Das menschliche Gehirn besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, sich kontinuierlich an eine Umwelt anzupassen, die sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten verändert. Ob beim Sport, im Straßenverkehr oder in der Kommunikation – Menschen müssen ständig antizipieren, wann ein Ereignis eintreten wird, um schnelle und präzise Reaktionen vorzubereiten.
Eine aktuelle Studie von Grabenhorst et al. (2026) belegt, dass das Gehirn hierfür kontinuierlich einschätzt, wie wahrscheinlich ein Ereignis innerhalb der nächsten drei Sekunden ist. Diese zeitliche Antizipation folgt einem fundamentalen Prinzip: Das Gehirn nutzt dieselbe grundlegende Wahrscheinlichkeitsberechnung (Probability Density Function), unabhängig davon, ob ein Ereignis in wenigen hundert Millisekunden oder erst nach mehreren Sekunden erwartet wird. Diese sogenannte Skaleninvarianz bedeutet, dass die Vorhersagemechanismen über verschiedene Zeitspannen hinweg konsistent bleiben.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist zudem, dass die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses die Präzision des Zeitgefühls direkt beeinflusst. Wenn ein Ereignis zu einem bestimmten Zeitpunkt als besonders wahrscheinlich gilt, verfolgt das Gehirn die Zeit wesentlich präziser. Das stellt das klassische Webersche Gesetz infrage, das bisher davon ausging, dass die Genauigkeit der Zeitwahrnehmung unabhängig von der Eintrittswahrscheinlichkeit sei. Da diese Prozesse sowohl bei visuellen als auch bei akustischen Reizen nachgewiesen werden konnten, scheint es sich um einen modalitätsunabhängigen Kernprozess der menschlichen Wahrnehmung zu handeln.
Diese Erkenntnisse tragen nicht nur zum Verständnis von Aufmerksamkeit und Entscheidungsfindung bei, sondern bieten auch neue Erklärungsansätze für Störungen des Timings und der Vorhersagekraft im menschlichen Verhalten.
Literatur
Grabenhorst, M., Poeppel, D., & Michalareas, G. (2026). The anticipation of imminent events is time-scale invariant. Proceedings of the National Academy of Sciences, 123(2), doi:10.1073/pnas.2518982123
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