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Die aktive Informationswahl verstärkt die Wahrnehmung von Wahrheit

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    Seit etwa fünf Jahrzehnten ist in der psychologischen Forschung das Phänomen bekannt, dass Menschen dazu neigen, Informationen allein aufgrund ihrer wiederholten Darbietung für wahr zu halten. Dieser „Truth-Effekt“ beschreibt die kognitive Verzerrung, bei der Vertrautheit fälschlicherweise als Evidenz für den Wahrheitsgehalt einer Aussage interpretiert wird. Eine aktuelle Untersuchung von Ingendahl et al. (2026) erweitert dieses Verständnis nun um eine entscheidende Komponente der digitalen Ära: die aktive Informationssuche. In einer Serie von acht Experimenten mit insgesamt fast 1.000 Teilnehmenden konnte man nachweisen, dass Informationen, die Individuen selbst aktiv ausgewählt oder angeklickt haben, einen noch stärkeren Einfluss auf deren späteres Wahrheitsempfinden ausüben als passiv wahrgenommene Inhalte.

    Der methodische Kern der Studie lag im Vergleich zwischen Informationen, die den Probanden zufällig präsentiert wurden, und solchen, die sie passend zu einem selbst gewählten Themenfeld aktiv selektierten. Während die Ergebnisse die grundsätzliche Existenz des Truth-Effekts bestätigten, zeigten sie deutlich, dass die Wiederholung von Inhalten dann am wirkungsvollsten ist, wenn ihr eine eigene Entscheidung – etwa das Anklicken einer Schlagzeile – vorausgegangen ist. Die Ursache für diese Verstärkung vermuten Ingendahl et al. (2026) in der Art der kognitiven Verarbeitung, d. h., die aktive Entscheidung für eine Information geht mit einer erhöhten Aufmerksamkeit und dem Einsatz verstärkter kognitiver Ressourcen einher, was dazu führt, dass aktiv gewählte Informationen nicht nur besser im Gedächtnis bleiben, sondern im weiteren Verlauf auch eine höhere Glaubwürdigkeit genießen.

    Diese Erkenntnisse haben weitreichende Konsequenzen für das Verständnis der Informationsverbreitung in digitalen Medien und sozialen Netzwerken. Da Nutzer online ständig Entscheidungen darüber treffen, wem sie folgen oder welche Links sie öffnen, befeuern sie ungewollt die Glaubwürdigkeit der ihnen präsentierten Inhalte. Besonders kritisch ist dies im Kontext von Desinformation und Fake News zu bewerten, da der Akt des Anklickens die psychologische Barriere gegenüber unwahren Behauptungen senkt. Gleichzeitig bietet die Studie jedoch auch einen Ansatzpunkt für die Kommunikation von Fakten: Wenn Faktenchecks so aufbereitet werden, dass sie zur aktiven Auswahl einladen, könnten auch sie von diesem verstärkten Truth-Effekt profitieren. Insgesamt verdeutlicht die Forschung, dass die Souveränität der Auswahl paradoxerweise dazu führen kann, dass wir anfälliger für die suggestive Kraft der Wiederholung werden, da unser Gehirn selbst gewählte Informationen prioritär verarbeitet und bereitwilliger als wahr akzeptiert.

    Literatur

    Ingendahl, M., Schulte, A., Weber, F., Vaz, A., Woitzel, J., & Alves, H. (2026). Choosing to believe: How active sampling enhances the truth effect. Journal of Experimental Psychology, doi:10.1037/xge0001888

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