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Erziehungsverhalten türkischstämmiger und deutscher Mütter



Orientiert man sich an den sprachlichen Voraussetzungen, so haben mehr als 30 % aller Schulkinder in Deutschland einen Migrationshintergrund. Oft gelten kulturspezifische Überzeugungen, Werte und Praktiken als angemessener Weg, um Kinder zu erziehen. Elterliche Werte und Erziehungsziele manifestieren sich in den Erziehungspraktiken, die Eltern anwenden, um ihre Kinder diesen Zielen nahezubringen. Darüber hinaus wird das Elternverhalten durch das Zusammenspiel vielfältiger Faktoren, wie zum Beispiel den Bildungshintergrund, die individuellen psychologischen Ressourcen der Eltern und den sozialen Kontext, in den die Eltern-Kind-Beziehung eingebettet ist, beeinflusst. Die türkischstämmige Wohnbevölkerung stellt die größte Gruppe unter den in Deutschland lebenden Zuwanderern dar. Man geht davon aus, dass türkischstämmige Eltern zu einem ängstlich-behüteten Erziehungsstil neigen, der mit Sozialisationspraktiken einher geht. Diese sind durch eine hohe soziale Kontrolle als auch durch geschlechtsspezifische Rollendifferenzierung gekennzeichnet. Wie in allen ethnischen Gruppen steht auch die Erziehung und Sozialisation türkischer Kinder in Zusammenhang mit den Bildungsvoraussetzungen der Eltern. Weiters kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Kinder mit Migrationshintergrund aus sozialen Schichten mit niedrigem Bildungsniveau stammen. Das Ziel der Studie ist zwischen Einflüssen der Kultur als auch der Bildung zu unterscheiden. Viele türkische Familien messen den Bildungsinstitutionen weniger Wert zu als deutsche Familien. Bei der durchgeführten Studie wird davon ausgegangen, dass Eltern ihren Kindern gegenüber häufig rigides und inkonsistentes Erziehungsverhalten anwenden, aber auch die Erziehungsverantwortung oft an den Kindergarten delegieren. Zusätzlich werden Bildung als auch Berufsqualifikation als wichtige Indikatoren angenommen (vgl. Jäkel & Leyendecker, 2009, S. 1-4).

Studie

Für die vorliegende Untersuchung wurden Familien mit 3 – 4 Jahre alten Kindern deutscher (n= 106) und türkischer (n=100) Herkunft aus Kindergärten im Ruhrgebiet geworben. Die Rekrutierung erfolgte über eine Kontaktaufnahme zu den jeweiligen Kindergartenleitungen, die die Mütter über die Studie informierten. Die Teilnahme war freiwillig und wurde mit einer Aufwandsentschädigung vergolten. Es wurde sowohl eine Unterscheidung in türkischstämmige und deutsche Mütter als auch der Väter unternommen. Weiters wurde eine Unterteilung des Alters, des Bildungsstandes, der beruflichen Qualifikation, dem Anteil Berufstätiger, den Arbeitsstunden Berufstätiger/Woche, Zahl der Schuljahre in Deutschland, Kinderzahl pro Familie, Wohnungsgröße und Geschlecht der Kinder vorgenommen.
Untersuchungsinstrumente waren dabei: Alabama Parenting Questionnaire (APQ) ist ein Fragebogen zur Erfassung des elterlichen Erziehungsverhaltens, mit dem die Eltern anhand einer fünfstufigen Skala ihr Erziehungsverhalten einschätzen sollen. Die Fragen wurden leicht modifiziert, um an das Alter der Kindergartenkinder angepasst zu werden.
In der vorliegenden Studie wurden Einflussfaktoren für die Ausprägung inkonsistenten und rigiden Elternverhaltens sowie die Bereitschaft, Erziehungsverantwortung an den Kindergarten zu delegieren in einer Stichprobe deutscher und türkischstämmiger Mütter von Vorschulkindern untersucht. Dabei ergaben sich große kulturelle Unterschiede, bei denen klar wurde, dass türkischstämmige Mütter öfter rigides und inkonsistentes Erziehungsverhalten zeigen und auch gleichzeitig die Erziehungsverantwortung öfter an den Kindergarten abgeben. Im Gegensatz zu deutschen Eltern erwarten die türkischen Eltern von den Erzieherinnen im Kindergarten eine stärke Disziplinierung ihrer Kinder. Weiters wurde angenommen, dass mütterliche Bildung ein wichtiger Einflussfaktor für das Erziehungsverhalten ist, jedoch konnte diese Annahme nicht bestätigt werden. Es konnte aber ein Einfluss der mündlichen und schriftlichen Sprachfähigkeit für das inkonsistente Elternverhalten der türkischstämmigen Mütter festgestellt werden. Zusätzlich konnte bestätigt werden, dass psychosoziale Belastung der Mutter als auch die Kinderzahl in der Familie das Erziehungsverhalten beeinflusst. Auch das Geschlecht des Kindes hat das Erziehungsverhalten nicht beeinflusst. Rigides und inkonsistentes Elternverhalten stellen bei türkischen Eltern relativ änderungsresistente kulturspezifische Charakteristika dar und können auch durch psychosoziale Belastungen beeinflusst werden (vgl. Jäkel & Leyendecker, 2009, S. 5 ff).
Literatur
Jäkel, J., & Leyendecker, B. (2009). Erziehungsverhalten türkischstämmiger und deutscher Mütter von Volkschulkindern. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 56, 1-15.



