Wolf Singer: Das Gehirn ist ein selbstorganisiertes System

Der Hirnforscher Wolf Singer betont in einem Interview mit Tanja Traxler vom Standard, dass es auf neuronaler Ebene keine Indizien für freie Willensentscheidungen gibt, denn vielmehr scheint das Gehirn ein selbstorganisiertes System zu sein, von dem Entscheidungen nach einem vorgegebenen, wenn auch hochkomplexen, Regelwerk getroffen werden. Die Einsicht, dass es keinen freien Willen gibt, hat freilich nicht nur Auswirkungen auf unser Selbstbild, sondern ist auch von gesellschaftlicher Relevanz. Man begreift immer mehr, dass das Gehirn ein sich selbst organisierendes komplexes System ist, wobei eine hochgradig nichtlineare Dynamik alle mentalen Prozesse vorbereitet, einschließlich der Inhalte, die gar nicht ins Bewusstsein kommen. Man kann nicht davon ausgehen, dass es irgendwo im Gehirn eine federführende Instanz gibt, die die Zukunft plant oder Entscheidungen fällt, vielmehr organisieren sich diese Prozesse im Gehirn selbst. Menschen werden ständig Konflikten ausgesetzt und müssen versuchen, unter Anwendung der Vernunft eine Lösung zu finden, wobei man sich durchaus auf unbewusste Vorhersagen verlassen kann, denn diese sind besonders geeignet, Menschen aus Konfliktsituationen herauszumanövrieren, wenn viele Variablen gleichzeitig miteinander verrechnet werden müssen und viel Unsicherheit herrscht. Besonders wenn es schnell gehen muss, dann sind diese Entscheidungsprozesse wirksamer, wobei diese beiden Entscheidungsmöglichkeiten koexistieren und nicht immer zum gleichen Schluss kommen müssen.

Das Gehirn verhält sich sehr regelhaft, denn sonst würden Menschen nicht überleben können, aber im Augenblick einer bestimmten Entscheidung gibt es eine bestimmte Lösung für einen Konflikt, was aber nicht bedeutet, dass man voraussagen kann, wie sich das gleiche Gehirn eine Woche später unter ganz ähnlichen Voraussetzungen entscheiden würde, denn das Gehirn ist ein nichtlineares System, sodass zukünftige Entscheidungen prinzipiell nicht festlegbar sind.

Mit Sicherheit übersteigt das Gehirn das menschliche Vorstellungsvermögen, weil man sich komplexe nichtlineare Systeme nicht gut vorstellen kann, denn man wird mit fortschreitender Forschung zu Beschreibungen kommen, die immer zutreffender sind, aber die zunehmend unanschaulicher werden, ähnlich wie in der Physik. Die große Schwierigkeit wird bleiben, die Phasenübergänge von materiellen Wechselwirkungen und psychischen Phänomenen zu verstehen. Dieses Phänomen setzt sich noch auf einer weiteren Ebene fort, denn das Gehirn ist ein Netzwerk von gekoppelten Neuronen, das psychische Phänomene erzeugt und Entscheidungen trifft, wobei die Gesellschaft ein Netzwerk von gekoppelten Menschen mit Gehirnen ist; und um das zu verstehen, reicht die Neurobiologie nicht aus, da braucht es Soziologie, Sozialpsychologie und Anthropologie.

Quelle: Der Standard vom 19. September 2016




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