Die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, isolierte Eindrücke und Erinnerungen miteinander zu verknüpfen, bildet das Fundament für das alltägliche Wissen und ermöglicht es, flexible Schlussfolgerungen zu ziehen, die über die reine Wahrnehmung hinausgehen. Dieser essenzielle Prozess, der auch als Gedächtnisintegration bezeichnet wird, wird jedoch durch akuten Stress massiv gestört. Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung von Schüren et al. (2026) zeigte, dass Menschen unter Stresseinfluss verstärkt isolierte Einzelerinnerungen abspeichern, anstatt neue Informationen in bereits bestehende Wissensstrukturen einzubetten.
Um diesen Mechanismus zu erforschen, wurden die Probanden einer Studie vor die Aufgabe gestellt, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zusammenhängende Bildpaare zu erlernen. Während am ersten Tag einfache Assoziationen zwischen Gesichtern und Tierbildern gefestigt wurden, setzte man am Folgetag die Hälfte der Teilnehmenden einer akuten Stresssituation aus, die sich physisch durch einen erhöhten Blutdruck und gesteigerte Cortisolwerte im Speichel manifestierte. Die anschließende Lernphase konfrontierte die Versuchspersonen mit neuen Kombinationen aus den bekannten Tierbildern und geometrischen Formen. Im entscheidenden Abschlusstest mussten die Probanden dann eine logische Schlussfolgerung ziehen und die ursprünglichen Gesichter direkt mit den neuen Formen verknüpfen – eine Brücke, die nur über das gemeinsame Bindeglied des Tierbildes geschlagen werden konnte. Die Ergebnisse machten deutlich, dass den gestressten Personen diese Verknüpfung erheblich schwerer fiel als der ungestressten Kontrollgruppe, obwohl beide Gruppen die einzelnen Bildpaare für sich genommen gleich gut gelernt hatten.
Mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) und Repräsentationsähnlichkeitsanalysen konnten die neuronalen Ursachen im Gehirn sichtbar gemacht werden. Der für die Gedächtnisintegration zentrale Hippocampus verfügt über eine besonders hohe Dichte an Rezeptoren für Stresshormone. Bei der entspannten Kontrollgruppe zeigte sich, dass beim Betrachten der bekannten Bilder die ursprünglichen Erinnerungen im Hippocampus automatisch reaktiviert und mit den neuen Informationen verwoben wurden. Bei den gestressten Teilnehmenden hingegen war diese Reaktivierung blockiert. Anstatt die überlappenden Ereignisse zu integrieren, führte der Stress zu einer neuronalen Differenzierung. Das Gehirn räumte der präzisen Repräsentation einzelner Episoden den Vorrang ein und speicherte die neuen Daten als völlig eigenständige, isolierte Ereignisse ab. Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass akuter Stress einen zentralen Kernmechanismus der Wissensbildung blockiert, was weitreichende und bedeutende Implikationen für das Bildungssystem, juristische Zeugenaussagen sowie klinische Kontexte mit sich bringen dürfte.
Literatur
Schüren, K. A., Varga, Nicole L., Heinbockel, H., Preston, A. R., Roozendaal, B., & Schwabe, L. (2026). Stress disrupts hippocampal integration of overlapping events and memory inference in humans. Science Advances, 12(21), doi:10.1126/sciadv.aea5496
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