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Das Gefühl Neid ist nicht nur negativ zu bewerten

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    Es gehört zu den universellen Erfahrungen des menschlichen Daseins, und doch redet kaum jemand offen darüber: Alle Menschen kennen Neid, aber niemand gibt gern zu, missgünstig zu sein. Kaum eine andere Emotion ist gesellschaftlich so stark tabuisiert und mit Scham besetzt. Menschen geben ohne Zögern zu, traurig, wütend oder überfordert zu sein, aber das Eingeständnis, den Erfolg, das Wohlstandssymbol oder das scheinbar mühelose Glück einer anderen Person kaum zu ertragen, bleibt meist tief im Verborgenen. Die Psychologie spricht hierbei von einer sekundären Scham – Menschen schämen sich nicht nur für den Impuls selbst, sondern für das, was dieser Impuls scheinbar über den eigenen Wert aussagt. Neid wird fälschlicherweise als Offenbarung der eigenen Unzulänglichkeit interpretiert, als stilles Eingeständnis, im vergleichenden gesellschaftlichen Wettbewerb den Kürzeren gezogen zu haben. Dabei ist der emotionale Impuls an sich weder eine moralische Verfehlung noch ein Zeichen von Charakterschwäche, sondern eine tief im Menschen verankerte psycho-soziale Reaktionen.

    Aus evolutionärer und sozialpsychologischer Perspektive erfüllen soziale Vergleiche eine essenzielle Funktion für das Überleben und die eigene Standortbestimmung. Nach der von Leon Festinger begründeten Theorie der sozialen Vergleiche neigen Menschen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten und Meinungen durch den Vergleich mit anderen zu bewerten (Festinger, 1954). Der daraus resultierende Neid entsteht vor allem dann, wenn man sich mit Personen vergleichen, die in Alter, Lebenssituation oder Umfeld ähnlich sind, und deren Erfolge in Bereichen liegen, die für das eigenes Selbstwertgefühl eine hohe Relevanz besitzen. Niemand beneidet einen Quantenphysiker um einen Nobelpreis, wenn man selbst keine wissenschaftlichen Ambitionen hegt; der Neid trifft punktgenau dort, wo eigene unerfüllte Wünsche brachliegen. Die empirische Forschung unterscheidet dabei präzise zwischen zwei Facetten dieses Gefühls: dem destruktiven, missgünstigen Neid („malicious envy“) und dem konstruktiven Neid („benign envy“) (van de Ven et al., 2009). Während der missgünstige Neid darauf abzielt, das Gegenüber abzuwerten oder ihm den Erfolg zu missgönnen, um den eigenen Abstand zu verringern, richtet der konstruktive Neid den Fokus auf die eigene Entwicklung und motiviert dazu, selbst nach Höherem zu streben (Lange & Crusius, 2015).

    Wer lernt, diesen Unterschied zu erkennen, gewinnt eine völlig neue Perspektive auf die eigene Innenwelt. Anstatt Neid durch Schandgefühle zu unterdrücken – was ihn meist nur verbittert im Unterbewusstsein gären lässt –, lässt er sich als präziser innerer Kompass nutzen. Wenn das Gefühl auftaucht, verrät es blitzartig, was im Leben wirklich wichtig ist und wo man sich selbst im Weg steht oder Entwicklungspotenzial hat. Der Souveränitätsschritt besteht darin, das Gefühl zu entkoppeln: weg vom Gegenüber und hin zu sich selbst. Der Erfolg der anderen Person ist nicht die Ursache für das eigene Defizit, sondern lediglich die Projektionsfläche für ungenutzte eigene Potenziale. Wenn man aufhört, die eigene Energie in das Abwerten anderer zu investieren, und stattdessen fragt, welche konkreten Schritte der Beneidete gegangen ist und was davon für den eigenen Weg lehrreich sein kann, verwandelt sich die toxische Missgunst in ein kraftvolles Werkzeug zur Selbsterkenntnis und Motivation.

    Literatur

    Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human Relations, 7(2), 117–140.
    Lange, J., & Crusius, J. (2015). The dispositional benign and malicious envy scale. European Journal of Psychological Assessment, 31(1), 58–64.
    van de Ven, N., Zeelenberg, M., & Pieters, R. (2009). Leveling up or down: The experiences of benign and malicious envy. Journal of Personality and Social Psychology, 97(3), 419–429.

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