Besitzen Frauen tatsächlich eine höhere emotionale Intelligenz als Männer? Die Frage wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert, doch pauschale Urteile greifen schlichtweg zu kurz. Um dieses Stereotyp wissenschaftlich auf den Prüfstand zu stellen, heben Hampel et al. /2026) eine der bislang umfassendsten Untersuchungen zum Thema vorgelegt, wobei sie in ihrer Meta-Analyse 1.279 wissenschaftliche Arbeiten auswerteten, die 1.428 Stichproben mit insgesamt 609.278 Menschen aus 76 Ländern und knapp in drei Jahrzehnte der Forschungsgeschichte umfassten.
Über alle untersuchten Ansätze hinweg erreichten Frauen und Mädchen im Mittel zwar höhere Werte bei allgemeiner emotionaler Intelligenz, wobei ihr Vorteil besonders beim Erkennen und Verstehen von Emotionen deutlich wurde. Doch ein solcher einzelner Gesamtwert verdeckt entscheidende Nuancen und verallgemeinert zu stark, wie die detaillierte Auswertung zeigt. Größe und Richtung der Geschlechterunterschiede hängen maßgeblich davon ab, welche konkrete emotionale Fähigkeit untersucht wird, auf wen sie sich richtet und welche Messmethoden zum Einsatz kommen.
So zeigt sich beispielsweise beim Umgang mit den eigenen Gefühlen ein differenziertes Bild: Während Frauen Vorteile beim Erkennen, Verstehen und beim Regulieren fremder Emotionen aufweisen, kehrt sich das Muster bei der Regulation der eigenen Emotionen leicht um, wobei Männer und Jungen hier teils leicht höhere Werte erzielen. Zudem spielt die Methodik eine entscheidende Rolle: Auf leistungsorientierten Tests, bei denen tatsächliches Können gemessen wird, fällt der Vorsprung von Frauen deutlich größer aus als bei reinen Selbsteinschätzungen, bei denen die subjektive Wahrnehmung im Vordergrund steht. Auch zeitliche und gesellschaftliche Veränderungen lassen sich in den Daten ablesen, da der Abstand in jüngeren Studien und insbesondere bei Kindern geringer ausfällt, was auf den Einfluss veränderter sozialer Erwartungen und Rollenbilder hindeutet. Die Forschenden betonen daher, dass emotionale Intelligenz nicht als starre, geschlechtsspezifische Eigenschaft missverstanden werden darf, sondern als ein Set erlernbarer Fähigkeiten, die unabhängig vom Geschlecht gefördert werden können.
Literatur
Hampel, V., Hausfeld, M., Bach, L., & Menges, J. (2026). Putting assumptions to the test: A meta-analytic review of gender differences in emotional intelligence and specific emotion abilities. Emotion, doi:10.1037/emo0001733
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