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ADHS und Komorbidität mit Glücksspiel

    Jahrelang wurde angenommen, dass ADHS ausschließlich eine Störung im Kindes- und Jugendalter ist, die vorübergehend behandelt werden muss und sich im Erwachsenenalter wieder auflöst. Die Realität sieht ganz anders aus, denn etwa sechzig Prozent der Menschen, bei denen diese Störung in der Kindheit diagnostiziert wurde, zeigen die Symptomatik auch im Erwachsenenalter, allerdings mit anderen Erscheinungsformen und Folgen, d. h., dass sich die Symptomatik von der in der Kindheit beobachteten deutlich unterscheidet (Mencacci & Migliarese, 2021):

    • Unaufmerksamkeit: bezieht sich auf eine große Schwierigkeit, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, eine Schwierigkeit, die sich in Ablenkbarkeit, Überempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen und einem Aufmerksamkeitsdefizit äußert (d. h. Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit bei langwierigen und potenziell uninteressanten Aufgaben für die Person). Bei Erwachsenen ist dies ein Symptom, das sich vor allem in einem Mangel an Aufmerksamkeit und exekutiven Funktionen, einschließlich Entscheidungsfähigkeit und Arbeitsgedächtnis, äußert. Letzteres hat erhebliche Auswirkungen auf die Ausführung der täglichen Aktivitäten im Leben eines Erwachsenen.
    • Hyperaktivität: Dies ist ein Symptom, das in den verschiedenen Lebensabschnitten sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Erwachsenenalter bezieht sie sich nicht so sehr auf die Verhaltenshyperaktivität, wie bei einem Kind mit ADHS, das sich motorisch nicht beherrschen kann, sondern auf innere Anspannung und Erregung, Unruhe und die Unfähigkeit, sich zu entspannen. Man kann also sagen, dass sich Hyperaktivität bei Erwachsenen durch eine beschleunigte Verbalisierung, die Unfähigkeit, Wendungen einzuhalten, und eine starke Desorganisation bemerkbar macht.
    • Impulsivität: Bezieht sich auf die Verhaltenstendenz, die dazu führt, dass erwachsene Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung nach sofortiger Belohnung streben und nicht in der Lage sind, unangemessenes oder unerwünschtes Verhalten zu unterdrücken. Interessanterweise sind es gerade impulsive Verhaltensweisen, die eine Unterscheidung zwischen ADHS und bipolarer Störung oder anderen Störungen erschweren, da sie beispielsweise zu schnell abgebrochenen und ersetzten Liebesbeziehungen, ungerechtfertigten Kündigungen und riskantem (sensationslüsternem) und unverantwortlichem (z. B. übermäßigem Konsum) Verhalten führen.

    Nach einer Metaanalyse gibt es Hinweise, dass zwischen ADHS und Spielsucht nicht nur eine auffällige Korrelation, sondern auch eine potenzielle Kausalität bestehen könnte. Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung gilt als Prototyp der Impulsivitätsstörung, die ein zentrales Symptom der Symptomatik darstellt, d. h., Menschen mit dieser Störung zeigen häufig andere Formen der Impulsivität, die mit anderen Störungen zusammenhängen. Darüber hinaus fand man, dass impulsive Menschen eher zu riskanten Aktivitäten neigen, weil sie den für ADHS typischen psychologischen Zustand der Untererregung lindern wollen. Glücksspiele stellen dabei eine riskante Aktivität dar, gerade weil sie das Risiko von etwas Wertvollem in der Hoffnung auf einen größeren Gewinn beinhalten. Die Komorbidität zwischen Glücksspielsucht und ADHS mag paradox erscheinen, da Menschen mit ADHS Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, doch wurde schon früher darauf hingewiesen, dass Aufmerksamkeitsdefizite bei ADHS aufhören können, wenn die Aufgabe für das Subjekt sehr lohnend und interessant ist.

    Eines der oft sehr ausgeprägte Hauptsymptome ist dabei die Aufmerksamkeitsschwäche, d. h., Betroffene sind leicht abzulenken und reagieren auf starke Stimuli, wobei besonders stimulierende Aktivitäten wie das Spielen es den Betroffenen ermöglicht, auch über längere Zeit bei der Sache zu bleiben, wobei insbesondere das Glücksspiel an Spielautomaten mit ihren typischen blinkenden bunten Lichtern und eindringlichen Klängen sehr stimulierend sein dürfte. Hinzu kommt die Hyperaktivität, die das exzessive Ausüben einer Tätigkeit unterstützt, was ebenfalls durch die Ablenkung mit starken Stimuli beseitigt werden kann. Hinzukommt auch die Impulsivität, sich von den unangenehmen Gefühlen der inneren Unruhe und Unterstimulierung zu befreien, wobei Studien gezeigt haben, dass das Glücksspiel das Belohnungszentrum im menschlichen Gehirn aktivieren kann, sodass der Spielende eine unmittelbare Erlösung seiner negativen Gefühle erfährt.

    Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Emotionsregulierung neigen Menschen mit einer Glücksspielstörung oder ADHS dazu, maladaptive Strategien wie Unterdrückung von Emotionen, Vermeidung, Grübeln und Katastrophisieren anzuwenden, wenn sie mit negativen Emotionen konfrontiert werden, sodass Glücksspiel als ein möglicher Anpassungsmechanismus zu betrachten ist, der darauf abzielt, negative emotionale Zustände und Stress bei Menschen mit Glücksspielstörungen und ADHS zu regulieren. Menschen mit pathologischem Glücksspiel weisen darüber hinaus auch Defizite bei den exekutiven Funktionen auf, ein Element, das typischerweise bei Menschen mit ADHS zu beobachten ist. Zusammenfassend argumentiert auch die APA (2013), dass klinisch signifikante Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität als Risikofaktoren für das Fortschreiten der Spielstörung wirken können.

    Zwar gibt es keine eindeutigen Daten, wie viele pathologische Glücksspieler auch unter ADHS litten oder leiden, doch hat eine Studie gezeigt, dass Problemspieler und Spielsüchtige mit ADHS oft in deutlich jüngerem Alter problematisches Spielverhalten entwickelten als nicht von ADHS betroffene Spielsüchtige.

    Literatur

    American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). Arlington, VA: American Psychiatric Publishing.
    Mainardis, Seila (2022). ADHD in età adulta e il gioco d’azzardo.
    WWW: https://www.stateofmind.it/2022/05/adhd-gioco-azzardo/ (22-05-31)
    Mencacci, C. & Migliarese, G. (2021). ADHD nell’adulto. Dalla diagnosi al trattamento. Edizioni Edra, Milano.
    Mestre-Bach, G., Steward, T., Potenza, M. N., Granero, R., Fernández-Aranda, F., Mena-Moreno, T., Magaña, P., Vintró-Alcaraz, C., Del Pino-Gutiérrez, A., Menchón, J. M., & Jiménez-Murcia, S. (2021). The Role of ADHD Symptomatology and Emotion Dysregulation in Gambling Disorder. Journal of attention disorders, 25(9), 1230–1239.
    Theule, J., Hurl, K. E., Cheung, K., Ward, M., & Henrikson, B. (2019). Exploring the Relationships Between Problem Gambling and ADHD: A Meta-Analysis. Journal of attention disorders, 23(12), 1427–1437.




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