Eine kritische Bestandsaufnahme unter Berücksichtigung aktueller Forschung
Kaum beginnt der März, berichten Millionen von Menschen im deutschsprachigen Raum über dasselbe Phänomen: Sie fühlen sich schlapp, antriebslos und erschöpft, obwohl der Winter offiziell vorbei ist und die Sonne wieder länger scheint. Für dieses kollektive Erleben existiert im Deutschen ein eigenes Wort – Frühjahrsmüdigkeit. Der Begriff ist so fest im Alltagssprachgebrauch verankert, dass er sogar im Duden steht, wo er als „allgemeine körperliche Abgespanntheit im Frühjahr“ definiert wird (Barmer, 2024). Doch was ist tatsächlich an diesem Phänomen dran? Handelt es sich um ein messbares, biologisches Syndrom, oder hat die Wissenschaft hier schlicht versäumt, den Volksglauben kritisch zu hinterfragen? Eine brandaktuelle Studie aus der Schweiz liefert nun erstmals belastbare Daten – und kommt zu einem überraschenden Ergebnis.
Das subjektive Empfinden von Erschöpfung zu Beginn des Frühlings ist klinisch und medizinisch wohlbekannt. Zu den häufig geschilderten Symptomen zählen Müdigkeit trotz ausreichender Schlafdauer, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwäche, Gereiztheit, Schwindelgefühl, niedriger Blutdruck und Kopfschmerzen (Wikipedia, 2004). Frühjahrsmüdigkeit ist dabei kein medizinisch anerkanntes Krankheitsbild, sondern gilt als vorübergehendes Befinden, das sich in der Regel nach drei bis vier Wochen von selbst bessert (Onmeda, 2025). Schätzungen zufolge ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung betroffen, wobei Frauen nach manchen Untersuchungen stärker als Männer unter allgemeiner Erschöpfung leiden – allerdings ohne dass dabei nach Jahreszeiten differenziert wurde (Barmer, 2024).
Zur Erklärung des Phänomens wurden über die Jahrzehnte verschiedene biologische Hypothesen entwickelt. Am häufigsten zitiert wird die Rolle des Schlafhormons Melatonin. In den dunklen Wintermonaten produziert die Zirbeldrüse mehr Melatonin, da sie auf geringere Lichtmengen reagiert. Im Frühjahr, so die These, sei der Melatoninspiegel noch erhöht und müsse sich erst an die längeren Tage anpassen – was sich als Müdigkeit bemerkbar mache (Wikipedia, 2004). Ergänzend wird auf die Rolle von Serotonin verwiesen: Durch die zunehmende Sonneneinstrahlung steige die Serotoninproduktion an, was eine Umstellungsphase des Hormonhaushalts einleite und vorübergehend zu Antriebslosigkeit führen könne (Onmeda, 2025). Außerdem wird ein Vitaminmangel – insbesondere an Vitamin D, das der Körper in den Wintermonaten kaum produziert, sowie an Eisen, Magnesium und B-Vitaminen – als möglicher Mitfaktor diskutiert (Wikipedia, 2004; Hevert, 2023). Schließlich wird auch der Kreislauf ins Spiel gebracht: Steigende Temperaturen bewirkten eine Erweiterung der Blutgefäße, was den Blutdruck sinken lasse und den Körper zunächst belasten könne (SN.at, 2026).
Trotz dieser populären Erklärungsansätze gab es bis vor kurzem schlicht keine empirische Studie, die das Phänomen Frühjahrsmüdigkeit systematisch untersucht hätte. Genau das war der Ausgangspunkt für die bislang bedeutendste Untersuchung zu diesem Thema. Die Schlafforscherin Dr. Christine Blume vom Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel berichtete, dass sie regelmäßig im späten Winter von Journalistinnen und Journalisten kontaktiert wurde, die eine wissenschaftliche Erklärung für die Frühjahrsmüdigkeit suchten – und sie stets antwortete, dass keine entsprechende Studie existiere. Sie empfand dies als unbefriedigend (Universität Basel, 2026). Gemeinsam mit dem Schlafforscher Dr. Albrecht Vorster vom Inselspital der Universität Bern initiierte sie daher eine prospektive Längsschnittstudie, die nun im Fachjournal Journal of Sleep Research veröffentlicht wurde (Blume & Vorster, 2026).
