Typologie des Schenkens

Dankbarkeit ist die Wachsamkeit der Seele gegen die Kraft der Zerstörung.
Gabriel Marcel

Schenken macht nicht nur glücklich, es hilft Menschen auch, Beziehungen zu anderen aufzubauen und zu stärken. Zwar widerspricht Schenken eigentlich der ökonomischen Vernunft, denn schließlich erwartet man im allgemeinen für seine Leistung auch eine Gegenleistung. Doch bei Geschenken handelt es sich nicht nur um einen Kostenfaktor, sondern auf der anderen Seite stehen die Dankbarkeit des Beschenkten, irgendwann einmal ein Gegengeschenk oder vielleicht auch gesellschaftliches Ansehen zu erhalten. Schenken dient in allen Kulturen dazu, Beziehungen zu stärken und zu erhalten, wobei sich das Geben auch zu einem Ritual und manchmal auch zu einer Strategie entwickelt hat (s. u.). Wer sich sehr viel Mühe bei der Auswahl eines Geschenks gegeben hat, erwartet das auch von anderen, d. h., es geht beim Schenken auch um Balance und Fairness. Nach Meinung von Psychologen macht ein Mensch beim Schenken zwei Grunderfahrungen: er wächst dabei innerlich und ist im Schenken anderen verbunden, wobei es sich in beiden Fällen um Grundbedürfnisse des Menschen handelt. Ähnliches erfahren Menschen auch dann, wenn sie anderen helfen.

Großzügiges Verhalten steigert bekanntermaßen das Glücksgefühl, was wiederum zu Großzügigkeit motivieren kann. In einer Studie untersuchten Park et al. (2017) mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie und eines öffentlichen Versprechens für künftige Großzügigkeit die Gehirnmechanismen, die großzügiges Verhalten mit einer Steigerung des Glücks verbinden. Die TeilnehmerInnen versprachen, in den nächsten vier Wochen Geld entweder für andere (Experimentalgruppe) oder für sich selbst (Kontrollgruppe) auszugeben. Es zeigte sich dabei, dass die Teilnehmer der Experimentalgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe in einer unabhängigen Entscheidungsaufgabe großzügigere Entscheidungen trafen und eine stärkere Zunahme des selbstberichteten Glücks zeigten. Großzügige Entscheidungen aktivieren die temporo-parietale Verbindung in der Experimentalgruppe stärker als in der Kontrollgruppe und modulieren die Konnektivität zwischen temporo-parietaler Verbindung und ventralem Striatum auf unterschiedliche Weise. Wichtig ist, dass die Striatumaktivität während großzügiger Entscheidungen in direktem Zusammenhang mit Veränderungen des Glücksgefühls steht. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Top-Down-Kontrolle der Striatumaktivität eine grundlegende Rolle bei der Verknüpfung von Großzügigkeit mit Glück spielt. Dass beim Schenken das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert und Botenstoffe freigesetzt werden, die ein Glücksgefühl verschaffen, ist offenbar Ausdruck der sozialen Natur des Menschen und hat sich im Zuge der menschlichen Evolution entwickelt.

Hinter Geschenken können sich aber viele Absichten verbergen. Es gibt Menschen, die wählen überteuerte Geschenke, um anzugeben. Andere schenken aus Mitleid oder aus Pflichtbewusstsein. Macht ein Geschenk auch nur den geringsten Eindruck, aus dieser oder jener Absicht heraus überreicht worden zu sein, sind Enttäuschung und Wut oft vorprogrammiert. In den OÖN vom 14.12.2007 fand sich folgende Typologie der Schenkenden:

  • Der Selbstverliebte: Die Intention des Schenkers: Hauptsache, mir gefällt es.
  • Der Gedankenlose: Nachlässige Schenker geben sich kaum Mühe bei der Auswahl. Wer stereotyp schenkt, sagt damit: Mehr Gedanken will ich mir über dich gar nicht machen.
  • Der Beherrschende: Hier dient das Geschenk dazu, Macht auszuüben, im Leben des anderen eine Rolle zu spielen. Mit einer Vase zum Beispiel will man dauerhaft einen Platz in der Wohnung einnehmen, für den Beschenkten immer präsent, immer sichtbar sein.
  • Der Erwartungsvolle: Dieser Schenker-Typ wählt seine Geschenke so aus, dass er maximale Freude und Dankbarkeit erzielt. Typisches Beispiel sind Großeltern, die überdimensionierte Geschenke wählen, egal, ob die Familie überhaupt Platz oder Verwendung dafür hat. Das Wichtigste ist diesem Schenker-Typ: Er will für sein Geschenk geliebt werden.

