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Wenn Alltagsgeräusche zur Belastung werden

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    Die Misophonie, also die tiefgreifende Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten, meist von Menschen erzeugten Alltagsgeräuschen wie Kauen, Schmatzen, Schlürfen oder Atmen, wird als eigenständige psychische Störung angesehen. Betroffene Menschen reagieren auf diese akustischen Reize nicht bloß mit milder Irritation, sondern mit extremen emotionalen Reaktionen wie unkontrollierbarer Wut, Angst oder intensivem Ekel. Schätzungen zufolge sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung von diesem Phänomen betroffen, das im Alltag zu einem enormen Leidensdruck führen kann, da die Betroffenen versuchen, die auslösenden Geräusche strikt zu meiden, was nicht selten in sozialer Isolation, dem Alleinessen und dem Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben mündet.

    Eine umfassende Genomstudie von Smit et al. (2023) hat die Daten von über 80.000 Teilnehmenden ausgewertet, um den Ursachen dieser Störung auf den Grund zu gehen. Die Teilnehmenden wiesen das Kernsymptom auf, dass Kaugeräusche anderer Menschen bei ihnen extreme Wut auslösten. Die Untersuchung des gesamten Genoms zeigte, dass bei misophonischen Reaktionen häufig Veränderungen auf einem Genabschnitt vorliegen, der eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung des menschlichen Gehirns spielt, was stark für eine genetische Veranlagung der Störung spricht. Darüber hinaus deckte die Analyse signifikante genetische Überschneidungen und Korrelationen mit anderen psychiatrischen Krankheitsbildern und Persönlichkeitsmerkmalen auf. Es zeigten sich deutliche Parallelen zu Angststörungen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), was darauf hindeutet, dass diese Erkrankungen ähnliche genetische Risikofaktoren teilen könnten, sodass eine genetisch bedingte Anfälligkeit für Angststörungen auch das Risiko für Misophonie erhöhen kann.

    Interessanterweise konnte man jedoch keine genetische Verbindung zu Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS), Zwangsstörungen oder psychotischen Störungen feststellen, während zu Autismus-Spektrum-Störungen sogar eine negative Korrelation beobachtet wurde. Auf der Ebene der Persönlichkeitsmerkmale korrelierte die genetische Neigung zu Misophonie auffällig stark mit Clustern, die durch Neurotizismus, Schuldgefühle, erhöhte Reizbarkeit und Überempfindlichkeit sowie eine verminderte Emotionskontrolle geprägt sind.

    Neben den biologischen Faktoren spielen vermutlich auch frühkindliche Prägungen und negative Konditionierungen eine Rolle, bei denen bestimmte Geräusche, beispielsweise durch wiederkehrende Konflikte am familiären Küchentisch, dauerhaft mit negativen Emotionen verknüpft wurden. Trotz des hohen Leidensdrucks und der Tatsache, dass die Misophonie bislang noch vergleichsweise wenig erforscht ist, bieten therapeutische Ansätze wie die kognitive Verhaltenstherapie Hoffnung, indem Betroffene unter fachlicher Anleitung kontrolliert mit den störenden Klängen konfrontiert werden, um gesündere Bewältigungsmechanismen für den Alltag zu erlernen.

    Literatur

    Smit, D. J. A., Bakker, M., Abdellaoui, A., Hoetink, A. E., Vulink, N., & Denys, D. (2023). A genome-wide association study of a rage-related misophonia symptom and the genetic link with audiological traits, psychiatric disorders, and personality. Frontiers in Neuroscience, 16 (2022), doi:10.3389/fnins.2022.971752

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