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Neugier, Spiel und Lernen



Alle verschiedenen Säugetierarten haben charakteristische Unterschiede in ihren Lebensweisen. Eine Gemeinsamkeit stellt jedoch die Tatsache dar, dass jedes Jungtier oder Kind einen sehr ausgeprägten Drang zur Neugierde hat. Es besteht eine autonome Motivation, welche zum Erkunden von neuen Situationen und Objekten führt. Dadurch verbessern Jungtiere Objekt- und Raumkenntnisse und lernen aus ihren neu gemachten Erfahrungen, was ihnen im späteren Leben sehr nützlich sein kann (vgl. Sachser 2004, S. 476f).
Das Neugier- und das Spielverhalten zeigen viele Übereinstimmungen und eine strikte Trennung dieser beiden Begriffe ist oft nicht möglich. Mit dem Begriff Spielverhalten bringt man das Fehlen des spezifischen Ernstbezugs in Verbindung. Normalerweise kommt es nur bei Jungtieren oder Kindern vor, jedoch kann es auch beschränkt, vor allem bei Primaten und Menschen, bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben (vgl. Sachser 2004, S. 476f).

Es gibt drei Spielweisen des Säugetieres:

  • Bewegungsspiel
  • Objektspiel: Darunter versteht man das Spielen mit unbelebten Gegenständen.
  • Sozialspiel: Dieser Begriff definiert das Spielen mit Artgenossen (vgl. Sachser 2004, S. 476).

Durch diese drei Spielweisen werden Muskelfunktionen, die Wahrnehmungsfähigkeit und soziale Rollen entwickelt, geübt und verbessert.

Es werden nicht nur neue Erfahrungen gemacht, sondern auch Innovationen gebildet. In dem Artikel wird dies anhand des, inzwischen zur Tradition gewordenen, „Kartoffelwaschens“ der Rotgesichtmakaken verdeutlicht. Innovationen werden meist von einem Jungtier entwickelt und dann von einer Bezugsperson übernommen, später werden diese Neuheiten durch die ältere Generation an die nachfolgende weitergegeben (vgl. Sachser 2004, S. 476f).

Zur Ausbildung eines Neugier- und Spielverhaltens muss ein entspanntes Feld gegeben sein. Dieses ist von Anregung durch Reize und Sozialpartner und einem gewissen Maß an Sicherheit geprägt. Beim Fehlen von äußeren Reizen oder Sozialpartnern reduziert sich das Spielverhalten um ein Vielfaches, was man an Labortieren gut erkennen kann. Ebenso wird diese reduzierte Verhaltensweise bei einem Mangel an Sicherheit beobachtet. Wenn die Grundbedürfnisse nicht oder nur mangelhaft gedeckt sind, wird nur ein geringfügiges Spielverhalten ausgebildet.
Für die verschiedenen Verhaltensentwicklungen sind frühe soziale Erfahrungen, Strukturierung des Umfelds und pränatale Einflüsse mit verantwortlich. Es macht in der Art und Weise wie Tiere oder Menschen später auf Neues zugehen einen großen Unterschied, ob diese in einem Sozialverband mit gegebener Sicherheit oder alleine aufwachsen. Letztgenannte werden lebenslang Probleme mit dem Aufbau von Sozialbeziehungen zu Artgenossen und Kommunikation haben. Je strukturierter das Umfeld eines Individuums ist und je mehr verschiedene Reize es kennen lernt, desto leichter werden ihm Problemlösungsaufgaben, das Meistern unbekannter Situationen und das Akzeptieren neuer Objekte fallen. Diese Tatsache hängt mit dem Zentralnervensystem zusammen, welches mit Zunahme einer strukturierten Umwelt mehr Synapsen ausbildet und somit eine bessere Informationsspeicherung gewährleistet. Auch pränatale Einflüsse wirken sich auf das spätere Verhalten aus. Dabei werden Veränderungen des Umfeldes der trächtigen/schwangeren Mutter durch Hormone an das Kind weitergegeben, welches dann im späteren Leben ähnliche Verhaltensweisen wie die Mutter in dieser Situation aufzeigt.

