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Warum manche Jugendliche nicht aufhören können zu lügen

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    Hinter dem Phänomen des pathologischen Lügens bei Jugendlichen vermutet man oft kalkulierte Manipulation oder ein besonders ausgefeiltes kreatives Talent. Doch neue Forschungsergebnisse rücken ein ganz anderes Bild in den Fokus: Oft ist das zwanghafte Lügen weniger ein Zeichen von krimineller Energie als vielmehr ein Symptom überforderter kognitiver Kontrollsysteme.

    Ein Team um die Professorin Victoria Talwar konnte zeigen, dass Jugendliche, die sich in einem Netz aus Unwahrheiten verfangen, häufig unter Defiziten der sogenannten exekutiven Funktionen leiden. Während wir theoretisch glauben könnten, dass man besonders „fit“ im Kopf sein muss, um komplexe Lügengebäude aufrechtzuerhalten, zeigt die Realität, dass oft das Gegenteil der Fall ist. Wer Schwierigkeiten hat, seine Impulse zu steuern oder Informationen im Arbeitsgedächtnis zu behalten, kann die langfristigen Konsequenzen einer Lüge schlichtweg nicht schnell genug abwägen.

    In der untersuchten Gruppe äußerten betroffene Jugendliche im Schnitt fast zehn Lügen pro Tag – ein Verhalten, das massiv durch eine gestörte Selbstregulation und Aufmerksamkeitsprobleme befeuert wird. Das Besondere daran ist, dass dieses Muster sich deutlich von klassischen Verhaltensstörungen oder antisozialen Persönlichkeitsmerkmalen unterscheidet. Es geht hier nicht zwangsläufig um Bösartigkeit, sondern um einen Mangel an mentalem Bremsvermögen.

    Für die therapeutische Praxis bedeutet das ein Umdenken: Anstatt nur moralisch zu argumentieren, könnten Ansätze wie die kognitive Verhaltenstherapie helfen, gezielt die exekutiven Funktionen zu trainieren, um den Jugendlichen den Weg zurück zur Ehrlichkeit zu ebnen.

    Literatur

    Curtis, D. A., Hart, C. L., & Talwar, V. (2022). Executive functioning and pathological lying in adolescence: Examining prevalence and etiology. Journal of Psychopathology and Behavioral Assessment, doi:10.1007/s10862-022-10010-3]

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