Stand-by für das Gehirn: Tagträume

Bei Untersuchungen an Menschen, die im Versuch einfach dazuliegen und nichts zu tun hatten, zeigte sich, dass das Gehirn in solchen Ruhephasen keineswegs abschaltet, vielmehr wird ein weitverzweigtes Basisnetzwerk (default network) aktiv, in welchem das Gehirn die freie Zeit benutzt, um über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken, um zu planen oder Bilanz zu ziehen. Offensichtlich hat das selbstreferenzielle Basisnetzwerk des Gehirns, das sich in Ruhepausen immer wieder einschaltet und Menschen zum Grübeln veranlasst, eine wichtige Funktion. Da beim Tagträumen auch Gehirnareale aktiv sind, die die Gedanken lenken und kontrollieren und damit für die Konzentration zuständig sind, kann man daher schließen, dass das Gehirn kaum unterscheidet, ob man seine Aufmerksamkeit auf äußere Dinge oder auf unsere eigenen Gedanken richtet. Tagträume darf man daher auf keinen Fall nur als etwas Negatives betrachten, denn sie können wertvoll sein, wenn man sie gut kontrollieren kann, d. h., sie unterdrückt, wenn es notwendig ist und ihnen nachgeht, wenn es wichtig ist. Tagträume ermöglichen es etwa, sich aus dem Hier und Jetzt wegzudenken und fungieren als Mittel zur Überbrückung langweiliger Situationen.

Um bei Probanden Tagträume zu provozieren, ließen amerikanische und schottische Psychologen vier Tage lang immer wieder die gleichen Tests wiederholen. Am vierten Tag bekamen die Teilnehmer zusätzlich neue Aufgaben gestellt, deren Aufbau jedoch dem der bekannten glich. Während der Tests sollten die Probanden angeben, wie häufig ihre Gedanken jeweils abgeschweift waren. Am fünften Tag schließlich zeichneten die Wissenschaftler die Gehirnaktivität der Testteilnehmer auf, während diese die verschiedenen Aufgaben lösten. Die Psychologen haben dabei entdeckt, dass immer dann, wenn ihre Probanden keine anspruchsvollen Aufgaben zu lösen hatten, ihre Gedanken umherzuschweifen begannen. Dabei aktivierte sich standardmäßig ein Netzwerk bestimmter Gehirnregionen, das sich deutlich von dem unterschied, das die Testteilnehmer während Phasen konzentrierter Arbeit nutzten. Je aktiver dieses Netzwerk war, desto intensiver waren nach den Berichten der Probanden auch ihre Tagträume. Die Neigung zu Tagträumen war am deutlichsten, wenn die Probanden gar keinen Tests zu lösen hatten, wobei in diesem Zustand auch die Aktivität eines über das ganze Gehirn verteilten Netzes von Arealen am höchsten war, das die Wissenschaftler das „Standardnetzwerk“ nennen. Das Bearbeiten der Aufgaben verminderte hingegen die Tendenz, die Gedanken umherschweifen zu lassen, und auch die Aktivität des Standardnetzwerkes bei den häufig geübten Tests wurde nur ein wenig, bei den neuen Aufgaben fast vollständig reduziert.

Anmerkung: Im Schlaf wird das Gedächtnis zwar dadurch gestärkt, dass Erinnerungen gefestigt werden, allerdings findet keine neue Vernetzung statt, d. h., es kommt zu keinen kreativen neuen Gedächtnisinhalten. Die kreative Verarbeitung von Informationen ist im Schlaf also nicht stärker als im Wachzustand, d. h., der Schlaf hat umso weniger Einfluss auf die kreative Verarbeitung von Informationen, je komplexer eine Aufgabe ist.