Das Studiendesign war auf methodische Robustheit ausgelegt. Ab April 2024 wurden 418 Erwachsene aus Deutschland (58 %), der Schweiz (32 %) und Österreich (10 %) ein Jahr lang alle sechs Wochen online befragt. Das Medianalter der Teilnehmenden lag bei 32 Jahren, 80 % waren Frauen. In jeder Befragungsrunde gaben die Teilnehmenden Auskunft über ihre Erschöpfung in den vergangenen vier Wochen, ihre Tagesmüdigkeit sowie ihre Schlafqualität. Damit deckten die wiederholten Messungen alle Jahreszeiten vollständig ab. Die Hypothesen und Analysestrategie wurden vorab im Open Science Framework registriert, was die wissenschaftliche Transparenz des Vorhabens sicherstellt (Blume & Vorster, 2026).
Das zentrale Ergebnis der Studie ist eindeutig: Es fanden sich keinerlei Belege für saisonale oder monatliche Schwankungen in den Bereichen Erschöpfung, Tagesmüdigkeit, Schlafqualität oder Insomnie-Symptome. Die durchschnittliche Müdigkeit, gemessen mit der standardisierten Fatigue Severity Scale, blieb über alle Jahreszeiten konstant bei einem Wert von 4,0 – genau an der Schwelle zur klinisch relevanten Müdigkeit. Besonders aufschlussreich ist der Befund, dass die Geschwindigkeit, mit der die Tageslänge im Frühjahr zunahm, keinen Einfluss auf das Erschöpfungserleben der Teilnehmenden hatte. Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich dies gerade in der Übergangsphase zeigen, da sich der Körper anpassen muss – doch die Daten zeigten keinen solchen Effekt. Die Forscherinnen und Forscher fanden keinen empirischen Beleg für das Phänomen (Spektrum der Wissenschaft, 2026). Bemerkenswert ist dabei die Diskrepanz zwischen subjektiver Überzeugung und objektivem Befund: Zu Beginn der Studie gaben 47 % der Befragten an, selbst unter Frühjahrsmüdigkeit zu leiden – ein Anteil, der sich in den Längsschnittdaten jedoch zu keinem Zeitpunkt bestätigte (Blume & Vorster, 2026).
Die von Blume und Vorster gelieferten Erklärungen für das Fortbestehen des Mythos sind vielschichtig. An erster Stelle steht die kulturelle Verankerung des Begriffs selbst: Ein bekanntes Label beeinflusst die Wahrnehmung, prägt Erinnerungen und verleitet dazu, diffuse Erschöpfung dem Frühling zuzuschreiben – unabhängig davon, ob eine solche saisonale Häufung tatsächlich vorliegt. Verstärkt wird dieser Effekt durch mediale Berichterstattung, die jedes Frühjahr erneut das Thema aufgreift. Die Forscherinnen sprechen von einer Art selbsterfüllender Prophezeiung: Weil der Begriff so fest etabliert ist, wird er als Erklärung herangezogen, sobald man sich im März oder April erschöpft fühlt (SN.at, 2026). Als weiterer psychologischer Mechanismus wird die kognitive Dissonanzreduktion genannt: Am Ende der dunklen, kalten Jahreszeit steigt der innere Anspruch, das bessere Wetter und die längeren Tage aktiv zu nutzen. Bleibt der erwartete Energieschub aus, bietet die Frühjahrsmüdigkeit eine sozial akzeptierte und beruhigende Erklärung, die von anderen im Umfeld bereitwillig bestätigt wird (SN.at, 2026).
Besonders aufschlussreich ist die kulturvergleichende Dimension der Studie. Frühjahrsmüdigkeit ist ein Phänomen, das nahezu ausschließlich im deutschsprachigen Raum bekannt ist. Blume berichtet, dass Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern regelmäßig erstaunt reagieren, wenn sie ihnen von diesem Konzept erzählt (SN.at, 2026). Im englischsprachigen Raum existiert zwar der Begriff „spring fever“, doch dieser ist semantisch geradezu das Gegenteil: Er bezeichnet erhöhte Vitalität, Energie und Lebenslust – nicht Erschöpfung und Schlappheit (SN.at, 2026). Diese kulturelle Spezifik ist ein starkes Indiz dafür, dass es sich bei der Frühjahrsmüdigkeit weniger um ein universelles biologisches Signal handelt als um ein kollektives, sprachlich vermitteltes Deutungsmuster.
