Die Illusion der modernen Gehirnforschung
26. Mai 2009 – 13:50
In einer Ankündigung eines Vortrages zur “modernen Hirnforschung” heißt es unter anderen: “Die moderne Hirnforschung konnte in den vergangenen Jahren bedeutende Erkenntnisse zur Funktionsweise des menschlichen Gehirns gewinnen. Nie zuvor verstanden Hirnforscher so gut, welche Hirnareale und neuronalen Informationsverarbeitungsprozesse an der Generierung und Kontrolle von menschlichem Erleben und Verhalten beteiligt sind”.
Insbesondere soll in dem Vortrag die “erstaunliche Plastizität des Gehirns und die besondere Bedeutung von Spezialisierungen der beiden Hirnhälften dargestellt” werden, denn “am Ende sollen die Zuhörerinnen und Zuhörer begreifen, dass es sich bei dem menschlichen Gehirn um einen Weltsichtapparat handelt, dessen wesentliches Ziel es ist, uns die Illusion einer realen Welt zu vermitteln – eine Konstruktion der Wirklichkeit, die real genug ist, um das eigene und das Überleben der Art zu sichern”.
Diese hier postulierten Erkenntnisse sind allerdings so neu nicht, wenn man sich mit der Geschichte der Psychologie beschäftigt, denn schon vor beinahe hundert Jahren in der Gestaltpsychologie, der Ganzheitspsychologie und der Feldpsychologie findet man diese Auffassungen, die dann in der radikal konstruktivistischen Psychologie eines Stangl (1989) zusammengefasst und ausformuliert wurden.
Damit werden Befürchtungen geschürt, die sich dann in Diskussionen darüber äußern, ob man hierbei nicht menschliche Grundrechte verletzt. Manche befürchten auf Grund der Ergebnisse der neueren Hirnforschung, dass das Neuro-Enhancement, also die Leistungssteigerung des Gehirns und das Brain reading, die bildlichen Darstellung von Hirnaktivität und daraus Gedanken, Emotionen und Handlungsabsichten herauszulesen, neue Möglichkeiten liefert, das menschliche Gehirn zu manipulieren oder zu beeinflussen. Inzwischen sei es ja sogar möglich, Willensentscheidungen einige Sekunden tendenziell vorauszusagen. Problematisch sei auch das Gehirn-Marketing, bei dem getestet wird, welche Produkte das Gehirn stark ansprechen und Kaufabsichten auslösen.
Literatur
Stangl, Werner (1989). Die Psychologie im Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Braunschweig: Friedr. Vieweg & Sohn.