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Oxytocin als Modulator von Gruppenbindung und Rivalität

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    Das Hormon Oxytocin, das im allgemeinen Sprachgebrauch oft vereinfacht als „Kuschelhormon“ bezeichnet wird, spielt eine weitaus komplexere und ambivalentere Rolle im menschlichen Sozialverhalten, als bisher weithin angenommen. Während seine Funktion bei der Festigung von Bindungen zwischen Partnern oder zwischen Mutter und Kind sowie seine stresslindernde Wirkung gut dokumentiert sind, zeigt eine aktuelle Feldstudie von Debras et al. (2026), dass der Botenstoff auch in Konfliktsituationen und bei zwischengruppenstaatlichen Rivalitäten eine Schlüsselrolle einnimmt. Die Forschungsergebnisse legen nahe, dass Oxytocin nicht pauschal „prosozial“ wirkt, sondern vielmehr als biologisches Werkzeug dient, um das Individuum an die jeweiligen sozialen Anforderungen anzupassen.

    In einer Untersuchung beim Naturvolk der Tsimane im bolivianischen Amazonasgebiet analysierten Wissenschaftler die Oxytocin-Reaktionen während emotional intensiver Fußballspiele. Dabei wurde deutlich, dass die Ausschüttung des Hormons stark vom sozialen Kontext und der Art des Gegners abhängt. Bei Männern stiegen die Werte insbesondere in Spielen an, die innerhalb der eigenen Gemeinschaft ausgetragen wurden oder gegen ethnisch fremde Gruppen stattfanden. Dies lässt sich dadurch erklären, dass Oxytocin eine doppelte Funktion erfüllt: Nach innen fördert es den Zusammenhalt, das Vertrauen und die Kooperation innerhalb der eigenen Gruppe, was beispielsweise das reibungslose Zusammenspiel einer Mannschaft verbessert. Gleichzeitig schärft es nach außen hin die Wachsamkeit und erhöht die Aggressionsbereitschaft gegenüber potenziellen Bedrohungen. Es verbessert die Fähigkeit, soziale Signale der gegnerischen Gruppe zu deuten, um schnell auf Gefahren reagieren zu können. Interessanterweise reagiert das System sensibel auf die Relevanz des Gegners: Da Spiele gegen direkte Nachbarn weder den innergemeinschaftlichen Status stark beeinflussen noch eine existenzielle Bedrohung darstellen, blieb die Hormonantwort hier am geringsten.

    Zudem offenbarten sich geschlechtsspezifische Unterschiede, da bei Frauen kein vergleichbarer Anstieg während der sportlichen Wettkämpfe gemessen wurde. Dies führen die Forscher auf alternative soziale Wettbewerbsstrategien oder bereits gesättigte Basisspiegel zurück. Insgesamt unterstreicht die Studie, dass Oxytocin ein evolutionär konservierter Mechanismus ist, der auch beim Menschen die Kooperation als effektive Strategie im Wettbewerb nutzt und die soziale Wahrnehmung in komplexen Gruppendynamiken steuert.

    Literatur

    Debras, C. C. C., Colby, A. E., Martin, J. S., Baettig, V., Jud, D., Ista, A. C., Tayo, L. C., Trumble, B., Scaff, C., & Jaeggi, A. V. (2026). Us against them: oxytocin response to competition in a small-scale human society. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 293, doi:10.1098/rspb.2026.0242

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