Die Studie räumt auch mit spezifischen biologischen Erklärungen auf. Die Melatonin-Hypothese, wonach ein nach dem Winter noch erhöhter Hormonspiegel für die Müdigkeit verantwortlich sei, ist aus chronobiologischer Sicht laut Blume völlig unplausibel. Melatonin werde im 24-Stunden-Rhythmus produziert und abgebaut – ein jahreszeitlich bedingter Überschuss, der erst abgebaut werden müsste, existiere schlicht nicht (Spektrum der Wissenschaft, 2026; SN.at, 2026). Diese Einschätzung richtet sich gegen eine jahrzehntelang populäre, aber schlecht belegte Erklärung, die in zahlreichen Ratgeberartikeln und Gesundheitsportalen unkritisch verbreitet wurde.
Was die Studie indes nicht in Abrede stellt, ist die Tatsache, dass sich Menschen im Winter tatsächlich häufiger müder fühlen und etwas mehr schlafen. Chronobiologische Forschung bestätigt, dass die biologische Nacht, die durch die innere Uhr gesteuert wird, in den Wintermonaten etwas länger dauert. Dieser Winterschlaf-Effekt – auch durch polysomnographische Daten belegt, etwa in einer Studie der Charité Berlin unter der Leitung von Dieter Kunz (Hevert, 2023) – ist real. Entscheidend ist aber, dass die Logik des Arguments umgedreht werden muss: Wenn der Körper im Winter mehr Schlaf braucht und im Frühjahr die Tage länger werden, sollte man sich mit zunehmender Helligkeit eigentlich fitter fühlen, nicht müder. Die Daten der Basler Studie zeigen dementsprechend, dass im Sommer die allgemeine Müdigkeit am geringsten ist – Menschen schlafen weniger, sind abends aktiver und erleben mehr soziale Interaktion (Universität Basel, 2026).
Was folgt aus diesen Erkenntnissen für den Umgang mit dem Phänomen im Alltag und in der medizinischen Praxis? Zunächst ist festzuhalten, dass anhaltende Erschöpfung, auch wenn sie im Frühjahr auftritt, kein unvermeidliches saisonales Schicksal ist, das man einfach aussitzen muss. Wenn Müdigkeit und Kreislaufprobleme länger als vier Wochen andauern, empfehlen Experten ausdrücklich, einen Arzt aufzusuchen, da dahinter ein organischer Mangelzustand – etwa ein Eisen- oder Vitaminmangel – oder eine ernsthafte Erkrankung stecken könnte (NZZ, 2023; Onmeda, 2025). Die S3-Leitlinie Müdigkeit der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin unterstreicht ebenfalls, dass persistierende Erschöpfung differenzialdiagnostisch abgeklärt werden sollte (Barmer, 2024). Für diejenigen, die sich tatsächlich im Frühjahr vorübergehend schlapper fühlen – ob nun biologisch bedingt oder durch kognitive Erwartungseffekte verstärkt – empfehlen sich klassische Maßnahmen: regelmäßige Bewegung an der frischen Luft, ausreichend Tageslicht, eine nährstoffreiche Ernährung und ein stabiler Tagesrhythmus (Hevert, 2023; Envivas, 2024).
Die Studie von Blume und Vorster ist nicht nur methodisch wegweisend, sondern hat auch eine breitere wissenschaftstheoretische Bedeutung. Sie illustriert, wie ein Begriff, der fest im kollektiven Sprachgebrauch verankert ist, dazu verleiten kann, Forschungsfragen gar nicht erst zu stellen – weil das Phänomen als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Niemand hatte je überprüft, ob die Frühjahrsmüdigkeit überhaupt existiert. Diese Art von Bestätigungsfehler (confirmation bias) ist in der Wissenschaft bekannt: Vorhandene Hypothesen werden durch selektive Wahrnehmung gestützt, statt systematisch geprüft (Blume & Vorster, 2026). Der Fall der Frühjahrsmüdigkeit ist damit ein lehrreiches Beispiel für die Notwendigkeit empirischer Skepsis gegenüber fest verankerten Volksweisheiten.
