Die Entwicklung der Schrift zählt zu den bedeutendsten kulturellen Erfindungen der Menschheit, liegt zeitlich gesehen mit weniger als 6.000 Jahren jedoch nur einen extrem kurzen Moment in der menschlichen Evolution zurück. Da sich das menschliche Gehirn biologisch nicht speziell für das Lesen und Schreiben entwickelt hat, greift es bei der Aneignung dieser Kulturtechniken auf bestehende visuelle sowie kognitive Netzwerke zurück und passt diese grundlegend an. Über jahrelanges Training werden kognitive Teilfunktionen wie die Arbeitsgedächtniskapazität, die visuelle Differenzierungsfähigkeit, die phonologische Bewusstheit und die exekutiven Funktionen kontinuierlich zusammengeschaltet und automatisiert. Dieser Prozess führt zu dauerhaften funktionellen und strukturellen Veränderungen im Gehirn.
In der Forschung zeigen Vergleiche zwischen alphabetisierten Personen und Analphabeten sowie das Studium von Lese-Rechtschreib-Störungen (LRS), wie stark das Gehirn durch Leseerfahrung geformt wird. Alphabetisierte Menschen entwickeln beispielsweise eine ausgeprägtere Fähigkeit zur Teilchenanalyse visueller Muster und lernen, die Orientierungsinvarianz – also das unbewusste Identifizieren spiegelbildlicher Objekte als identisch – gezielt zu unterdrücken, um Buchstaben korrekt zu unterscheiden. Fehlt diese intensive Leseerfahrung, fallen Kognitionstests oft anders aus: Analphabeten tun sich schwerer bei der visuellen Segmentierung von Bildfolgen, der Einschätzung räumlicher Objektausrichtungen oder dem Abruf im verbalen Kurzzeitgedächtnis. Das erschwert unter anderem die medizinische Diagnostik im Alter, da gängige Demenztests stark auf kognitiven Strategien aufbauen, die meist erst im Zuge der Schulbildung verankert werden.
Gleichzeitig wirft die Neurowissenschaft ein neues Licht auf Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge bei Leseschwächen. Während klassische Ansätze kognitive Defizite – wie etwa Schwächen in der phonologischen Verarbeitung – als primäre Ursache für LRS betrachten, deuten neuere Erkenntnisse darauf hin, dass viele dieser Abweichungen vielmehr die Folge einer fehlenden oder suboptimalen Leseerfahrung sein könnten. Viele Phänomene, die man bei Menschen mit LRS beobachtet, finden sich in ähnlicher Form auch bei erwachsenen Analphabeten wieder. Neben der individuellen Wahrnehmung besitzt die Alphabetisierung zudem eine erhebliche gesellschaftliche Tragweite: Sie bildet das Fundament für abstraktes und kritisches Denken, vermittelt die Fähigkeit zur vertieften Auseinandersetzung mit komplexen Themen und schafft somit erst die Grundlage für eine fundierte öffentliche Meinungsbildung sowie das Funktionieren demokratischer Systeme.
Literatur
Huettig, F., Kolinsky, R., & Lachmann, T. (2018). The culturally co-opted brain: how literacy affects the human mind. Language, Cognition and Neuroscience, 33(3), 275–277.
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