Ebenso wie die pränatale und die frühe postnatale Phase zeigt auch die Pubertät eine große Wirkung auf spätere Lebensweisen und Einstellungen. Dabei wird durch Interaktionen mit Artgenossen die Fähigkeit zum Zusammenleben erworben. Bei hoch entwickelten Säugetieren bleibt diese Lernfähigkeit erhalten, weshalb ein lebenslanges Lernen möglich ist. Das Umlernen etwas bereits Angenommenen ist bei Säugetieren jedoch schwierig (vgl. Sachser 2004, S. 478ff). Die Verhaltensentwicklung hängt von vielen verschiedenen Faktoren, wie zum Beispiel von Reizen der Umwelt, Geschlecht, Alter, Erfahrungen, ab. Experten fanden heraus, dass Gene durchaus einen Einfluss auf das Verhalten von Säugetieren haben, jedoch nur in Wechselwirkung mit Umwelt-Interaktionen und den anderen Faktoren (vgl. Sachser 2004, S. 480f).

Ebenso wie bei Jungtieren ist auch bei Kindern der natürliche Drang zur Neugier und zum Spiel vorhanden, jedoch bedarf es an Faktoren, die dieses Verhalten fördern. Die Aufgabe solche Faktoren zu bilden, liegt in der elterlichen Erziehung und der pädagogischen Kompetenz der Lehrpersonen. Es gilt möglichst viele entspannte Felder zu schaffen, um eine intrinsische Motivation der Lernvorgänge zuzulassen. Somit wird ein Lernen durch Neugier und Spiel, ein Erkunden und Erfinden von Neuem und das Bilden von eigenen Problemlösungsstrategien unterstützt. Für die Erziehungswissenschaft und Pädagogik gilt es die Eigenschaften eines entspannten Feldes mit den Eigenschaften des Kindes abzustimmen. Das entspannte Feld sollte so beschaffen sein, dass Anregungen und Sicherheit durch Bezugspersonen gegeben sind, jedoch keine Langeweile oder Überanregung besteht. Dadurch wird die optimale Lernkonzentration geschaffen (vgl. Sachser 2004, S. 481ff).

Spielen und Lernen

Spielen ist die elementarste Form des Lernens, sodass aus entwicklungspsychologischer Sicht Spielen und Lernen nicht getrennt voneinander behandelt werden können, da sie einander für die kindlichen Lernerfahrungen bedingen. Aus biologischer Sicht ist Spielen ein Grundbedürfnis und zentrales Verhaltenssystem des Menschen, was man daran sehen kann, dass das Spiel, das von eine Kleinkind frei gewählt wird und aus eigenem Antrieb erfolgt, seine Entwicklung stark beeinflusst, denn es spricht die geistige, soziale, emotionale, motorische und kreative Entwicklung an. Spielen ist somit eine wesentliche Voraussetzung für späteres schulisches Lernen und somit ein Bildungsprozess, der durch das Experimentieren in Gang gesetzt wird. Im Spiel lernt ein Kleinkind, sich mit der Umwelt vertraut zu machen, diese zu begreifen und zu bewältigen, daher ist das Spiel für das aktuelle Erleben ebenso bedeutsam wie für die Persönlichkeitsentwicklung. Die frühere Sichtweise, Spielen sei ein zweckfreies Tun, während Lernen eine sinnvolle, zweckgebundene Aneignung von Wissen und Können darstellt, ist daher überholt.
In der frühen Kindheit sieht das Kind selber noch keinen Unterschied zwischen Spielen und Lernen, denn beides tut es stets aus der gleichen Intention heraus: Es möchte möglichst viel von den Dingen und seiner Umwelt kennenlernen und mit ihnen Erfahrungen sammeln. Beobachtet man aufmerksam ein Kleinkind beim Spielen, findet man eine bestimmte Art der Vertiefung, die stark der Konzentration Erwachsener ähnelt, denn das in das Spiel versunkene Kind geht komplett in seiner Tätigkeit auf. Da das Spiel aus der intrinsischen Motivation des Kleinkindes entspringt und keinen äußeren Antrieb benötigt, ist es eine Tätigkeit mit Selbstzweck. Das Spielen regt das Kleinkind in vielfältiger Weise an zu empfinden, zu gestalten und körperliche sowie geistige Fähigkeiten zu entwickeln. Wenn der Säugling etwa eine Rassel schüttelt, lernt es in dieser Situation, seine Hände fest um den Stiel zu legen und somit seine feinmotorische Fähigkeiten zu üben. Gleichzeitig wird die Wahrnehmung angeregt, wenn das Kind erkennt, dass dieser Gegenstand Geräusche hervorbringt, was dem aktiven Handeln ein Erfolgserlebnis beschert.

