Zum Inhalt springen

Neue Erkenntnisse zur Anhedonie bei Depressionen

    Anzeige

    Eine  Studie von Schulz et al. (2026) lieferte neue Erkenntnisse über die Art und Weise, wie Menschen mit einer schweren Depression Belohnungen verarbeiten, wobei insbesondere der Konsum von Lebensmitteln als Untersuchungsmodell diente. Das Kernsymptom der Anhedonie, das traditionell oft vereinfacht als genereller Verlust von Freude am Konsum verstanden wurde, erfährt durch diese neuen Ergebnisse eine präzisere Differenzierung.

    Die Untersuchung von 103 Teilnehmenden zeigt deutlich, dass das eigentliche Belohnungsdefizit nicht im Moment des Erlebens oder des Geschmacks liegt, sondern vielmehr in der Phase der Antizipation verankert ist. Während Patienten mit Depressionen das Essen während des Verzehrs als ebenso belohnend und genussvoll empfinden wie gesunde Probanden, ist ihr Verlangen und ihre Vorfreude im Vorfeld signifikant reduziert. Diese verminderte Erwartungshaltung korreliert direkt mit dem klinischen Schweregrad der Anhedonie, wobei das Verlangen interessanterweise sprunghaft ansteigt, sobald die Belohnung unmittelbar verfügbar oder situativ präsent ist.

    Neben den psychologischen Komponenten identifizierte man zudem eine physiologische Ebene innerhalb der Körper-Gehirn-Achse, da eine geringere Insulinsensitivität sowie eine schlechtere Blutzuckerverarbeitung mit einer stärker ausgeprägten Anhedonie in Verbindung standen. Auch hormonelle Faktoren wie Acyl-Ghrelin spielten eine Rolle bei der Bewertung von Belohnungsreizen. Diese Erkenntnisse legen nahe, dass therapeutische Strategien künftig weniger auf die Steigerung der Genussfähigkeit abzielen sollten, sondern vielmehr auf die gezielte Förderung positiver Erwartungen und eine strukturierte Erhöhung der Verfügbarkeit belohnender Aktivitäten im Alltag, um die gestörten Motivationsprozesse zu adressieren und metabolische Einflüsse in die Behandlung zu integrieren.

    Literatur

    Schulz, C., Klaus, J., Peglow, F., Ellinger, S., Kühnel, A., Walter, M., & Kroemer, N. B. (2026). Blunted anticipation, but not consummation, of food rewards in depression. Cell Reports Medicine. Advance online publication, doi:10.1016/j.xcrm.2026.102796

    Impressum ::: Datenschutzerklärung ::: Nachricht ::: © Werner Stangl ::: Pädagogische Neuigkeiten für Psychologen :::

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert