In den extremen Ökosystemen der Schwefelquellen im mexikanischen Bundesstaat Tabasco lässt sich ein faszinierendes biologisches Phänomen beobachten, das neue Einblicke in die Komplexität kollektiven Verhaltens und die Dynamik von Räuber-Beute-Beziehungen liefert. Die dort beheimateten Schwefelmollys (Poecilia sulphuraria) haben aufgrund ihrer ökologischen Nische – sie müssen für Sauerstoff direkt unter der Wasseroberfläche schwimmen – eine einzigartige Verteidigungsstrategie entwickelt: sogenannte La-Ola-Wellen. Diese synchronisierten Tauchbewegungen dienen dazu, räuberische Vögel zu verwirren und deren Jagderfolg signifikant zu mindern. Eine umfassende Untersuchung durch Pacher et al. (2026) verdeutlichte nun, dass dieses System weitaus dynamischer ist als bisher angenommen, da nicht nur die Beutetiere kollektiv agieren, sondern auch die Räuber ihre Strategien gezielt an diese Verteidigung anpassen.
Die Forschungsarbeiten zeigten auf, dass verschiedene Vogelarten unterschiedliche Taktiken anwenden, um die kollektive Abwehr der Fische zu umgehen, denn während Eisvögel wie der Amazonasfischer und der Grünfischer bevorzugt die Randbereiche der Schwärme attackieren, um starke Wellenreaktionen zu vermeiden – und dabei bewusst einen geringeren unmittelbaren Jagderfolg im Zentrum in Kauf nehmen –, nutzt der Schwefelmaskentyrann eine kryptische Jagdstrategie. Durch schnelle, schwer erkennbare Überflüge löst er kaum kollektive Reaktionen aus und kann somit direkt im fischreichen Zentrum des Schwarms jagen (Pacher et al., 2026). Diese Beobachtungen legen nahe, dass die Intensität der kollektiven Verteidigung der Beute direkt die Standortwahl und die Angriffsart der Räuber diktiert, was auf eine hohe strategische Flexibilität der Vögel hindeutet.
Ein besonders Aspekt der Studie betraf die Entdeckung eines Schwarmgedächtnisses, denn man stellte fest, dass die Schwefelmollys auf wiederholte Angriffe, die zeitlich oder räumlich nah beieinander liegen, mit deutlich verstärkten Wellen reagieren. Dieses als „Priming“ bezeichnete Phänomen lässt darauf schließen, dass das Fischkollektiv Informationen über vergangene Gefahren vorübergehend in seinen dynamischen Interaktionsmustern speichert, ohne dass hierfür eine zentrale Steuerung oder individuelle komplexe Gedächtnisleistungen erforderlich wären (Pacher et al., 2026). Diese Form der Informationsspeicherung im Kollektiv führt dazu, dass Räuber nach dem Auslösen starker Wellen dazu neigen, ihre nächsten Angriffe in größerer Entfernung zu planen. Somit entsteht ein kontinuierliches evolutionäres Wettrüsten, in dem sich beide Seiten ständig an die Strategien des Gegenübers anpassen. Die Arbeit von Pacher et al. (2026) unterstreicht damit, dass kollektives Verhalten nicht nur eine momentane Reaktion auf Umweltreize ist, sondern eine zeitliche Dimension besitzt, die es Tiergruppen ermöglicht, Erfahrungen aus der unmittelbaren Vergangenheit in zukünftige Entscheidungen einfließen zu lassen.
Literatur
Pacher, K., Bierbach, D., Sevinchan, Y., Doran, C., Jiménez-Jiménez, J. E., Juárez-López, A., Arias-Rodriguez, L., Krause, S., Romanczuk, P., Kurvers, R. H. J. M., & Krause, J. (2026). Strategic choices of attack location allow predators to counter a collective prey defence. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 293(2070), doi:10.1098/rspb.2026.0566
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