Aktuelle neurowissenschaftliche Forschung liefert neue Hinweise darauf, dass die Aufmerksamkeitsprobleme bei Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) tief in der physiologischen Dynamik des Gehirns verwurzelt sind. Eine Studie von Elaine Pinggal und Kolleginnen und Kollegen an der Monash University in Melbourne (Pinggal et al., 2026) legt nahe, dass das Gehirn von Menschen mit ADHS während wacher Zustände wiederkehrend in einen schlafähnlichen Zustand übergeht. Diese unbemerkten Mini-Episoden der Erschlaffung neuronaler Aktivität könnten erklären, warum Betroffene häufiger Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit über längere Zeiträume hinweg aufrechtzuerhalten.
Im Zentrum der Untersuchung steht die sogenannte „slow wave activity“ (SWA), eine Form langsamer Hirnwellen, die normalerweise im Tiefschlaf auftritt. Mithilfe von Elektroenzephalografie (EEG) erfassten die Forschenden die elektrische Aktivität des Gehirns von 32 Erwachsenen mit ADHS und 31 neurotypischen Kontrollpersonen. Vor Beginn des Experiments hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ADHS ihre Medikation für mindestens 72 Stunden abgesetzt, um mögliche Einflussfaktoren auszuschließen. Während der Versuchspersonen eine anspruchsvolle Daueraufgabe zur Messung konzentrierter Aufmerksamkeit bearbeiteten, wurden gleichzeitig ihre Reaktionszeiten, Fehlerquoten und subjektiven Konzentrationszustände (z. B. „on task“, „mind-wandering“, „mind-blanking“) erfasst.
Das Ergebnis war bemerkenswert: Erwachsene mit ADHS zeigten signifikant häufiger langsame Hirnwellen während der Wachphase. Diese schlafähnlichen Aktivitätsmuster traten bevorzugt über parieto-temporalen Hirnregionen auf und gingen mit erhöhter Reaktionszeitvariabilität, mehr Fehlern und einem gesteigerten subjektiven Müdigkeitsempfinden einher. Gleichzeitig berichteten die Teilnehmenden mit ADHS häufiger über Phasen des gedanklichen Abschweifens oder des völligen geistigen Leerstands. In der Mediationsanalyse konnte zudem gezeigt werden, dass die Dichte dieser langsamen Wellen die Leistungsunterschiede zwischen der ADHS- und der Kontrollgruppe signifikant erklärte (Pinggal et al., 2026). Das deutet darauf hin, dass die veränderte SWA nicht lediglich ein Begleitphänomen, sondern ein zentraler neurologischer Mechanismus hinter der Aufmerksamkeitsinstabilität bei ADHS sein könnte.
Elaine Pinggal (2026) vergleicht die schlafähnlichen Episoden mit kurzen Pausen eines ermüdeten Läufers: Auch neurotypische Menschen erleben solche Momente, doch treten sie bei ADHS offenbar deutlich häufiger auf. Diese Einschätzung unterstützt die Hypothese, dass ADHS nicht allein durch verhaltensbezogene oder psychologische Faktoren erklärt werden kann, sondern dass Schwankungen in der neuronalen Erregungslage eine grundlegende Rolle spielen. Die Forschenden sehen darin einen möglichen Mechanismus, der die Komorbidität zwischen ADHS, Schlafförungen und Tagesmüdigkeit erklärt und gleichzeitig neue therapeutische Ansätze eröffnet.
Mit diesem Ansatz schlägt die Studie eine Brücke zwischen der Schlafforschung und der Aufmerksamkeitsforschung. Sie legt nahe, dass die Dynamik von Aufmerksamkeit, Erregung und Wachheit stärker miteinander verknüpft ist, als bisher angenommen wurde. Wenn kurze, lokal begrenzte „Schlafinseln“ im wachen Gehirn tatsächlich die Ursache situativer Unaufmerksamkeit darstellen, könnte die Behandlung von ADHS künftig präziser auf die Regulation neuronaler Erregungszustände ausgerichtet werden – etwa durch individuell abgestimmte Schlafhygiene, neurofeedbackbasierte Aufmerksamkeitstrainings oder pharmakologische Ansätze, die die Stabilität des Wachzustands unterstützen.
Die Untersuchung von Pinggal et al. (2026) verdeutlicht damit, dass die Grenze zwischen Schlaf und Wachheit weniger scharf verläuft, als es lange angenommen wurde. Statt eines starren Wechsels zwischen beiden Zuständen scheint das Gehirn übergangsartige Phasen zu durchlaufen, in denen einzelne Regionen „abschalten“, während andere aktiv bleiben. Für Menschen mit ADHS bedeutet dies, dass ihre kognitiven Schwankungen möglicherweise nicht nur durch Defizite in Motivation oder Organisation erklärbar sind, sondern in der fundamentalen Architektur neuronaler Erregungsbalance verankert liegen.
Literatur
Pinggal, E., Jackson, J., Kusztor, A., Chapman, D., Windt, J., Drummond, S. P. A., Silk, T. J., Bellgrove, M. A., & Andrillon, T. (2026). Sleep-like slow waves during wakefulness mediate attention and vigilance difficulties in adult attention-deficit/hyperactivity disorder. The Journal of Neuroscience, doi.:10.1523/JNEUROSCI.1694-25.2025
Impressum ::: Datenschutzerklärung ::: Nachricht ::: © Werner Stangl ::: Pädagogische Neuigkeiten für Psychologen :::