Mensch und Raum


Erst baut der Mensch ein Haus,
dann formt das Haus den Menschen.
Josef Frank

Der Architekt Josef Frank erkannte schon  zu Beginn des 20. Jahrhunderts die intensive Wechselwirkung von Mensch und Raum. In den Genuss von Architektur, von Baukunst im weitesten Sinn, kommt jeder Mensch, ob er will oder nicht, denn jeder Mensch bewegt sich ununterbrochen in Räumen, und zwar in von Menschen gestalteten Räumen, sei es auf Straßen und Plätzen oder in Innenräumen. Räume wirken daher bewusst oder unbewusst permanent  auf das Lebensgefühl der Menschen ein, die sich in ihnen aufhalten oder bewegen, d. h., Menschen können der Architektur gar nicht entrinnen, weder am Arbeitsplatz noch im Privaten.
Funktionierende Räume beruhen in vielen Fällen auf Bewegung, was auf Wohngebäude, Bürogebäude, Krankenhäuser, Schulen, Museen und Geschäfte ebenso zutrifft wie für Straßen, Plätze oder Parks. Die Räume, die für notwendige Wege zur Verfügung stehen sind dabei ein entscheidender Faktor in Raumangeboten, denn sind diese Wege nicht attraktiv, werden sie nicht gern und daher nicht so oft wie erforderlich, benützt – Stichwort Fußgängerunterführungen. In Außenräumen kann dies aber unter Umständen entscheidend dafür sein, ob etwa ein kommunaler Raum belebt und beliebt ist, ob die sozialen Augen aktiv sind und der Mensch sich in diesem Raum auch sicher fühlt.
Besonders aber Innenräume beeinflussen das Leben von Menschen, insbesondere die Interaktion von Menschen und damit direkt den Wohlfühlfaktor in einem Gebäude.  In Untersuchungen hat man etwa herausgefunden, dass es ein archaisches Grundbedürfnis des Menschen ist, weiter als bis zur nächsten Ecke, nämlich bis zur übernächsten, sehen zu können, denn nur dann kann er an der nächsten Ecke, anstatt weiter geradeaus seinen Weg zu verfolgen, nach links oder rechts ausweichen, d. h., notfalls auch flüchten.

Siehe dazu auch Distanzzonen und Territorialität – Der Umgang mit Raum und Öffentlicher Raum.

Landkarten im Kopf werden wie ein Puzzle zusammengesetzt

In einer Studie untersuchten Strickrodt, Bülthoff & Meilinger (2018) verschiedene Ebenen der Integration von Lernobjektpositionen im navigierbaren Raum innerhalb des Gedächtnisses (lokal, regional, global). Die ProbandInnen lernten eine virtuelle Umgebung bestehend aus acht aneinandergereihten Korridoren, wobei eine Hälfte dieser Korridore zur blauen Region gehörte, die Tiere als Landmarken enthielten, und die andere Hälfte zur roten Region, die Werkzeuge als Landmarken enthielten. Die Umgebung wurde dabei über eine Virtual Reality Brille präsentiert, während sie sich in einer großen Laufhalle frei bewegen konnten. Nach intensivem Lernen wurden die ProbandInnen an verschiedene Orte innerhalb der Umgebung teleportiert, von wo aus sie aus dem Gedächtnis zu den zuvor gelernten Landmarken in gerader Linie zeigen mussten.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die ProbandInnen nicht einfach Informationen aus einer einzigen kognitiven Karte ausgelesen haben, d. h., sondern die Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass das Gedächtnis vom navigierbaren Raum verschiedene Ebenen hat, d. h., die ProbandInnen hatten mit der Zeit scheinbar lokale, regionale und globale kognitive Karten aufgebaut. Offenbar nutzen sie neben kognitiven Minikarten, die nur auf einen einzigen Korridor beschränkt waren, auch Karten, die eine Region mehrerer Korridore umfassten, und schließlich eine kognitive Karte, die die gesamte Umgebung abdeckt. Diese Auswahl an räumlichen Gedächtnisinhalten wird daher nicht ständig vollumfänglich genutzt, sondern die Probanden scheinen je nach aktuellem Standort und gewünschtem Ziel nur den relevante Gedächtnisinhalt ausgewählt zu haben. Man vermutet auf Grund dieser Ergebnisse, dass das menschliche Gedächtnis für den navigierbaren Raum hierarchisch geordnete Landkarten anlegt. Der Prozess der Richtungsschätzung war in allen Fällen an die Lernreihenfolge gebunden, also die virtuellen Lauferfahrung von Korridor zu Korridor. Vermutlich entwickeln Menschen für den Raum daher keine kartenartigen, mentalen Bilder der gesamten Umgebung aus der Vogelperspektive, sondern diese setzen sich als einzelne Erinnerungseinheiten in Form verschiedener Karten wie Teile eines Puzzles zusammen.

