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Wie das Gehirn die Realität erfindet

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    Die Realität, die Menschen tagtäglich wahrnehmen, ist keine direkte Abbildung der Außenwelt, sondern eine hochgradig bearbeitete Konstruktion ihres Gehirns. Die Sinne liefern lediglich lückenhafte und zeitlich versetzte Datenströme, die das Gehirn durch komplexe Vorhersagemodelle ergänzt.

    So ist beispielsweise das menschliche scharfes Sichtfeld erstaunlich klein; den Eindruck einer detailreichen Umgebung erzeugt man nur durch ruckartige Augenbewegungen, den Sakkaden, während derer das Gehirn die visuelle Wahrnehmung kurzzeitig ausschaltet und die Lücken mit Annahmen füllt. Auch das Zeitempfinden ist eine biologische Fiktion: Da Licht-, Schall- und Tastberührungen unterschiedlich schnell verarbeitet werden, synchronisiert das Gehirn diese Reize künstlich zu einem kohärenten „Jetzt“, das Menschen faktisch mit einer Verzögerung von bis zu einer halben Sekunde in der Vergangenheit leben lässt.

    Um in einer dynamischen Umwelt handlungsfähig zu bleiben, agiert das Gehirn daher als Vorhersagemaschine (Predictive Processing), d. h., es berechnet die zukünftige Position von Objekten voraus und leitet motorische Reaktionen ein, noch bevor ein Ereignis bewusst wird. Diese Automatismen betreffen auch die Innenwelt, denn Emotionen und körperliche Zustände wie Hunger oder Angst sind oft präventive Vorbereitungen auf erwartete Situationen, basierend auf vergangenen Erfahrungen.

    Das bewusste Ich fungiert dabei weniger als Pilot, der jede Sekunde steuert, sondern vielmehr als Passagier und Geschichtenerzähler, der langfristige Pläne schmiedet und die Identität formt. Menschen sind somit die Schöpfer einer überzeugenden Erzählung, die sie als ihre unbestreitbare Realität erleben.

    Literatur

    Friston, K. (2010). The free-energy principle: A rough guide to the brain? *Nature Reviews Neuroscience*, 11(2), 127–138.
    Barrett, L. F. (2017). *How emotions are made: The secret life of the brain*. Houghton Mifflin Harcourt.
    Eagleman, D. M. (2008). Human time perception and its illusions. *Current Opinion in Neurobiology*, 18(2), 131–136.
    Bridgeman, B., Van der Heijden, A. H., & Velichkovsky, B. M. (1994). A theory of visual stability across saccadic eye movements. *Behavioral and Brain Sciences*, 17(2), 247–258.

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