Im Spiel erforscht und probiert das Kleinkind unermüdlich immer wieder das aus, was es gerade gelernt hat, damit sich das Wissen vertifen und verfestigen kann. Dabei findet es Verbindungen zwischen seinem eigenen Verhalten und Ereignissen aus der Umwelt. Begleitet werden diese Erfahrungen durch Freude, Spannung, Stolz und Befriedigung, d. h., durch das Spiel erlangt das Kind ein positives Selbstwertgefühl, erfährt Sicherheit und damit Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Im Spiel werden daher wichtige Selbstwirksamkeitserfahrungen gemacht: Das Kleinkind entdeckt, dass es selbst etwas bewirken kann und entdeckt Regelhaftigkeiten sowie Voraussagbares. Erwachsenen sind daher dazu angehalten, Selbstwirksamkeitserfahrungen auch bei Frustrationen des Kleinkindes zuzulassen und auszuhalten, denn indem das Kleinkind eigenständig Herausforderungen zu bewältigen lernt, lernt es auch Grenzen. Insgesamt lernt das Kleinkind durch Frustrationserlebnisse, dass auch negative Gefühle zum Leben gehören und geäußert werden dürfen, und dass es fähig ist, etwas zu erreichen, auch wenn es anstrengend ist.

Die Bedeutung von Spielen für die soziale Entwicklung

Sachser (2004) weist darauf hin, dass die Verhaltenssysteme Neugier und Spiel viele Übereinstimmungen aufweisen und kaum voneinander unterschieden werden können, denn beide werden nicht in jeder beliebigen Situation aktiviert, sondern benötigen ein „entspanntes Feld“, das dadurch gekennzeichnet ist, dass es sowohl Anregung als auch Sicherheit bietet. Brettspiele sind vor allem für die Entwicklung sozialer Fertigkeiten bei Kindern wichtig, wobei vor allem solche wie „Mensch ärgere dich nicht“ die die Funktion haben, dass man dabei auch lernt, sich an Regeln zu halten. Spiele sind auch ein ideales Experimentierfeld, um Strategien einzuüben, wie man mit Frustration umgeht, denn auch in einem solchen einfachen Spiel spiegeln sich etwa Verhaltensweisen und Konflikte unter Geschwistern aus dem Alltag wider. Und auch Eltern benutzen das Spiel unbewusst, um ihren Kindern bestimmte Situationen zu verdeutlichen, doch meist wird einfach gespielt, weil es Spaß macht. Vor allem in Spielen mit einem Kompromiss zwischen Taktieren und Glück ist es möglich, dass sich die Kinder nicht den Erwachsenen unterlegen fühlen müssen. Vor allem „Mensch ärgere dich nicht“ mit seinen auch für kleinere Kinder einfachen Regeln bietet eine gute Gelegenheit für soziale Interaktion, denn bei diesem Spiel gibt es so viele Anlässe, bei denen man erst mal sauer wird, bei denen einer weint und vielleicht das Brett schmeißt, wobei die Älteren die Kinder aufmuntern können: „Komm, das ist doch nicht schlimm“, „das ist doch nur ein Spiel“. So lernen Kinder nebenbei, die eigenen Emotionen zu kontrollieren und ohne nachhaltigen Schaden zu verarbeiten.

