Verborgene Traumatisierungen und transgenerationelle Traumaweitergabe bei Nachkommen von Migranten


Allgemeines zu Traumatisierungen: Menschen besitzen verschiedene psychische Mechanismen, um unerträgliche Erfahrungen auszublenden. Wenn ein Trauma besonders belastend ist, kann die Erinnerung verschwinden, doch die ist nicht vollständig gelöscht sondern anders etwa im Mandelkern abgespeichert, d. h., sie rückt zunächst in den Hintergrund. Bestimmte Trigger im Gehirn können jedoch die Bilder, Geräusche und Gerüche wieder zum Vorschein bringen, als würde es gerade noch einmal passieren (Flashbacks), was zum Phänomen der Retraumatisierung führen kann. Hier heilt die Zeit nicht wirklich die Wunden, sondern es kommt zu oberflächlichen Überdeckungen, die den Betroffenen helfen, zu überleben und zu funktionieren. Mit einer solchen posttraumatischen Belastungsstörung kann man durchaus ein erfolgreiches Leben führen, dieses läuft aber angespannter, ängstlicher, freudloser und überhaupt unemotionaler ab als vor dem Trauma, d. h., das gesamte Nervensystem ist häufig übererregt und in Alarmzustand.

Häufig unerkannt und fehlbehandelt: Nach Traumatisierungen der Vorfahren können ihre Enkel erkranken

Bei Nachfahren aus Migrantenfamilien können behandlungsbedürftige Symptome auftreten, die aus Traumatisierungen von Vorfahren resultieren. Dr. Bertram von der Stein, Psychotherapeut in Köln, berichtet in “Psychoanalyse” über die Problematik und erläutert sie anhand aktueller Einzeldarstellungen.
Beispiel: “Ein 40jähriger Mann spricht ausgeprägt rheinischen Dialekt. Als er der Karnevalsprinz seines Wohnortes werden soll, entwickelt er eine schwere Depression mit somatoformen Schmerzen sowie passageren Derealisationserscheinungen, die ihn zwingen, auf seine Prinzenrolle zu verzichten. Seine bekannte Umgebung kommt ihm seltsam verändert, fremd und unwirklich vor.
Eltern und Großeltern waren als Flüchtlinge überangepasst und verleugneten ihre Herkunft. Die Großmutter idealisierte die verlorene Heimat, in der sie als Adelige gesellschaftlich eine größere Rolle gespielt habe. Die Doppelbotschaft, sich anzupassen, aber die Idealisierung des Vergangenen nicht infrage zu stellen, führte zu einem Identitätskonflikt des Patienten. Auf dem Höhepunkt seiner Erkrankung bezeichnete der Patient sich überkritisch als ´verlogenen Opportunisten´, der sich im Karneval ´dem gemeinen Volk´ anbiedern wolle.”

Eine längere stationäre Behandlung in einer psychosomatischen Klinik und eine Gruppenpsychoanalyse ermöglichten die Überwindung des Konflikts. Das schmerzliche Durcharbeiten der narzisstischen Abwehrformation ließ die quälenden Symptome zurückgehen. Dem Patienten gelang es, “Altes mit Neuem zu verbinden, dennoch blieb ein Gefühl der Fremdheit vor allem in Gruppen bestehen.”
Bei deutschen und ausländischen Patienten mit einem Migrationshintergrund der Vorfahren sieht Stein eine häufig unerkannte psychohistorische Problematik, deren Behandlung vor besondere Herausforderungen stellt  – insbesondere dann, wenn der Therapeut selbst aus einer Flüchtlingsfamilie stammt.

Bertram von der Stein:
Verborgene Traumatisierungen und transgenerationelle Traumaweitergabe bei Nachkommen von Migranten in: Psychoanalyse 10/2-06, S. 137-150

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