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Was bedeutet das Bedürfnis nach Individuation?

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    Das Bedürfnis nach Individuation bezeichnet in der Psychologie das grundlegende Bestreben eines Menschen, sich zu einer eigenständigen, unverwechselbaren Persönlichkeit zu entwickeln und das eigene Potenzial in Abgrenzung zu kollektiven Normen oder Erwartungen zu entfalten.

    Dieser Begriff wurde durch den Schweizer Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung (1875–1961) geprägt, der die Individuation als einen lebenslangen Reifungsprozess verstand. Nach Jung strebt jeder Mensch danach, sein „wahres Ich“ zu finden, indem er bewusste und unbewusste Anteile seiner Psyche – wie etwa den „Schatten“ oder die „Persona“ – integriert. Das Ziel ist die Ganzwerdung des Selbst, also eine psychische Reife, in der man nicht mehr nur eine soziale Rolle spielt, sondern im Einklang mit seinem innersten Wesen handelt. In eine ähnliche Kerbe schlagen die Vertreter der Humanistischen Psychologie, allen voran der US-amerikanische Motivationsforscher Abraham Maslow (1908–1970). In seiner bekannten Bedürfnishierarchie (Bedürfnispyramide) verortete Maslow die Selbstverwirklichung an der Spitze der menschlichen Antriebe. Authentizität gilt hierbei als der Inbegriff eines erfüllten Lebens; das Individuum versucht, seine Talente und Fähigkeiten voll auszuschöpfen, was oft als höchstes psychologisches Gut dargestellt wird.

    Ein praktisches Beispiel für dieses Bedürfnis zeigt sich etwa in der Berufsbiografie: Ein junger Mensch entscheidet sich gegen den Wunsch der Eltern, die Familientradition als Jurist fortzuführen, und wählt stattdessen einen kreativen oder sozialen Weg, der seinen persönlichen Werten und Neigungen entspricht. Hier kollidiert der äußere Anspruch mit dem inneren Drang nach Individuation.

    Doch die Psychologie diskutiert auch eine kritischere Sichtweise auf diesen Drang zur Authentizität. In einer modernen Gesellschaft, die durch ständige Leistungsanforderungen und soziale Anpassung – etwa gegenüber Vorgesetzten oder gesellschaftlichen Institutionen – geprägt ist, könnte das Ideal der Individuation auch als eine Art psychologisches Druckventil fungieren. Da es oft enorm anstrengend ist, sich ständig zu verstellen und so zu tun, „als ob“, wirkt die bloße Vorstellung von Authentizität entlastend. Wenn Menschen sich einreden, sie könnten jederzeit ganz sie selbst sein, sinkt paradoxerweise der unmittelbare Handlungsdruck, dies auch tatsächlich umzusetzen. Der Gedanke an die eigene Individualität dient dann als Puffer gegen die Belastungen des Alltags. In dieser Lesart hilft das Lob der Authentizität dabei, im sozialen Gefüge weiterhin „täuschend echt“ zu funktionieren, während man sich innerlich durch das Ideal der Freiheit beruhigen. Individuation ist somit nicht nur ein Ziel der Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch ein Mechanismus zur Bewältigung der Spannung zwischen individuellem Freiheitsdrang und gesellschaftlicher Notwendigkeit.

    Literatur

    Jung, C. G. (1960). Die Dynamik des Unbewußten. Gesammelte Werke, Band 8. Rascher.
    Maslow, A. H. (1954). Motivation and Personality. Harper & Brothers.
    Maslow, A. H. (2022). Jenseits der Selbstverwirklichung: Die Psychologie des Seins (14. Aufl.). Fischer.
    Schulz von Thun, F. (2014). Miteinander reden: 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Rowohlt.
    Winnicott, D. W. (1974). Reifungsprozesse und förderliche Umwelt: Studien zur Theorie der emotionalen Entwicklung. Kindler.

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