theorien zur Gewalt

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