Barbara Rohrhofer beschwört in einem Artikel in den OÖN vom 17. April 2015 das Ende der Tagträumerei und beschreibt anschaulich, dass vor allem das Smartphone diesen kreativen Zustand verhindert. Sie zitiert einen Artikel aus der „Zeit“: „Für die junge Generation wird Langeweile zunehmend zu einem unbekannten Geisteszustand. Schließlich trägt man doch ständig ein Handy in der Tasche – und wenn nichts los ist, zieht man es reflexartig heraus, checkt WhatsAPP, liest Facebook, lädt Fotos hoch, ändert seinen Status oder spielt Angry Birds. Auf diese Weise wird Langeweile in unserer Gesellschaft abgeschafft“. Was auf den ersten Blick positiv klingt, weil Langeweile für manche Menschen ein sehr unangenehmes Gefühl darstellt, das sie rastlos und innerlich unruhig werden lässt. Doch braucht das Gehirn auch Phasen des Leerlaufs, um seine Arbeit zu machen, um Dinge zu verarbeiten und verknüpfen zu können.
Nach der Umfrage eines deutschen Meinungsforschungsinstitutes zücken 44 Prozent der Erwachsenen ein Mobiltelefon, wenn sie nichts weiter zu tun haben, weil sie etwa im Kaffeehaus auf jemanden warten oder im Wohnzimmer auf der Couch liegen und gerade keine Lust zum Lesen oder Fernsehen haben. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar 73 Prozent, die bei jeder Gelegenheit das Smartphone zücken, und das selbst dann, wenn sie Fernsehen oder mit jemandem sprechen. Das Mobiltelefon ist nach Ansicht der klinischen Psychotherapeutin Marina Gottwald die ideale kurzweilige Bespaßung für Kinder und Erwachsene, was dazu führt, dass ein Mensch, der seine Aufmerksamkeit stets auf sein Telefon richtet, wenn er gerade nichts zu tun hat, diese nie nach innen, d. h., auf sich selbst richten kann. Dadurch werden jene Phasen im Alltag verpasst, die man als „ungerichtetes“ Denken bezeichnet. Zwar machen Smartphones die Menschen nicht dumm, aber sie stillen und fördern einen Appetit auf endlose Unterhaltung. Damit schwinden die Auszeiten für das Gehirn und damit auch die Gelegenheit für überraschende Gedanken, die einem gerade in jenen Momenten kommen, in denen man etwa im Zug aus dem Fenster schaut. Die Arbeitsgeschwindigkeit des Gehirns beeinflusst die kreative Leistung, denn für kreative Prozesse ist ein vergleichsweise langsamer Rhythmus förderlich, wobei kreative Menschen nicht langsamer denken. Ein solcher langsamer Gehirnrhythmus entsteht etwa beim Tagträumen, wobei kreative Menschen in der Lage sind, von Phasen der Träumerei auf Phasen der totalen Konzentration umzuschalten, in denen die Intelligenz gefragt ist.
Dabei setzt sich die Getriebenheit und ständige Aktivität der Eltern auch in Kindern und Jugendlichen fort, d. h., diese werden überfordert und überreizt und haben gar keine Chance mehr, die Voraussetzung für Müßiggang zu entwickeln. Das liegt aber auch daran, dass das reine Nichtstun, und sei es nur für einige Minuten, im allgemeinen nicht positiv bewertet wird. Eltern sollten nach Ansicht von Erziehungsexperten ihren Kindern auch Zeit geben, sich zu langweilen, denn Langeweile ist der Schlüssel zur inneren Balance auch in diesem Alter.

Psychologen sprechen bei Tagträume eher von aufgabenunabhängigem Denken (task-unrelated thought, denn man denkt ohne Zweck in einem Zustand der Ruhe, d. h., man will nichts, strebt nach nichts, freut sich auf nichts, fürchtet nichts, ist von keinem Bedürfnis getrieben. Dabei klingen Stressreaktionen, die mit zielgerichtetem Denken verbunden sind, ab. Erforscht wurde dieses Phänomen mit einer Technik namens thought sampling, wobei Probanden mit Funkempfängern ausgestattet wurden, die zu verschiedenen Zeiten angepiepst und gefragt wurden, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Dabei zeigte sich, dass Menschen sich in so gut wie allen erdenklichen Situationen mentale Auszeiten nehmen und ins Tagträumen abgleiten. Man hat dabei festgestellt, dass Menschen zehn bis zwanzig Prozent ihrer Zeit mit Tagträumerei verbringen, wobei meist die Aufmerksamkeit von irgendeiner Beschäftigung wie etwa eine Zeitung lesen, einen Brief schreiben, einem anderen Menschen zuhören, in die Ferne schweift.

Die Vorstellungen beim Tagträu,en kommen meist wie aus dem Nichts ins Bewusstsein, ähnlich wie die Träume in der Nacht, wobei im Abstand von neunzig Minuten besonders lebhafte Tagträume kommen, entsprechend dem Rhythmus des traumreichen REM-Schlafs während der Nacht, sodass manche Forscher glauben, dass Tag- und Nachtträume nur verschiedene Schattierungen des gleichen Zustandes sind.

Siehe dazu die Arbeitsblätter „Das menschliche Gehirn“ und „Intelligenz und Kreativität„.

Weitere Quellen

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/02/psychologie-innere-ruhe-bewusstsein-tagtraeume-hirnforschung (17-04-30)




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