Zum Inhalt springen

Rhythmische Aufmerksamkeit: Wie neuronale Schwankungen unsere Anfälligkeit für Ablenkung bestimmen

    Anzeige

    Die menschliche Aufmerksamkeit ist kein kontinuierlicher Strom – sie folgt rhythmischen Schwankungen, die bestimmen, wann wir besonders empfänglich für Reize sind. Eine Studie von Zach Redding, Yuxiang Ding & Ian Fiebelkorn (2026) an der University of Rochester bestätigt diese Annahme der sogenannten Rhythmic Theory of Attention. Sie besagt, dass die visuelle Aufmerksamkeit des Menschen in einem ständigen Wechsel zwischen zwei Zuständen schwingt: In einem Zustand wird die Verarbeitung aktuell fokussierter Reize maximiert, im anderen öffnet sich das Gehirn für neue oder konkurrierende Informationen. Diese periodischen Phasen treten mit einer Frequenz von etwa sieben bis zehn Mal pro Sekunde auf – also im Theta-Bereich (ca. 4–8 Hz) – und beeinflussen wesentlich, wie leicht oder schwer wir uns ablenken lassen.

    In der Untersuchung maßen die Forschenden mithilfe der Elektroenzephalografie (EEG) und Eye-Tracking-Systemen die neuronale Aktivität von vierzig Versuchspersonen, die während einer visuellen Aufgabe wiederholt durch farbige Punkte abgelenkt wurden. Die Daten zeigten, dass die Anfälligkeit für Ablenkungen nicht zufällig, sondern phasisch organisiert war: Zu bestimmten Zeitpunkten der Theta-Welle stieg die Wahrscheinlichkeit, auf ablenkende Reize hereinzufallen, während zu anderen die Aufmerksamkeit stabil blieb. Ergänzend wurden Zusammenhänge im Alpha-Bereich (9–10 Hz) beobachtet, die vor allem bei der Verarbeitung visueller Störsignale über okzipitale Hirnregionen auftraten. Diese Frequenzen scheinen als ein Art „Tor“ zu fungieren, das steuert, welche Reize den Bewusstseinsfokus erreichen.

    Diese Ergebnisse lassen sich auch im Hinblick auf die Evolution und moderne Alltagsanforderungen deuten. Ein Gehirn, das regelmäßig die Aufmerksamkeit umlenkt, konnte in der frühen Menschheitsgeschichte überlebenswichtig sein – etwa, um während der Nahrungssuche potenzielle Gefahren rechtzeitig zu bemerken. In der heutigen, reizüberfluteten Umgebung kann derselbe Mechanismus jedoch zu einem Nachteil werden: rhythmisch auftretende „Fenster der Offenheit“ erhöhen die Empfindlichkeit gegenüber Pop-ups, Benachrichtigungen oder sonstigen Ablenkungen.

    Darüber hinaus liefern die Befunde eine mögliche neurophysiologische Erklärung für klinisch relevante Unterschiede in der Aufmerksamkeitsregulation, wie sie beispielsweise bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) auftreten. Wenn das rhythmische Umschalten zwischen fokussierten und offenen Zuständen bei Betroffenen seltener oder unregelmäßiger erfolgt, könnte dies sowohl übermäßige Ablenkbarkeit als auch Phasen des sogenannten Hyperfokus erklären. Fiebelkorn und Kolleginnen vermuten daher, dass rhythmische Aufmerksamkeitsschwankungen die Grundlage individueller Unterschiede in der kognitiven Flexibilität bilden.

    Insgesamt legen die Befunde nahe, dass die menschliche Aufmerksamkeitssteuerung stark von intakten neuronalen Rhythmen abhängt, die in enger Wechselwirkung zwischen Theta- und Alpha-Wellen ablaufen. Dieses Zusammenspiel entscheidet, wann unser Gehirn effizient filtert und wann es sich – im wörtlichen Sinn – ablenken lässt .

    Literatur

    Redding, Z. V., Ding, Y., & Fiebelkorn, I. C. (2026). Frequency-specific attentional mechanisms phasically modulate the influence of distractors on task performance. PLOS Biology, 24(2), doi.:10.1371/journal.pbio.3003664

    Impressum ::: Datenschutzerklärung ::: Nachricht ::: © Werner Stangl ::: Pädagogische Neuigkeiten für Psychologen :::

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert