In der aktuellen psychologischen Praxis lässt sich ein deutlicher Trend beobachten, bei dem junge Erwachsene vermehrt mit bereits feststehenden Erwartungen und selbst gestellten Diagnosen professionelle Hilfe suchen. Eine aktuelle Mixed-Methods-Studie von Neumann et al. (2026), für die knapp hundert klinische Psychologinnen und Psychologen in Österreich befragt wurden, belegt diese Entwicklung systematisch. Über 70 Prozent der Fachkräfte berichten von einer signifikanten Zunahme von Selbst- und Wunschdiagnosen in den letzten Jahren, wobei insbesondere die Störungsbilder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und Autismus-Spektrum-Störungen im Fokus stehen.
Die Patientengruppe, die diese Phänomene zeigt, wird als überwiegend weiblich, überdurchschnittlich gebildet und stark in digitalen sozialen Netzwerken aktiv beschrieben. Die Motive hinter dem Wunsch nach einer spezifischen psychiatrischen Diagnose sind dabei vielschichtig: Während der Zugang zu medizinischen Leistungen eine eher untergeordnete Rolle spielt, stehen psychologische Faktoren wie die Entlastung von Schuldgefühlen im Vordergrund. Eine offizielle Diagnose lässt alltägliche Belastungen und Schwierigkeiten weniger als persönliches Versagen, sondern als Folge einer neurobiologischen Besonderheit erscheinen. Zudem dienen Diagnosen wie Neurodivergenz in modernen Online-Kulturen zunehmend der Identitätsbildung, der sozialen Anerkennung und dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.
Diese Entwicklung stellt die klinische Diagnostik vor erhebliche Herausforderungen, da die betroffenen Personen in Untersuchungen oft ein „diagnosegesteuertes Antwortverhalten“ zeigen und wenig Offenheit für alternative Erklärungen ihrer Symptomatik mitbringen. Weicht das professionelle Ergebnis von der Wunschdiagnose ab, reagieren Patienten häufig mit emotionalem Stress, Enttäuschung oder gar der Ablehnung der fachlichen Expertise, was in manchen Fällen zu sogenanntem „Diagnosis Shopping“ führt – der Suche nach einer anderen Fachkraft, welche die gewünschte Diagnose bestätigt. Dies verlängert nicht nur die Begutachtungsprozesse, sondern erschwert auch die therapeutische Beziehungsarbeit und die Vermittlung differenzierter Befunde. Angesichts dieser Dynamik betonet man die Notwendigkeit, den Umgang mit Selbstdiagnosen sowie den Einfluss von Social Media verstärkt in die Ausbildung von Psychologen zu integrieren, um in Rückmeldegesprächen sowohl Klarheit als auch Empathie gewährleisten zu können.
Literatur
Neumann, M., Steiner-Hofbauer, V., Aigner, M., Höflich, A., Holzinger, A., & Mittmann, G. (2026). Increasing self- and desired psychiatric diagnoses among emerging adults: Mixed-methods insights from clinical psychologists. International Journal of Clinical and Health Psychology, 26(1), doi:10.1016/j.ijchp.2025.100661
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