In alltäglichen Situationen, wie etwa auf einer gut besuchten Feier oder in einer lebhaften Menschenmenge, stehen wir fortwährend vor der Herausforderung, unsere Aufmerksamkeit gezielt auf eine einzelne Person zu richten und Nebengeräusche auszublenden. Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass das menschliche Gehirn bei einem Wechsel des Fokus strikt und abrupt von einem Sprecher zum nächsten springt. Eine aktuelle neurobiologische Untersuchung widerspricht jedoch dieser Annahme eines abrupten Wechsels und zeigt stattdessen, dass unsere Schaltzentrale fähig ist, mehrere Sprachströme kurzzeitig parallel zu verarbeiten. Carta et al. (2026) wiesen nach, dass die Aufmerksamkeit der Testpersonen bereits dem neuen Gesprächspartner folgt, noch bevor der vorherige Sprecher vollständig aus dem inneren Fokus entlassen wird. Auf diese Weise entsteht eine fließende Übergangsphase von wenigen Sekunden, in der beide Unterhaltungen gleichzeitig im Gehirn repräsentiert und verarbeitet werden.
Mithilfe von Elektroenzephalografie-Aufzeichnungen (EEG) gelang es, diese vorübergehende duale Kodierung als eine charakteristische neuronale Signatur im Gehirn sichtbar zu machen. Während des Experiments hörten die Probanden die Stimmen zweier Redner inmitten einer Geräuschkulisse und mussten ihren Fokus visuell gesteuert in regelmäßigen Abständen wechseln. Die Daten zeigten deutlich, dass das Gehirn beim Aufmerksamkeitswechsel neue akustische Signale bereits aktiv erfasst, während das alte Gespräch noch im Hintergrund mitläuft. Zudem korreliert dieser flexible Prozess mit einer veränderten Aktivität der Alpha-Wellen im auditorischen Cortex, was die Anpassungsfähigkeit unseres Gehörsinns unterstützt.
Interessanterweise variiert diese Fähigkeit von Mensch zu Mensch erheblich, d. h., Personen, denen dieser Übergang besonders gut gelingt, besitzen offenbar eine ausgeprägtere Veranlagung zum auditiven Multitasking. Dies ermöglicht es ihnen, die eigene Umgebung flexibel zu sondieren, ohne den roten Faden des aktuellen Gesprächs sofort zu verlieren. Da die Studie jedoch unter kontrollierten Laborbedingungen stattfand und die Wechsel künstlich vorgegeben waren, bleibt noch zu klären, inwieweit diese Mechanismen eins zu eins auf die komplexen und unvorhersehbaren Dynamiken realer Alltagsgespräche übertragbar sind.
Literatur
Carta, S., Alickovic, E., Zaar, J., López Valdés, A., & Di Liberto, G. M. (2026). Competing speech streams are simultaneously represented in the human cortex during attention switching. PLOS Biology, 24(7), doi:10.1371/journal.pbio.3003876
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