Die körperliche Gewalt von Kindern und Jugendlichen gegenüber ihren eigenen Eltern (Physical youth-to-parent aggression, PYPA) gehört zu den am wenigsten erforschten Formen familiärer Aggression. Dennoch zeigen empirische Daten, dass es sich keineswegs um Einzelfälle handelt: Rund ein Drittel aller jungen Menschen gibt an, mindestens einmal im Laufe des Heranwachsens handgreiflich gegenüber den eigenen Eltern geworden zu sein – sei es durch Schläge, Tritte oder das gezielte Werfen von Gegenständen.
Eine langjährige Schweizer Längsschnittstudie des Zurich Project on Social Development from Childhood to Adulthood (z-proso), bei der über 1.500 Heranwachsende vom 11. bis zum 24. Lebensjahr in sechs Erhebungswellen begleitet wurden, zeichnet den Entwicklungsverlauf dieser Dynamik präzise nach. Die Häufigkeit körperlicher Übergriffe folgt einem charakteristischen Verlauf: Sie nimmt von den späten Kindheitsjahren ab dem 11. Lebensjahr bis zum Höhepunkt im frühen Jugendalter um das 13. Lebensjahr deutlich zu. In den darauffolgenden Jahren flacht die Kurve kontinuierlich ab. Während sich die Aggression bei den meisten Jugendlichen im Zuge des Reifungsprozesses verliert, zeigt sich bei den wenigen jungen Erwachsenen, die auch zwischen dem 20. und 24. Lebensjahr noch gewalttätig gegenüber ihren Eltern auftreten, eine Verfestigung des Verhaltensmuster.
Die Entstehung dieser Gewaltphänomene lässt sich maßgeblich durch ein Zusammenspiel aus individuellen Verhaltensbereitschaften und familiären Belastungsfaktoren erklären. Das generelle Aggressionsniveau eines Kindes bildet dabei die zentrale Grundlage. Zu den signifikanten Risikofaktoren auf individueller Ebene zählen ausgeprägte ADHS-Symptome sowie ein Mangel an Impulskontrolle und Selbstregulation. Auf familiärer Ebene erhöhen eine raue, von Strenge oder körperlicher Härte geprägte Erziehung (harsh parenting) sowie anhaltende elterliche Konflikte das Risiko für kindliche Übergriffe spürbar.
Umgekehrt lassen sich jedoch auch wirksame Schutzfaktoren identifizieren: Heranwachsende, die über eine ausgeprägte konstruktive Konfliktlösekompetenz verfügen und in ein elterliches Umfeld mit hoher Zuwendung und positiver Einbindung (parental involvement) eingebettet sind, zeigen selbst bei bestehenden Dispositionen eine deutlich geringere Neigung zur Gewalt. Wirksame Präventions- und Interventionsansätze müssen daher frühzeitig ansetzen. Sie erfordern sowohl die Stärkung emotionaler und sozialer Kompetenzen bei Kindern als auch die Förderung von Erziehungskompetenzen, um Gewalt- und Konfliktkreisläufe innerhalb der Familie nachhaltig zu durchbrechen.
Literatur
Bechtiger, L., Bürgin, D., Vasconcelos, G. F., Ribeaud, D., Eisner, M., & Shanahan, L. (2026). Physical aggression toward parents from ages 11 to 24: prevalence trajectory and risk and protective factors. European Child & Adolescent Psychiatry, 35(5), 1545–1553.
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