Über das Vergessen und das Erinnern

Ebbinghaus Herrmann1885 publizierte Hermann Ebbinghaus als ein Pionier der Gedächtnisforschung die Vergessenskurve, die seither in ihrem Verlauf immer wieder bestätigt wurde. Sie besagt z.B., dass vier Tage nach einem Erlebnis wir uns nur noch an rund ein Viertel dessen erinnern, was sich tatsächlich zugetragen hat. Je weiter ein Geschehen zurückliegt, desto lückenhafter und auch verschwommener sind die Erinnerungen, denn an Situationen, die vor einigen Tagen stattfanden, erinnert man sich teilweise nur noch zu 75 Prozent präzise. An weiter zurückliegende Ereignisse wie etwa an Eindrücke aus seiner Kindheit oder Geburt erinnert man sich überhaupt nicht mehr. Dafür ist zum Teil die damals noch nicht abgeschlossene Entwicklung des Gehirns verantwortlich, aber auch die meist völlig andere Umgebung, da man zu dem damals Erlebten den Kontext nicht mehr herstellen kann, der ein wichtiges Brückenglied für Erinnerungen darstellt. Ein solcher Umgebungswechsel vollzieht sich in gewisser Weise auch, wenn Menschen größer werden, denn als Kind nehmen wir die Umgebung aus einer tiefergelegenen Perspektive wahr. So erscheinen Menschen, Möbel und Häuser meist riesig und erst wenn der Mensch größer wird, schrumpft die Umgebung auf das vertraute Maß.

Vergessenskurve Ebbinghaus

Auch wenn Menschen etwas lernen, tun sie das immer in einer bestimmten Umgebung, einem Kontext. Ändert sich diese Kontextumgebung, fällt es viel schwerer, das Gelernte zu erinnern. Ein Student an seinem Schreibtisch kann in der Regel  mehr von dem Prüfungsstoff wiedergeben als im Büro des Prüfers an der Universität – von der Aufregung einmal abgesehen. Siehe dazu den Lerntipp Wie heißt die Hauptstadt von …

Allerdings vergisst man bedeutende Ereignisse nicht so schnell, etwa den ersten Kuss, eine schwere Operation  oder ein Autounfall. Noch Jahrzehnte später haben Betroffene solche Ereignisse klar und deutlich vor ihrem inneren Auge. Allgemein zu sagen, wie weit die menschliche Erinnerung zurückreicht, ist nicht möglich, wobei man aus der Forschung weiß, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass sich Erwachsene an Erlebnisse vor seinem dritten Lebensjahr erinnert und auch Erinnerungen an Geschehnisse vor dem sechsten Lebensjahr sind meist äußerst unpräzise. Der Gedächtnisforschung ist es weitgehend unbekannt, warum Eindrücke aus frühester Kindheit gar nicht oder nur fragmentarisch im Gedächtnis blieben.

Dass man seiner Erinnerung nicht immer trauen sollte, liegt daran, dass der Mensch dazu neigt, auch nicht selbst Erlebtes in seine Erinnerung zu verweben, da die Lücken in der Erinnerung mit plausiblen Ergänzungen, die aus anderen Erlebnissen stammen, „aufgefüllt“ werden.

Wissenschaftler der Universität Bern haben jüngst in den Neuronen des Gehirns einen Mechanismus nachgewiesen, der möglicherweise für das Vergessen mitverantwortlich ist, wobei ein vom Gehirn selbst produzierter Stoff eine wichtige Rolle spielt. Bestimmte Sternzellen greifen nämlich durch einen körpereigenen Stoff, der Cannabis ähnlich ist, in die Chemie des Gehirns ein, wobei die Verbindung zwischen den Nervenzellen schwächer wird.

Warum Vergessen wichtig ist

Der Neurologe Emrah Düzel vom Deutschen Zentrum für Neurogenerative Erkrankungen (DZNE) erklärt in einem Interview mit n-tv, warum es Sinn macht sich nicht perfekt und bis ins Kleinste an alles erinnern können, was man erlebt, denn das ergibt aus evolutionärer Sicht durchaus Sinn. „Ja, stellen wir uns einmal vor: Jede Berührung, jedes Geräusch, jedes Bild – alles, was wir in einem Moment empfinden, wird verlustlos abgespeichert. Das hieße, es würde keinen Unterschied ergeben, ob wir etwas tatsächlich erneut erleben oder uns nur an ein einmaliges Erlebnis erinnern. Die Erinnerung würde reichen; sie wäre absolut real. Eine evolutionäre Katastrophe. Man würde sich permanent in der Erinnerung bewegen. Es gäbe überhaupt keine Motivation mehr, eine Situation nochmal zu erleben – schließlich bringt es keine zusätzliche Qualität. Für soziales Verhalten, Nahrungsaufnahme oder Fortpflanzung wäre das evolutionär fatal. Es ist gut, dass unsere Erinnerungen gut genug sind, um uns attraktive Erlebnisse schmackhaft zu machen – aber eben nicht zu gut. So sind wir genügend motiviert, Dinge nochmal erleben zu wollen. Es ist gut, dass man sich erinnert, dass etwas schmerzhaft und unangenehm war, aber eben nicht erinnert, wie schlimm es genau war. Sich zu 100 Prozent an eine Schmerzsituation zu erinnern, die Schmerzen also immer wieder in gleicher Intensität zu durchleben – das möchte niemand. Auch wenn uns das oft anders vorkommt: Vergessen hat viele Vorteile.“

Quelle: Das Vergessen (09-04-04)


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