In der Psychologie bezeichnet Kama Muta ein spezifisches, universelles soziales Gefühl, das durch das plötzliche Erleben intensiver sozialer Nähe und Verbundenheit ausgelöst wird. Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und lässt sich sinngemäß mit „von Liebe bewegt sein“ übersetzen. Er wurde eingeführt, um ein emotionales Phänomen präzise zu benennen, das in vielen Kulturen bekannt ist, jedoch in der westlichen Emotionsforschung lange unter unscharfen Bezeichnungen wie „Rührung“, „Herzerwärmung“ oder „tiefes Berührtsein“ zusammengefasst wurde. Kama Muta tritt typischerweise in Momenten auf, in denen sich zwischen Menschen – oder auch zwischen Mensch und Gruppe, Tier, Symbol oder moralischem Ideal – eine Beziehung der Gemeinschaftlichkeit intensiviert oder plötzlich bewusst wird.
Charakteristisch für Kama Muta ist eine Kombination aus subjektivem Erleben, körperlichen Reaktionen und motivationalen Tendenzen. Auf der Gefühlsebene berichten Menschen häufig von Wärme im Brustbereich, einem überwältigenden Gefühl von Nähe, Zugehörigkeit oder Liebe sowie von dem Eindruck, emotional „ergriffen“ zu sein. Körperlich äußert sich Kama Muta oft durch Tränen, Gänsehaut, ein Ziehen oder Drücken im Brustkorb oder ein plötzliches Innehalten. Motivational geht das Gefühl mit dem Wunsch einher, sich anderen zuzuwenden, Fürsorge zu zeigen, Bindungen zu vertiefen oder altruistisch zu handeln. Wichtig ist, dass Kama Muta in der Regel kurzzeitig auftritt, aber eine nachhaltige Wirkung auf Einstellungen und Beziehungen haben kann.
Ausgelöst wird Kama Muta insbesondere durch Ereignisse, in denen sich soziale Verbundenheit unerwartet intensiviert. Beispiele sind Wiedervereinigungen nach langer Trennung, selbstlose Hilfsakte, plötzliche Akte von Mitgefühl oder Loyalität, Versöhnungen nach Konflikten oder auch symbolische Darstellungen von Zusammenhalt, etwa in Filmen, Musik oder Literatur. So kann eine Person Kama Muta empfinden, wenn sie beobachtet, wie Fremde sich in einer Notsituation gegenseitig helfen, wenn ein Kind einem Elternteil unerwartet Zuneigung zeigt oder wenn eine Gemeinschaft solidarisch auf Leid reagiert. Auch kollektive Rituale wie Hochzeiten, Gedenkfeiern oder religiöse Zeremonien können dieses Gefühl hervorrufen, ebenso wie bestimmte Musikstücke oder narrative Wendepunkte, in denen Beziehungen neu bestätigt werden.
Theoretisch wird Kama Muta im Rahmen der sogenannten Relational-Models-Theorie verortet. Diese geht davon aus, dass menschliche soziale Beziehungen nach grundlegenden Mustern organisiert sind. Kama Muta entsteht demnach dann, wenn das Beziehungsmodell der Gemeinschaftlichkeit – also Gleichwertigkeit, Teilen und Fürsorge – plötzlich aktiviert oder intensiviert wird. Das Gefühl fungiert dabei als emotionales Signal, das soziale Bindungen stärkt und kooperatives Verhalten fördert. In diesem Sinne erfüllt Kama Muta eine evolutionäre Funktion, indem es den Zusammenhalt von Gruppen unterstützt und prosoziales Verhalten belohnt.
Kulturvergleichende Studien zeigen, dass Kama Muta in sehr unterschiedlichen Gesellschaften berichtet wird, auch wenn die sprachlichen Bezeichnungen, Ausdrucksformen und Auslöser variieren. Während im Deutschen Begriffe wie „Rührung“ oder „Gerührtsein“ nahekommen, sprechen englischsprachige Personen häufig von „being moved“ oder „touched“. Trotz dieser Unterschiede weisen empirische Befunde darauf hin, dass die zugrunde liegende emotionale Struktur kulturübergreifend ähnlich ist. Kama Muta gilt daher als Kandidat für eine universelle soziale Emotion, die jedoch stark durch kulturelle Kontexte geformt wird.
Abzugrenzen ist Kama Muta von verwandten Emotionen wie Freude, Traurigkeit oder Empathie. Zwar können diese Gefühle begleitend auftreten, doch ist Kama Muta nicht einfach eine Mischung aus ihnen. Insbesondere ist es nicht primär an positive oder negative Valenz gebunden, sondern an die Intensivierung von sozialer Nähe. So kann Kama Muta auch in Situationen auftreten, die objektiv schmerzhaft oder traurig sind, etwa bei Abschieden oder Opfern, solange sie als Ausdruck tiefer Verbundenheit erlebt werden.
In der angewandten Psychologie findet das Konzept zunehmend Beachtung, etwa in der Medienpsychologie, der Musik- und Emotionsforschung sowie in der Untersuchung moralischer Motivation. Inhalte, die gezielt Kama Muta auslösen, werden beispielsweise in Spendenkampagnen, sozialen Bewegungen oder narrativen Medien genutzt, um Mitgefühl, Solidarität und Engagement zu fördern. Gleichzeitig eröffnet das Konzept neue Perspektiven auf die Bedeutung von Nähe, Gemeinschaft und emotionaler Resonanz in modernen, oft fragmentierten Gesellschaften.
Literatur
Fiske, A. P., Seibt, B., & Schubert, T. W. (2019). The sudden devotion emotion: Kama Muta and the cultural practices whose function is to evoke it. Emotion Review, 11(1), 74–86.
Seibt, B., Schubert, T. W., Zickfeld, J. H., Zhu, L., Arriaga, P., Simão, C., … Fiske, A. P. (2018). Kama Muta: Similar emotional responses to touching videos across the United States, Norway, China, Israel, and Portugal. Journal of Cross-Cultural Psychology, 49(3), 418–435.
Zickfeld, J. H., Schubert, T. W., Seibt, B., Blomster, J. K., Arriaga, P., Basabe, N., … Fiske, A. P. (2019). Kama Muta: Conceptualizing and measuring the experience often labeled being moved across 19 nations and 15 languages. Emotion, 19(3), 402–424.