Religion und Moral


Gute Menschen wird die Schenke nicht verderben und schlechte wird die Synagoge nicht bessern.
Jüdisches Sprichwort

In den letzten Jahren sieht sich der Religionsunterricht zusehends in einem bildungspolitischen Dilemma, denn immer mehr Jugendliche melden sich aus verschiedensten Gründen davon ab. Diese Entwicklung sieht vor allem die römisch-katholische Kirche mit Skepsis und verweist stets auf die erzieherische Bedeutung des Religionsunterrichts für die moralische Entwicklung eines Menschen. Allerdings zeigt sich, dass gelebter Glaube eher wenig mit höheren moralischen Standards in Verbindung steht, als man denkt, bzw. tatsächlich scheint eher das Gegenteil zu stimmen. Bereits frühere Untersuchungen konnten zeigen, dass religiöse Menschen nicht automatisch moralischer handeln, doch Decety et al. (2015) zeigten nun, dass Kinder aus einem religiösen Umfeld sogar weitaus weniger altruistisch sind als nichtreligiös erzogene Kinder. Siehe dazu die Anmerkung am Ende des Textes!

Um den Einfluss der Religion auf den Altruismus von Kindern zu messen, mussten Fünf- bis Zwölfjährige aus den USA, Kanada, Jordanien, der Türkei, Südafrika und China  an einem Spiel teilnehmen, in dem es um die Frage ging, in welchem Ausmaß Kinder bereit sind, bunte Sticker mit einer anonymen Person zu teilen. Es bestätigte sich dabei, dass Kinder mit steigendem Alter großzügiger sind, jedoch fand sich auch, dass je mehr Einfluss die Religion im Leben eines Kindes spielte, umso weniger freigiebig zeigte es sich, während hingegen die großzügigsten Kinder aus atheistischen Familien stammten. Dieser Unterschied zeigte sich auch darin, wie die Kinder mit Verfehlungen oder persönlichen Angriffen umgingen, wobei jene mit einem religiösen Hintergrund sich für das Fehlverhalten anderer Kinder tendenziell härtere Bestrafungen wünschten als solche, für die Religion keine große Rolle spielt.

Damit wurde ein Zusammenhang bestätigt, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Religiosität und geringerer Toleranz gibt. Ursache dafür ist vermutlich das moral licensing, nach dem sich Menschen, die sich ihrem persönlichen Urteil nach gut verhalten und religiöse Regeln einhalten, weniger Gedanken über die Konsequenzen machen, die ihr potenziell unmoralisches Verhalten nach sich ziehen könnte. Offensichtlich wirkt sich gelebte Religion tendenziell eher negativ auf die Moral aus.

Bestätigt wird das durch Akin (2018), der den Einfluss der frühkindlichen Erziehungserfahrungen auf die moralischen Fähigkeiten erforschte. Dazu wurden Studierende verschiedener Fachrichtungen aus Berlin zur religiösen Prägung in ihrer frühkindlichen Erziehung befragt und in Bezug auf ihre moralische Orientierung und Kompetenz untersucht. Den messmethodischen Rahmen bilden der Moralische-Kompetenz-Test nach Lind und der selbstkonstruierte Fragebogen zur Erfassung der religiösen Erziehung und Religiosität. Die Auswertung der Online-Studie zeigte, dass die moralischen Fähigkeiten bei dogmatisch religiös erzogenen Studierenden signifikant vermindert ausfallen und dabei nicht auf unterschiedliche Bildungserfahrungen oder das gegenwärtige Beibehalten der Religiosität zurückzuführen sind.

Akin (2020) belegt damit auch den bedeutenden Einfluss der frühkindlichen Erziehungserfahrungen für die Moralkompetenz im Erwachsenenalter: „Es lässt sich festhalten, dass dogmatisch religiöse Erziehungsmethoden als moralhemmend einzustufen sind, aber welche Erziehungsmethoden eine hohe Moralkompetenz fördern bleibt folglich unbeantwortet und bedarf einer ausführlichen Untersuchung” (S. 39)

Psychologen fanden bei der Auswertung von Ausleihdaten einer Universitätsbibliothek heraus, dass religiöse Buchtitel häufiger zu spät zurückgegeben wurden als weltliche Werke. Man vermutet daher, dass religiöse Menschen von anderen mitunter das Einhalten moralischer Prinzipien erwarten, die sie selbst nicht befolgen.