Literatur

Sachser, N. (2004). Neugier, Spiel und Lernen: Verhaltensbiologische Anmerkungen zur Kindheit. Zeitschrift für Pädagogik, 50, 475–485.
Stangl, W. (1997). Stufen der sensumotorischen Intelligenz.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOGNITIVEENTWICKLUNG/Sensomotorik.shtml (98-11-12)



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Burnout: Ausgebrannt und unzufrieden



Wenn man sich nicht ausgebrannt fühlt,
muss es sich um das gefährliche
Burn-Out-Verdrängungs-Syndrom handeln.
Bernd Zeller

Das Burnoutsyndrom lässt sich kaum in valide Zahlen gießen, denn bis heute gibt es keine eindeutige Definition oder Diagnose-Beschreibung. Das Burnout-Syndrom ist in den gängigen Klassifikationssystemen nicht enthalten, denn es gibt noch zu viele Aspekte, die unklar sind und es fehlt die eindeutige Definition, mit der das Störungsbild klar beschreibbar wäre. Es ist auch schwer, die unzähligen Studien, die sich mit Burnout beschäftigen, miteinander zu vergleichen, wobei auch bezüglich der Ursachen keine eindeutigen Modelle zur Entstehung von Burnout vorhanden sind. Hinzu kommt, dass eine ganze Reihe von Krankheitsbildern dem Syndrom sehr ähnlich sind, etwa von depressiven Störungen über Angststörungen bis hin zum chronischen Erschöpfungssyndrom. Es fehlen auch Studien zur Differentialdiagnostik, die es erlauben würden, Burnout von anderen Gesundheitsstörungen eindeutig abzugrenzen, denn sehr oft verbirgt sich hinter einem Burnout mitunter eine Depression aber auch hinter der Diagnose Depression verbergen sich mitunter Burnouts. Hinzu kommt, dass Burnout im Gegensatz zu Depressionen als weniger stigmatisierend empfunden, denn es ist der Beruf oder die Arbeit und nicht die eigene Schwäche, die jemanden krank gemacht hat. Für die Betroffenen hat das den positiven Aspekt, des es ihnen leichter fällt, ihre Probleme öffentlich zu machen und dadurch vielleicht zu Hilfe zu kommen, doch für die Behandlung, die Diagnose und die Statistik ist das negativ, denn es entsteht der Eindruck, Burnout ist ein riesiges Problem mit ausschließlich arbeitsbedingter Verursachung. Für eine erfolgreiche Behandlung muss man berücksichtigen, dass auch das private Lebensumfeld und die Persönlichkeit zur Entwicklung eines Burnouts beigetragen haben und nicht nur der Beruf, der sicher auch einen Anteil an den Belastungen hat.  Manche Persönlichkeitseigenschaften wie etwa der Neurotizismus beeinflussen die Wahrnehmung und Wirkung von Anforderungen, auch der beruflichen Anforderungen.

Organisationen können nur dann erfolgreich Veränderungen initiieren und umsetzen, wenn Mitarbeiter und Führungskräfte diese akzeptieren und unterstützen. Befunde zeigen, dass organisationale Veränderungen für Mitarbeiter zu erhöhten Stressleben, reduzierten Arbeitsunzufriedenheit und erhöhten Kündigungsabsicht führen können, denn bei den Mitarbeitern bestehen oft Zweifel, ob sie den veränderten Arbeitsanforderungen gerecht werden können, oder ob veränderte Ressourcen, Arbeitsabläufe und Entwicklungsmöglichkeiten individuellen Bedürfnissen und Zielen entsprechen. „Deshalb soll in einer Studie die Beziehung zwischen Chance-Charakteristika (Ausmaß und Velanz der Veränderung für die Arbeitseinheit), der Wahrnehmung des Arbeitskontextes (veränderungsspezifische Arbeitsunsicherheit) und Reaktion der Mitarbeiter (emotionale Erschöpfung, Arbeitsunzufriedenheit, Kündigungsabsicht) während einer tief greifenden Veränderungsinitiative an einer deutschen Universität untersucht werden“ (Meiser, et al., 2009, S. 12).

