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Bedeutung, Grenzen und neue Perspektiven auf Kausalität in der Psychologie

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    Die Corona-Pandemie hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft zeitweise in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Diskurses gerückt, wobei zahlreiche psychologische Studien zunächst zeigten, dass Menschen mit höherem Wissenschaftsvertrauen auch eher bereit waren, Schutzmaßnahmen wie Maskentragen, Händedesinfektion oder soziale Distanz einzuhalten. Dieses Vertrauen wurde von Politik und Medien rasch als entscheidender Hebel im Pandemieschutz interpretiert, doch neue Forschungsergebnisse differenzieren dieses Bild und stellen die Kausalität dieser Beziehung in Frage.

    Eine aktuelle Studienreihe von Wingen, Posten & Dohle (2025) untersuchte systematisch, ob Vertrauen in die Wissenschaft tatsächlich ursächlich für die Bereitschaft zu gesundheitsrelevantem Verhalten ist. Dazu wurde das Vertrauen von über 5.000 Teilnehmenden experimentell manipuliert, und zwar durch die gezielte Darstellung erfolgreicher wissenschaftlicher Ergebnisse und gescheiterter Forschungsprojekte. Anschließend wurden Indikatoren wie Impfbereitschaft und Befolgung von Hygieneregeln erfasst, wobei sich herausstellte, dass trotz erfolgreicher Manipulationen des Wissenschaftsvertrauens sich kein kausaler Effekt auf das Schutzverhalten zeigte. Dieses Ergebnis widerspricht der verbreiteten Annahme, dass aus der Korrelation zwischen Vertrauen in die Wissenschaft und Schutzverhalten automatisch auch eine Kausalität folgt. Hier handelt es sich also um die klassische Unterscheidung wissenschaftlicher Methodik zwischen Korrelation und Kausalität, denn nur weil zwei Variablen miteinander zusammenhängen, bedeutet dies nicht, dass eine die andere verursacht. Die Forschenden replizierten zwar den bekannten Zusammenhang zwischen Vertrauen und gesundheitsbezogenen Verhaltensintentionen, doch die experimentelle Überprüfung zeigte, dass kurzfristige Veränderungen des Vertrauens keine messbaren Auswirkungen auf das Verhalten hatten, wobei auch statistische Verfahren wie Äquivalenztests, interne Metaanalysen und ein Machine-Learning-Modells die Abwesenheit signifikanter Effekte bestätigten.

    Die Ergebnisse liegen also nahe, dass Vertrauen in die Wissenschaft zwar eine stabile Begleitvariable im gesellschaftlichen Kontext von Krisen ist, kurzfristige Kommunikationsstrategien zur Steigerung dieses Vertrauens jedoch kaum unmittelbare Wirkung auf das Verhalten entfalten. Auch deuten sie darauf hin, dass wissenschaftliches Vertrauen möglicherweise ein tiefgreifenderes, langfristig erlerntes Konstrukt ist, das über Jahre hinweg durch Bildung, soziale Prägung und Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Akteure geformt wird. Damit verschiebt sich der Fokus politischer und gesellschaftlicher Kommunikation, denn nicht die kurzfristige Inszenierung von Wissenschaft, sondern die kontinuierliche Förderung wissenschaftlicher Bildung und Transparenz scheinen entscheidend zu sein. Insgesamt wird auch verdeutlicht, dass das Vertrauen in die Wissenschaft nach wie vor eine zentrale Rolle für gesellschaftliche Stabilität und Rationalität spielt, seine Wirkung aber komplexer ist als bisher angenommen. Statt in unmittelbarer Kausalität äußert sich Wissenschaftsvertrauen womöglich in langfristigen Prozessen sozialer und kognitiver Entwicklung, woraus sich ein neues Forschungsfeld öffnet, das die Psychologie vor die doppelte Aufgabe stellt, einerseits zu verstehen, wie Vertrauen entsteht und andererseits zu erkennen, wann es tatsächlich wirkt.

    Literatur

    Wingen, T., Posten, A.-C., & Dohle, S. (2025). No evidence for causal effects of trust in science on intentions for health-related behavior. Communications Psychology, doi:10.1038/s44271-025-00375-7

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