Historisches: Nach Max Weber sind es die Religionen, die die Modalitäten der Zuwendung zur Welt definieren, wobei wohl für den abendländischen Kulturraum gilt, dass insbesondere das Christentum den Wirklichkeitsbezug der Menschen lange geprägt hat. Die Haltung des Christentums gegenüber der Welt bezeichnet Weber als Weltbeherrschung, wobei es im Kern dabei darum geht, dass ein Unterschied besteht zwischen dem, wie es ist, und dem, wie es sein soll. Dieser Unterschied soll daher im Leben auf dieser Welt dadurch überwunden werden, indem die Menschen an sich selbst arbeiten und sich durch Disziplin und Arbeit dem Ideal des Lebenslaufes immer weiter annähern. Weber bezeichnet diese Anstrengungen der Menschen, ihre Bedürfnisse, Triebe, Emotionen und ihr inneres Böse unter Kontrolle zu bringen, als innerweltliche Askese, wobei etwa der Genuss von Reichtum und die Erotik genauso verpönt sind wie auch der Überschwang der Gefühle, die Leidenschaft oder Rachsucht aus persönlichen Motiven. Gut in diesem Sinne hingegen ist die Berufsarbeit als Mitarbeit an den durch Gottes Schöpfung gesetzten sachlichen Zwecken. Sich selbst gegenüber arbeitet der gute Christ an der Kontrolle der eigenen Kreatürlichkeit durch aktive Disziplin, um sich als Instrument für die Erlösung in dieser Welt vorzubereiten. Diese Trennung zwischen dem realen Menschsein und dem idealen Menschsein ist auch konstituierend für die abendländischen Pädagogik, denn Erziehung wird eine humanisierende Kraft zugesprochen, die den Menschen erst zum Menschen macht (im Sinne Kants). Aus diesen religiösen Zielen ergeben sich zentrale Veredelungsrichtungen des Menschen, etwa die Heiligung des Menschen, um ihn aus einem verdorbenen Zustand herauszuführen, die Moralisierung, um ihn aus einem zügellosen Zustand herausführen, die Verrechtlichung, um ihn aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, die Rationalisierung des Menschen, um ihn für bestimmte Dinge brauchbar zu machen, und nicht zuletzt die Vermenschlichung des Menschen, um in ihm die Struktur des Menschseins zu entwickeln.


Anmerkung: Der Artikel von Decety et al. (2015) wurde auf Wunsch der AutorInnen zurückgezogen. Dazu die AutorInnen: “In unserem Beitrag berichteten wir über interkulturelle Unterschiede in der Frage, wie sich das religiöse Umfeld eines Kindes negativ auf sein Miteinander auswirkte, seine Beurteilung der Handlungen anderer und wie seine Eltern es bewerteten. Ein Fehler in diesem Artikel, unsere falsche Einbeziehung des Herkunftslandes als Kovariat in vielen Analysen, wurde in einer Korrespondenz von Shariff, Willard, Muthukrishna, Kramer und Henrich (https://doi.org/10.1016/j.cub.2016.06.031) hervorgehoben. Als wir diese Daten neu analysierten, um diesen Fehler zu korrigieren, fanden wir heraus, dass das Herkunftsland und nicht die Religionszugehörigkeit der wichtigste Prädiktor für mehrere der Ergebnisse ist. Während unser Titel, der feststellt, dass eine erhöhte Religiosität in den Haushalten eine geringere Beteiligung von Kindern voraussagt, nach wie vor signifikant ist, halten wir es für notwendig, die wissenschaftliche Aufzeichnung explizit zu korrigieren, und ziehen daher den Artikel zurück.”


Literatur

Akin, Asli (2018). Religiöse Erziehung und Moralentwicklung. Der Einfluss einer religiös geprägten Kindheit auf die moralische Orientierung und Kompetenz. Bachelorarbeit in Psychologie. Hochschule für Gesundheit und Medizin, Berlin.
Akin, Asli (2020). Religiöse Erziehung und Moralentwicklung: Der Einfluss einer religiös geprägten Kindheit auf die moralische Orientierung und Kompetenz. Ethics in Progress, 9, 27-43.
Decety, Jean, Cowell, Jason M., Lee, Kang, Mahasneh, Randa, Malcolm-Smith, Susan, Selcuk, Bilge & Zhou, Xinyue (2015). The Negative Association between Religiousness and Children’s Altruism across the World. Current Biology,doi: 10.1016/j.cub.2015.09.056.
Fend, H. (2006). Geschichte des Bildungswesens. Der Sonderweg im europäischen Kulturraum. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
https://www.stangl.eu/psychologie/entwicklung/moral.shtml (15-11-06)







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