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Organisationales Lernen zwischen Stabilität und Wandel: Gregory Batesons Beitrag zum Verständnis von Führung und Entwicklung

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    Organisationen lassen sich als komplexe soziale Systeme begreifen, in denen Kommunikation, Bedeutungszuschreibungen und Erwartungen kontinuierlich miteinander verwoben sind. Angesichts zunehmender Unsicherheit, Dynamik und Mehrdeutigkeit stellt sich für Führungskräfte und Organisationsentwickler verstärkt die Frage, wie Lern- und Veränderungsprozesse in solchen Systemen verstanden und gezielt unterstützt werden können. Ein theoretischer Ansatz, der hierfür bis heute hohe Erklärungskraft besitzt, stammt von Gregory Bateson, einem interdisziplinär arbeitenden Denker des 20. Jahrhunderts, dessen Arbeiten Psychologie, Anthropologie, Kybernetik und Systemtheorie miteinander verbinden. Bateson verstand Organisationen nicht als starre Strukturen, sondern als lebendige Netzwerke von Kommunikation, in denen Sinn laufend erzeugt, bestätigt oder verändert wird.

    Zentral für dieses Verständnis ist seine Unterscheidung verschiedener Ebenen des Lernens, die unterschiedliche Tiefen organisationaler Veränderung abbilden. Lernen beginnt auf einer basalen Ebene mit routinisiertem Handeln, bei dem bestehende Abläufe und Gewohnheiten ausgeführt werden, ohne dass diese selbst zum Gegenstand von Reflexion werden. Organisationen funktionieren hier stabil, reagieren jedoch kaum auf veränderte Umweltbedingungen. Eine weiterführende Ebene stellt das Lernen durch Anpassung dar, bei dem Rückmeldungen aus der Umwelt verarbeitet werden, um Effizienz zu steigern oder Fehler zu korrigieren. Veränderungen bleiben dabei innerhalb des bestehenden Rahmens von Normen, Regeln und Deutungsmustern; das zugrunde liegende Verständnis von Erfolg, Zweck und Angemessenheit wird nicht infrage gestellt.

    Eine qualitativ andere Form des Lernens entsteht dort, wo Organisationen beginnen, ihre eigenen Annahmen, Erwartungen und Steuerungslogiken zu reflektieren. Auf dieser Ebene richtet sich der Blick nicht mehr nur auf die Optimierung von Abläufen, sondern auf die Frage, warum bestimmte Probleme auf eine bestimmte Weise gelöst werden und welche impliziten Regeln dieses Handeln leiten. Normen können hier verändert, neu definiert oder auch aufgegeben werden, um die langfristige Überlebensfähigkeit der Organisation zu sichern. Gerade in komplexen Veränderungssituationen zeigt sich, dass viele scheinbar technische oder operative Probleme nicht auf derselben Ebene gelöst werden können, auf der sie entstanden sind. Ohne eine Verschiebung des Deutungsrahmens bleiben Veränderungsinitiativen häufig oberflächlich und erschöpfen sich in Effizienzsteigerung, ohne tatsächliche Entwicklung zu ermöglichen.

    Diese Unterscheidung der Lernebenen lässt sich auch auf Führung übertragen. Führung erfüllt – ebenso wie Lernen und Normen – die Funktion, Orientierung zu geben und das Fortbestehen der Organisation zu sichern. In einer ersten Ausprägung geschieht Führung implizit durch bestehende Routinen, Prozesse und Erwartungen, die Handeln strukturieren, ohne dass bewusste Intervention notwendig ist. Eine weitere Form von Führung zeigt sich dort, wo etablierte Regeln aktiv interpretiert, durchgesetzt und abgesichert werden; Abweichungen werden sanktioniert, Stabilität steht im Vordergrund. Beide Formen bewegen sich innerhalb des bestehenden Systems und nutzen dessen Regeln als zentrales Führungsinstrument. Eine weiterführende, anspruchsvollere Form von Führung setzt hingegen genau an diesen Regeln selbst an. Sie irritiert, hinterfragt und verändert die organisationalen Spielregeln und eröffnet damit neue Möglichkeitsräume für Lernen und Entwicklung.

    Aus einer batesonschen Perspektive lässt sich Führung somit als gezieltes, reflektiertes Lernen verstehen, das nicht nur Richtung vorgibt, sondern auch die Fähigkeit besitzt, eigene Annahmen zu überprüfen und zu transformieren. Gelungene Führung zeigt sich weniger in der perfekten Steuerung bestehender Prozesse als in der Fähigkeit, Lernprozesse auf einer Meta-Ebene zu ermöglichen und damit nachhaltige organisationale Entwicklung zu fördern.

    Literatur

    Bateson, G. (1972). Steps to an ecology of mind: Collected essays in anthropology, psychiatry, evolution, and epistemology. Chicago, IL: University of Chicago Press.
    Bateson, G. (1979). Mind and nature: A necessary unity. New York, NY: Dutton.
    Stangl, W. (2011, 21. März). Lerntheorie von Gregory Bateson. [werner stangl]s arbeitsblätter.
    https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNEN/Bateson-Lerntheorie.shtml

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