Die verbreitete Annahme, dass Weinen bei Erwachsenen unmittelbar zu einer emotionalen Entlastung führt, wird durch eine aktuelle Untersuchung von Stieger et al. (2026) grundlegend infrage gestellt. In ihrer Studie untersuchte man das Phänomen des emotionalen Weinens jenseits künstlicher Laborbedingungen. Da bisherige Erkenntnisse oft auf rückblickenden Berichten basierten, nutzten man eine Smartphone-basierte Methode des „Experience Sampling“. Dabei dokumentierten 106 Teilnehmer über einen Zeitraum von vier Wochen insgesamt 315 Weinepisoden in ihrem Alltag und bewerteten ihren emotionalen Zustand unmittelbar sowie 15, 30 und 60 Minuten nach dem Ereignis.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Weinen keinesfalls ein automatischer Mechanismus zur sofortigen Spannungsreduktion ist. Stattdessen dominierten direkt nach dem Vergießen von Tränen negative Gefühlszustände und eine erhöhte psychische Belastung, wobei die Intensität der negativen Stimmung mit der Heftigkeit des Weinausbruchs korrelierte. Besonders entscheidend für das anschließende Befinden erwies sich der jeweilige Auslöser: Während das Weinen als Reaktion auf mediale Inhalte – wie etwa traurige Filme – tendenziell eher zu einer entspannteren Stimmung führte, blieb die emotionale Lage bei tiefliegenden Gründen wie Einsamkeit oder Überforderung deutlich länger im negativen Bereich.
Interessanterweise zeigten sich auch geschlechtsspezifische Unterschiede, wonach Frauen nicht nur häufiger und intensiver weinten, sondern dies oft aus Einsamkeit taten, während Männer eher auf Hilflosigkeit oder Medienreize reagierten. Trotz der teils bis zu einer Stunde anhaltenden emotionalen Verschiebungen konnte man am darauffolgenden Tag keine messbaren Nachwirkungen der Weinepisoden mehr feststellen.
Insgesamt legt die Studie nahe, dass die Wirkung von Tränen stark kontextabhängig und ein weitaus komplexerer Prozess ist, als die populärwissenschaftliche Vorstellung einer reinigenden Katharsis vermuten lässt, da ein direkter stimmungsaufhellender Effekt in den Daten nicht nachgewiesen werden konnte.
Literatur
Stieger, S., Graf, H., & Biebl, S. (2026). Effects of crying on affect: An event-based experience sampling study of adult emotional crying. Collabra: Psychology, 12(1), doi:10.1525/collabra.157541
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