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Die evolutionäre Funktion von Selbstüberschätzung: Eine Neubewertung des Dunning-Kruger-Effekts

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    Der seit 1999 etablierte Dunning-Kruger-Effekt beschreibt bekanntlich die Neigung von Menschen mit geringen kognitiven Fähigkeiten oder fehlendem Fachwissen, die eigenen Leistungen systematisch zu überschätzen, während hochkompetente Menschen sich eher unterschätzen. Neuere rechnerische und methodische Überprüfungen großer Replikationsstudien durch Dawson & de Meza (2026) zeichnen jedoch ein grundlegend anderes Bild dieses sozialpsychologischen Phänomens. Durch die Anwendung verfeinerter statistischer Verfahren wird deutlich, dass das klassische Dunning-Kruger-Muster zu einem erheblichen Teil auf ein statistisches Artefakt zurückzuführen ist. In Testergebnissen, die als Grundlage für die Selbsteinschätzung dienen, spielen stochastische Einflüsse wie Zufall, Tagesform oder die konkrete Fragenauswahl eine wesentliche Rolle. Extreme Ausreißer nach unten sind daher häufig das Resultat von Pech, während überdurchschnittlich gute Ergebnisse durch Glück begünstigt werden.

    Wird dieser Messfehler nicht adäquat kontrolliert, greift der Effekt der Regression zur Mitte, wodurch mathematisch eine Verfälschung erzeugt wird, die wie eine psychologische Gesetzmäßigkeit wirkt. Werden diese Zufallsfaktoren und statistischen Verzerrungen korrigiert, zeigt sich, dass ausgeprägte Selbstüberschätzung kein Spezifikum inkompetenter Personen ist, sondern eine allgemeine menschliche Eigenschaft darstellt, die überraschenderweise bei Individuen mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten am stärksten hervortritt. Mangelnde Metakognition mag zwar im Einzelfall bei sehr geringer kognitiver Leistungsfähigkeit existieren, liefert aber keine hinreichende Erklärung für das breite empirische Bild.

    Aufbauend auf dieser methodischen Neuausrichtung wird eine signaling-theoretische und evolutionäre Erklärung für das Fortbestehen von Selbstüberschätzung entwickelt. Aus evolutionsbiologischer Sicht stellt die gefühlte und gezeigte Selbstüberschätzung ein Signal dar, um gegenüber Sozialpartnern und der Gruppe eine höhere tatsächliche Kompetenz vorzutäuschen oder zu vermitteln, was wiederum den sozialen Status und die damit verbundenen Einflussmöglichkeiten erhöht. Da übermäßiger Optimismus jedoch das Risiko von Fehlentscheidungen und materiellen wie physischen Verlusten steigert, steht er in einer symbiotischen Wechselwirkung mit der Verlustaversion. Diese beiden kognitiven Verzerrungen ergänzen sich funktional: Während die Selbstüberschätzung als externes Signal für Fähigkeiten dient und Handlungsbereitschaft signalisiert, wirkt die Verlustaversion im Hintergrund als verhaltensmäßiges Korrektiv, das zu große Risiken in der tatsächlichen Umsetzung dämpft. Besonders bei hochfähigen Personen führt dieses Zusammenspiel dazu, dass das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnbringend eingesetzt werden kann – etwa in Führungsrollen oder bei innovativen Unternehmungen –, ohne dass die damit verbundenen Fehlentscheidungskosten das Individuum schädigen. Selbstüberschätzung und Verlustaversion sind somit keine unabhängig voneinander zu eliminierenden Denkfehler, sondern ein zusammenhängendes, adaptives Verhaltensmuster, das individuelle und kollektive Vorteile stiftet.

    Literatur

    Dawson, C., & de Meza, D. (2026). Talking the talk, not walking the walk: The coevolution of overconfidence and loss aversion. Psychological Review, doi:10.1037/rev0000644

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