Die Valenz der Veränderung für die Arbeitseinheit kennzeichnet, inwiefern die Mitarbeiter die Konsequenzen der Veränderung als gut oder schlecht bzw. als förderlich oder hinderlich für den Erfolg ihrer Arbeitseinheit bewerten. Große organisationale Veränderungen stellen oftmals höhere Anforderungen und Lernerfordernisse an Mitarbeiter und verunsichern diese, weil es sich dabei um Veränderungen ihrer täglichen Routinen handelt. Emotionale Erschöpfung als Mediator zwischen veränderungsspezifischer Arbeitsplatzunsicherheit und Arbeitsplatzzufriedenheit sowie Kündigungsabsicht
„Emotionale Erschöpfung erfasst die emotionale Beanspruchung und Erschöpfung, die entstehen kann, wenn Mitarbeiter dauerhaft den Anforderungen der Arbeit nicht gerecht werden können“ (Maslach, Jackson & Leiter, 1997, zit. nach Meiser, et al., 2009, S. 13). Mitarbeiter sind mit ihrer Arbeit zufrieden, wenn sie wahrnehmen, dass ihre Erfahrung bei der Arbeit persönlichen arbeitsbezogenen Werten gerecht werden, und ihre Fähigkeiten zu den Anforderungen der Arbeit passen. Eine anhaltende emotionale Erschöpfung signalisiert, dass dieses Gleichgeweicht gestört ist (vgl. Meiser, et al., 2009, S. 13).

Diese Studie wurde während der Umstellung und Stichprobe einer deutschen Universität durchgeführt, an der bereits seit 12 Monaten eine tief greifende Veränderungsinitiative umgesetzt wurde. Zielgruppe der Befragung waren wissenschaftliche Mitarbeiter, die per Post oder E-Mail über das Forschungsprojekt informiert und zur Teilnahme aufgefordert wurden. Insgesamt konnten die Daten von 315 Personen aus allen Fakultäten und verschiedenen Forschungseinrichtungen der Universität in die Auswertung einbezogen werden (vgl. Meiser, et al., 2009, S. 14). „Strukturgleichungsmodelle wurden mit dem Auswertungsprogramm Amos 7.0 erstellt, um die Passung der Untersuchungsdaten mit dem postulierten Hypothesenmodell zu überprüfen“ (Meiser, et al., 2009, S. 15).

Ergebnisse
Die Ergebnisse geben an, dass die Valenz der Veränderung in einem signifikant negativen und das Ausmaß in keinem signifikanten Zusammenhang mit veränderungsspezifischer Arbeitsplatzunsicherheit steht. Arbeitsplatzunsicherheit steht in einem signifikant positiven Zusammenhang mit emotionaler Erschöpfung. Emotionale Erschöpfung steht in einem signifikant negativen Zusammenhang mit Arbeitsunzufriedenheit; der Zusammenhang und Kündigungsabsicht ist signifikant positiv (vgl. Meiser, et al., 2009, S. 16). Die Ergebnisse der Analyse bestätigen den postulierten negativen Zusammenhang zwischen der Velanz der Veränderung für die Arbeitseinheit und veränderungsspezifischer Arbeitsplatzunsicherheit. Weiters weisen die Studienergebnisse darauf hin, dass emotionale Erschöpfung die Beziehung zwischen der Wahrnehmung der Arbeitskontextes und Reaktionen der Mitarbeiter während organisationaler Veränderung vermittelt (vgl. Meiser, et al., 2009, S. 17 f.).

Implikation für Gestaltung von Veränderungen

Emotionale Erschöpfung von Mitarbeitern spielt bei organisationalen Veränderungen eine große Rolle. Dies zeigt die vorliegende Studie. Daher sollten Organisationen ihren Mitarbeitern Unterstützung, wie zum Beispiel ein Stressmanagement-Training oder Coachinggespräche anbieten, damit sie besser mit Unsicherheit und Beanspruchung im Rahmen von Veränderung umgehen können und weniger emotionale Erschöpfung erleben (vgl. Meiser, et al., 2009, S. 19).

Klaus-Helmut Schmidt (Dortmund) und Jürgen Wegge (Dresden) fanden in Studien mit Altenpflegekräften, Verwaltungsangestellten und Call Center-Agenten, dass bei jenen Arbeitnehmern, die sich mit ihrer Firma emotional verbunden fühlen, die Lebensqualität steigt und dass bei hohen Belastungen das Stresserleben geringer ist bzw. die Gesundheit weniger beeinträchtigt wird. Erschöpfung und Burnout sind bei diesen Arbeitnehmern selten. Die Wissenschaftler nennen jene Faktoren, mit denen sich die hohe Organisationsbindung (Commitment) erreichen lässt:

  • Schaffung größerer Autonomie für den Einzelnen
  • größere Handlungsspielräume
  • ganzheitliche Tätigkeiten
  • soziale Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte
  • Loyalität und Rückendeckung aus der Unternehmensführung
  • faire Bezahlung

Literatur
Meiser, D. , Michel, A. , Sonntag, K. & Stegmaier, R., (2009). Ausgebrannt und unzufrieden? Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 35, 11-21.



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