Raumwahrnehmung bei Blinden

Die von Fledermäusen bekannte Echoortung macht sich der Mensch inzwischen für zahlreiche technische Anwendungen zunutze, vom Radargerät bis hin zum Hightech-Blindenstock mit Ultraschallsensoren (Klicksonar). Blinde Menschen, die sich via Echoortung in ihrer Umgebung orientieren, verarbeiten Geräusche ähnlich wie Sehende Licht, wobei eigentlich auf visuelle Reize spezialisierte Hirnbereiche die Echos räumlich zuordnen, indem sie eine Art neuronale Karte des reflektierten Schalls erstellen, sodass echoortende Blinde ziemlich genau bestimmen können, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt. Norman & Thaler (2019) haben in einer Studie den primären visuellen Cortex untersucht, der bei sehenden Menschen in die Retina einfallende Lichtreize verarbeitet. Die Neuronen in diesem Bereich stellen dabei eine Art räumliche Karte unserer Umgebung dar, wobei einfallendes Licht von Punkten, die im Raum nebeneinander liegen, auch nebeneinanderliegende Punkte im Gehirn aktivieren. In dem Experiment spielte man Probanden (Sehende, echoortende und nicht im Klicksonar geschulte Blinde) Klicklaute vor, die von einem Gegenstand an jeweils unterschiedlichen Positionen im Raum reflektiert wurden. Die Teilnehmergruppe setzte sich dabei aus sehenden Menschen sowie echoortenden und nicht im Klicksonar geschulten Blinden zusammen. Dabei lösten die Echos bei echoortenden Blinden im Gehirn dieselben Aktivierungsmuster aus, wie sie bei sehenden Menschen durch visuelle Reize ausgelöst werden, sodass ihr visueller Cortex Geräusche ähnlich räumlich zu kartieren scheint wie er es Sehende mit Licht tun. Bei den sehenden und auch bei den nicht zum Klicksonar sich orientierenden blinden Probanden zeigte sich dieser Zusammenhang hingegen nicht, sodass Blindsein allein keineswegs ausreicht, damit sich der visuelle Cortex auf die Verarbeitung anderer Reize spezialisiert. Je stärker die Aktivierungsmuster im Gehirn der echoortenden Blinden der von Sehenden bekannten „neuronalen Karte“ glichen, desto besser konnten sie die Position des Gegenstands im Raum erkennen. Offenbar kann der visuelle Cortex räumliche Informationen nach ausreichendem Training auch dann nutzen, wenn sie nicht durch die Augen kommen.

Literatur

Norman, Liam J. & Thaler, Lore (2019). Retinotopic-like maps of spatial sound in primary ‘visual’ cortex of blind human echolocators. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 286, doi: 10.1098/rspb.2019.1910.
Strickrodt, M., Bülthoff, H. H., & Meilinger, T. (2018). Memory for navigable space is flexible and not restricted to exclusive local or global memory units. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, doi:10.1037/xlm0000624.
https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/wie-echoortung-das-gehirn-veraendert/ (19-10-05)







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