Übrigens: Erhalten Menschen ein Geschenk, kann dies zwei Reaktionen auslösen, einerseits dass der Beschenkte dankbar ist und sich freut, andererseits auf Seiten des Beschenkten ein Gefühl der Belastung, weil er sich nun verpflichtet fühlt, etwas von ähnlichem Wert zurückzuschenken. Parker et al. (2016) haben untersucht, welche Faktoren die Dankbarkeit nach erwiesener Großzügigkeit verringern könnten und fanden als zentralen Faktor das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, denn dieses führt dazu, dass man Dankbarkeit eher als Zeichen der Schwäche wahrnimmt.

Gute Geschenke aus psychologischer Sicht

Die psychologische Forschung hat festgestellt, dass Schenkende oft zu zu teuren Gaben tendieren, während Beschenkte eher das bevorzugen, was am besten zu ihnen passt und zwar unabhängig vom Wert des Geschenkes. Im übrigen wertet allein die gute Absicht nur ganz selten ein Geschenk auf, wobei praktische und erhoffte Geschenke letztlich am besten bei den Beschenkten ankommen. Meist freuen sich Menschen über solche Geschenke, die gut zu ihren Interessen passen, die sie gebrauchen können oder die sie sich vorher gewünscht haben. Besonders willkommen sind alltagspraktische Geschenke und solche, die wenig Aufwand seitens der Beschenkten erfordern, sodass etwa eine teure geschenkte Fernreise mit viel Planungsaufwand weniger gut ankommt als ein Ereignis, das in der Nähe stattfindet und weniger Aufwand mit sich bringt. Ein Geschenk sollte für den Beschenkten daher nicht mit Hürden und hohem Aufwand verbunden sein.

Yang & Urminsky (2018) haben gezeigt, dass Menschen bei der Geschenkauswahl auf eine möglichst starke Gefühlsreaktion des Beschenkten hoffen, diesen also unbedingt überraschen wollen. Im Rahmen eines Online-Experiments wurden jeweils Paare von Gegenständen mit unterschiedlichem Überraschungsfaktor angeboten, etwa eine personalisierte Kaffeetasse gegenüber einer ergonomisch besonders gut geformten, ein voll aufgeblühter Rosenstrauch gegen zwei Sträuße, deren Blüten noch geschlossen waren. Alle Befragten stimmten dabei in der Bewertung darin überein, welches der beiden Geschenke jeweils den höheren Überraschungsfaktor hatte, doch wenn nach ihren Präferenzen gefragt wurde, präferierten die Schenker die personalisierte Tasse, während die Beschenkten keiner der beiden Varianten den Vorzug gaben. Auf Dauer greift man beim Schenken also doch eher zur langweiligen Tasse, die aber die Ergonomie berücksichtigt. Offenbar wird die Freude an der Freude antizipiert, auf welches Geschenk die Reaktion am stärksten ausfällt und entscheidet sich daher oft gegen Geschenke, die längerfristige Freude bereiten würden. Übrigens verschwindet die Bevorzugung für Geschenke mit Überraschungsfaktor auch dann, wenn man als Schenkender beim Öffnen des Pakets nicht dabei sein kann. Das deutet darauf hin, dass Schenken eine durchaus egoistische Komponente enthält, weil es dem Schenkenden auch selbst Freude bereiten soll.

Praktischer Tipp für das richtige Geschenk: Legen Sie in ihrem elektronischen Kalender, in dem man in Regel die Geburtstage der Beschenkten eingetragen hat, während des Jahres eine Liste von jenen Dingen an, die Sie schenken könnten bzw. am besten von Dingen, die die Beschenkten selbst als Wunsch geäußert haben! Das hilft auch bei Weihnachtsgeschenken!

Literatur

Flynn, F. J. & Adams, G. S. (2009). Money Can’t Buy Love: Asymmetric Beliefs About Gift Price and Feelings of Appreciation. Journal of Experimental Social Psychology, 45, 404-409.
Gino, F. & Flynn, F. J. (2011). Give Them What They Want: The Benefits of Explicitness in Gift Exchange. Journal of Experimental Social Psychology, 47, 915-922.
Park, Soyoung Q., Kahnt, Thorsten, Dogan, Azade, Strang, Sabrina, Fehr, Ernst & Tobler, Philippe N. (2017). A neural link between generosity and happiness. Nature Communications, 8, doi:10.1038/ncomms15964.
Parker, Suzanne C., Majid, Haseeb, Stewart, Kate L. & Ahrens, Anthony H. (2016). No thanks! Autonomous interpersonal style is associated with less experience and valuing of gratitude. Cognition and Emotion, 31, doi: 10.1080/02699931.2016.1256274.
Yang, A. X. & Urminsky, O. (2018). The Smile-Seeking Hypothesis: How Immediate Affective Reactions Motivate and Reward Gift Giving. Psychological Science, 29, 1221 – 1233.




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