Das menschliche Blickverhalten beim Betrachten komplexer visueller Szenen folgt keineswegs dem Zufall, sondern spiegelt die spezifische funktionelle Architektur des individuellen Gehirns wider. Wie eine Studie von Kollenda et al. (2026) zeigt, fokussieren Menschen beim Betrachten von Bildern mit natürlichem Inhalt systematisch unterschiedliche Bildelemente: Während einige Menschen bevorzugt Gesichter fixieren, richten andere ihren Blick primär auf geschriebenen Text.
Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie und präzisem Eye-Tracking an 61 Erwachsenen konnte nachgewiesen werden, dass diese individuellen Blickpräferenzen eng mit der Ausprägung und Abgrenzung spezialisierter Nervenzellareale im ventralen visuellen Strom zusammenhängen. Menschen, die vermehrt Gesichter betrachten, besitzen vergrößerte und präziser differenzierte gesichtsspezifische Gehirnregionen im unteren Schläfenlappen, wohingegen bei ausgeprägtem Interesse an Textelementen die für Sprach- und Wortverarbeitung zuständigen Areale stärker entwickelt sind.
Diese neuronale Passung wirkt sich direkt auf die kognitive Leistungsfähigkeit im Alltag aus, d. h., eine stärkere Tendenz zum Fixieren von Gesichtern geht mit einer höheren Genauigkeit bei der Gesichtserkennung einher, während eine Ausrichtung auf Textelemente mit einer höheren Lesegeschwindigkeit korreliert. Das visuelle System wählt somit gezielt diejenigen Reize aus der Umwelt aus, die vom eigenen Gehirn am effizientesten verarbeitet werden können. Ob die Ausrichtung des Blicks im Laufe des Lebens das Gehirn formt oder die neuronale Struktur die Sehgewohnheiten vorgibt, bleibt ein dynamisches Wechselspiel adaptiver Wahrnehmungsprozesse.
Literatur
Kollenda, D., Akbari, E., Broda, M. D., & de Haas, B. (2026). Active vision is linked to category selectivity in the individual brain. Nature Human Behaviour, doi:10.1038/s41562-026-02494-5
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