Abschließend lässt sich sagen: Die Frühjahrsmüdigkeit ist nach aktuellem Forschungsstand kein biologisches Syndrom, das sich empirisch nachweisen lässt. Sie ist vielmehr ein kulturell kodiertes Deutungsangebot, das im deutschsprachigen Raum so tief verwurzelt ist, dass es die eigene Wahrnehmung aktiv formt. Das bedeutet nicht, dass die subjektiven Beschwerden, die Menschen im Frühjahr erleben, nicht real sind – aber ihre jahreszeitliche Zuschreibung ist es offenbar nicht. Ob diese Erkenntnis ausreicht, um den Begriff aus dem deutschen Alltagsvokabular zu verdrängen, darf bezweifelt werden. Zu einladend ist es, die eigene Erschöpfung im März dem Frühling in die Schuhe zu schieben – statt der schlaflosen Nacht davor, dem Bewegungsmangel der letzten Wochen oder dem stressreichen Alltag. Vielleicht ist das die eigentliche Leistung der Frühjahrsmüdigkeit: Sie entlastet und erklärt, ohne zu verpflichten – und das ist, menschlich gesehen, ein durchaus verständlicher Mechanismus.
Literatur
Barmer. (2024). Frühjahrsmüdigkeit: Gibt es sie? Barmer Gesundheitskasse. Abgerufen am 4. März 2024, von https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/leben/schlaf/fruehjahrsmuedigkeit-1259738
Blume, C., & Vorster, A. (2026). No evidence for seasonal variations in fatigue, sleepiness, and insomnia symptoms: Spring fatigue is a cultural phenomenon rather than a seasonal syndrome. Journal of Sleep Research. https://doi.org/10.1101/2025.09.27.678954
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Kunz, D., Mahlberg, R., Müller, C., Tilmann, A., & Bes, F. (2004). Melatonin in patients with reduced REM sleep duration: Two randomized controlled trials. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 89(1), 128–134.
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NZZ Wissenschaft. (2023, 17. April). Frühjahrsmüdigkeit: Wie entsteht sie und wie vertreibt man sie? Neue Zürcher Zeitung. Abgerufen von https://www.nzz.ch/wissenschaft/fruehjahrsmuedigkeit-wie-entsteht-sie-und-wie-vertreibt-man-sie-ld.1733615
Onmeda Redaktion. (2025). Frühjahrsmüdigkeit: Symptome, Ursachen & Tipps für mehr Energie. Onmeda.de. Abgerufen von https://www.onmeda.de/gesundheit/schlafen/fruehjahrsmuedigkeit-id201215/
SN.at. (2026, 9. März). Schweizer Studie: Die Frühjahrsmüdigkeit gibt es gar nicht – sie ist nur Einbildung. Salzburger Nachrichten. Abgerufen von https://www.sn.at/panorama/wissen/schweizer-studie-die-fruehjahrsmuedigkeit-gibt-es-gar-nicht-sie-ist-nur-einbildung-art-639342
Spektrum der Wissenschaft. (2026, 9. März). Erschöpfung: Ist Frühjahrsmüdigkeit ein deutscher Mythos? Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft. Abgerufen von https://www.spektrum.de/news/erschoepfung-ist-fruehjahrsmuedigkeit-ein-deutscher-mythos/2313994
Universität Basel. (2026, 9. März). Spring fatigue cannot be empirically proven [Pressemitteilung]. Abgerufen von https://www.unibas.ch/en/News-Events/News/Uni-Research/Spring-fatigue-cannot-be-empirically-proven
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Yetish, G., Kaplan, H., Gurven, M., Wood, B., Pontzer, H., Manger, P. R., Wilson, C., McGregor, R., & Siegel, J. M. (2015). Natural sleep and its seasonal variations in three pre-industrial societies. Current Biology, 25(21), 2862–2868. https://doi.org/10.1016/j.cub.2015.09.046