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Auch intensives Training kann die biologischen Grenzen des Multitaskings nicht aufheben

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    Die weitverbreitete Vorstellung, dass das menschliche Gehirn durch ausreichendes Training in der Lage sei, mehrere komplexe Aufgaben tatsächlich gleichzeitig zu bewältigen, wird durch eine Untersuchung von Schubert et al. (2025) grundlegend revidiert. Man konnte nachweisen, dass das Gehirn selbst nach intensiven Übungsphasen keine echte Parallelverarbeitung realisiert, sondern stattdessen auf ein hocheffizientes Modell der sequentiellen Abarbeitung zurückgreift. Lange Zeit wurde in der Wissenschaft das Phänomen des sogenannten „Virtually Perfect Time Sharing“ als Beleg für eine grenzenlose Multitaskingfähigkeit gewertet, da Probanden nach langem Training zwei Aufgaben ohne nennenswerte Zeitverluste nebeneinander ausführen konnten. Die aktuellen Experimente zeigen jedoch, dass dieser Effekt nicht auf einer Aufhebung kognitiver Engpässe beruht, sondern auf einer optimierten Reihung der Verarbeitungsschritte, dem sogenannten „Latent Bottleneck“.

    In drei detaillierten Versuchsreihen mussten 25 Teilnehmer über einen Zeitraum von bis zu zwölf Tagen eine visuell-manuelle Aufgabe – die Bestimmung der Größe eingeblendeter Kreise – zeitgleich mit einer auditiv-verbalen Aufgabe – der Identifikation von Tonhöhen – lösen. Obwohl die Probanden durch die Wiederholung signifikant schneller wurden und ihre Fehlerquoten minimierten, blieb die zugrunde liegende Struktur der Informationsverarbeitung nacheinander geschaltet. Das Gehirn lernt lediglich, die Prozesse so präzise zu takten, dass sie sich weniger gegenseitig behindern. Die Fragilität dieser antrainierten Routine wurde deutlich, sobald die Forscher kleinste Parameter der Aufgaben veränderten: In diesem Moment brach die Leistung ein, die Fehlerquoten stiegen massiv an und die Reaktionszeiten verlängerten sich wieder deutlich. Dies beweist, dass das Gehirn in herausfordernden oder leicht veränderten Situationen sehr schnell ermüdet und an seine biologischen Grenzen stößt.

    Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse haben eine hohe Relevanz für den modernen Arbeitsalltag und die allgemeine Sicherheit. Die Studie verdeutlicht, warum Multitasking trotz langjähriger Routine ein permanentes Risiko bleibt, insbesondere in sicherheitskritischen Bereichen wie dem Führen von Fahrzeugen bei gleichzeitigem Telefonieren oder in hochkomplexen Berufen wie dem Fluglotsenwesen oder der Simultanübersetzung. Die Ergebnisse mahnen zur Vorsicht gegenüber einer Arbeitswelt, die durch ständige Unterbrechungen und Technikgläubigkeit geprägt ist, da die Überforderung des kognitiven Apparats nachweislich zu Burnouts und schwerwiegenden Fehlern führen kann. Letztlich liefert die Forschung entscheidende Impulse für die Gestaltung von Lernumgebungen und Sicherheitsmaßnahmen, indem sie die Unhintergehbarkeit menschlicher Informationsverarbeitungs-Engpässe betont und zeigt, dass wahre Effizienz nicht durch Simultanität, sondern durch eine bewusste Gestaltung sequentieller Prozesse erreicht werden muss.

    Literatur

    Schubert, T., Liepelt, R., & Strobach, T. (2025). Evidence for a Latent Bottleneck After Extensive Dual-Task Practice of a Visual-Manual and an Auditory-Verbal Task. Quarterly Journal of Experimental Psychology., doi:10.1177/17470218251396870

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