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Die sprachliche Konstruktion des Affekts: Wie Konzepte die Emotionen formen

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    Die Annahme, dass Emotionen universelle, biologisch festverdrahtete Reaktionsmuster sind, die unabhängig von Sprache und Kultur existieren, wird durch moderne neurowissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend infrage gestellt. Ein zentraler theoretischer Rahmen hierfür ist die Theorie des konstruierten Emotionserlebens, die postuliert, dass das Gehirn Emotionen aktiv konstruiert, indem es sensorische Daten aus dem Körper (Interozeption) mit gelerntem konzeptionellem Wissen abgleicht. In diesem Prozess fungiert Sprache nicht bloß als Werkzeug zur Beschreibung bereits existierender Gefühle, sondern als konstitutives Element des emotionalen Erlebens selbst. Die Begriffe, die man für die Empfindungen verwendet, beeinflussen demnach direkt, wie man diese wahrnimmt und kategorisiert. Wenn ein Individuum über ein differenziertes Vokabular für emotionale Zustände verfügt – eine Fähigkeit, die als emotionale Granularität bezeichnet wird –, ist das Gehirn in der Lage, präzisere Vorhersagen über die Ursachen körperlicher Erregung zu treffen und entsprechende Handlungsstrategien effizienter zu planen (Barrett, 2017). Ohne das entsprechende Konzept bleibt ein affektiver Zustand oft diffus, sondern erst durch die Einordnung in eine sprachliche Kategorie wird aus einem rohen körperlichen Signal eine spezifische Emotion wie „Schuld“, „Ehrfurcht“ oder „Melancholie“.

    Diese Verflechtung von Sprache und Erleben führt jedoch zu einer erkenntnistheoretischen Problematik, wenn man den Begriff der „Emotion“ selbst betrachtet. Historische und linguistische Analysen verdeutlichen, dass „Emotion“ keineswegs eine zeitlose, naturwissenschaftliche Konstante ist, sondern ein historisch kontingentes Konstrukt. Vor dem 19. Jahrhundert wurden psychische Zustände in der westlichen Welt vornehmlich als „Passionen“, „Affekte“ oder „Seelenregungen“ klassifiziert, wobei diese Begriffe jeweils völlig unterschiedliche moralische und physiologische Implikationen trugen.

    Der Begriff „Emotion“ in seiner heutigen psychologischen Verwendung etablierte sich erst um das Jahr 1830, primär durch die Arbeiten des schottischen Philosophen Thomas Brown, der versuchte, eine säkulare, beobachtbare Kategorie für mentale Phänomene zu schaffen, die über die religiös aufgeladenen Begriffe der Leidenschaft hinausging (Dixon, 2003). Dass man heute fast alle inneren Zustände unter dem Schirm der „Emotion“ zusammenfasst, ist somit das Ergebnis einer spezifischen wissenschaftshistorischen Entwicklung der Moderne.

    Wenn die Neurowissenschaft also lehrt, dass Konzepte das Fühlen formen, muss man anerkennen, dass auch der wissenschaftliche Überbegriff „Emotion“ die Art und Weise prägt, wie man sich selbst als fühlende Subjekte wahrnimmt und analysiert. Menschen erleben ihre Innenwelt also durch die Brille eines Konzepts, das selbst erst vor weniger als zwei Jahrhunderten konstruiert wurde, was die Frage aufwirft, inwieweit die psychologische Forschung universelle Wahrheiten entdeckt oder vielmehr kulturell spezifische Kategorien zementiert.

    Literatur

    Barrett, L. F. (2017). How emotions are made: The secret life of the brain. Houghton Mifflin Harcourt.
    Dixon, T. (2003). From passions to emotions: The creation of a secular psychological category. Cambridge University Press.
    Gendron, M., & Barrett, L. F. (2018). Reconstructing the past: A century of ideas about emotion in psychology. Emotion Review, 10(1), 3–16.
    Lindquist, K. A., MacCormack, J. K., & Shablack, H. (2015). The role of language in emotion: Predictions from psychological constructionism. Frontiers in Psychology, 6, 444.

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