Die wissenschaftliche Untersuchung der frühkindlichen Gehirnentwicklung hat durch eine aktuelle Studie von O’Doherty et al. (2026) einen bedeutenden Erkenntnisgewinn erfahren. Entgegen der bisherigen wissenschaftlichen Annahme, dass Säuglinge in den ersten Lebensmonaten lediglich rudimentäre visuelle Reize wie Farben und Formen verarbeiten, zeigt die Forschung, dass das menschliche Gehirn bereits im Alter von nur zwei Monaten zu komplexen Kategorisierungsleistungen fähig ist. In diesem frühen Stadium, lange bevor die Kinder in der Lage sind zu sprechen oder gezielt nach Objekten zu greifen, beginnt das visuelle System im sogenannten ventrotemporalen Kortex bereits damit, die Umwelt systematisch zu sortieren und Gesehenes in Gruppen wie Tiere, Alltagsgegenstände oder Pflanzen einzuteilen. Um diese tiefgreifenden Einblicke in die Funktionsweise des jungen Gehirns zu gewinnen, setzten die Neurowissenschaftler auf eine innovative methodische Kombination aus moderner Bildgebung und Informatik, indem sie über 130 Säuglinge mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) im wachen Zustand untersuchten. Die dabei aufgezeichneten neuronalen Aktivitätsmuster wurden anschließend mithilfe von KI-Modellen, speziell tiefen neuronalen Netzen, analysiert und mit der menschlichen Wahrnehmungsgeometrie verglichen. Diese technologische Unterstützung ermöglichte es zu belegen, dass die Gehirne der Säuglinge nicht nur auf die visuelle Erscheinung reagieren, sondern bereits abstrakte Kategorienmerkmale nutzen, die aus der Statistik des visuellen Inputs gelernt werden können. Bemerkenswert ist dabei, dass diese kategorischen Strukturen im Gehirn bereits vorhanden sind, bevor sie sich im lateralen visuellen Kortex manifestieren, was auf eine nicht-hierarchische Entwicklung der Repräsentationen hindeutet. Die Ergebnisse verdeutlichen somit, dass die neuronalen Voraussetzungen für die Objekterkennung weitaus früher ausgeprägt sind als bisher vermutet, und unterstreichen die enorme Komplexität sowie den Reichtum der frühen Hirnfunktionen, die bereits kurz nach der Geburt damit beginnen, der Welt eine geordnete Struktur zu verleihen.
Siehe auch Die neuronale Entwicklung der visuellen Kategorienbildung.
Literatur
O’Doherty, C., Dineen, Á. T., Truzzi, A., King, G., Zaadnoordijk, L., Harrison, K., D’Arcy, E.-L., White, J., Caldinelli, C., Holloway, T., Kravchenko, A., Diedrichsen, J., Tarrant, A., Byrne, A. T., Foran, A., Molloy, E. J., & Cusack, R. (2026). Infants have rich visual categories in ventrotemporal cortex at 2 months of age. Nature Neuroscience, doi:10.1038/s41593-025-02187-8
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