Die sogenannte Gefühlsblindheit oder Alexithymie beschreibt ein weit verbreitetes, aber in der Öffentlichkeit noch wenig bekanntes Phänomen, bei dem betroffene Menschen erhebliche Schwierigkeiten haben, eigene und fremde Emotionen wahrzunehmen, einzuordnen oder in Worte zu fassen, wobei Schätzungen davon ausgehen, dass etwa zehn Prozent der Bevölkerung und dabei Männer tendenziell geringfügig häufiger als Frauen von diesem Spektrum der Persönlichkeit betroffen sind.
Grundsätzlich handelt es sich hierbei um keine psychische Erkrankung, sondern um ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal vergleichbar mit Introvertiertheit, bei dem im Wesentlichen zwei Ausprägungen unterschieden werden, da der erste Typus tatsächlich messbar weniger emotionale Regungen besitzt und somit insgesamt flacher fühlt, während der zweite Typus innerlich genauso intensive Emotionen durchlebt wie andere Menschen auch, sich dieser inneren Zustände jedoch selbst nicht bewusst ist und diese weder über Sprache noch über Mimik ausdrücken kann. Während die erste Variante ein weitgehend konfliktfreies inneres Erleben aufweist, weil die innere Gefühlsarmut mit dem äußeren Ausdruck übereinstimmt, birgt die zweite Variante ein erhebliches Risiko für die psychische Gesundheit, da das Unvermögen, emotionale Belastungen nach außen zu transportieren, die Entstehung von Angststörungen, Essstörungen oder Suchterkrankungen begünstigen kann.
Die Ursachen für diese Disposition sind noch nicht abschließend geklärt, wobei neben einer potenziellen, biologischen Komponente vor allem die frühkindliche Sozialisation eine zentrale Rolle spielt, da der komplexere Umgang mit Emotionen jenseits von purem Wohlbehagen oder Missfallen im Laufe der Kindheit erlernt werden muss und dies massiv erschwert wird, wenn die primären Bezugspersonen selbst keinen Zugang zu ihrer Gefühlswelt haben und somit kein adäquates Vorbild bieten können.
Im zwischenmenschlichen Bereich und insbesondere in Partnerschaften führt dieses Merkmal zu zwiespältigen Dynamiken, da gefühlsblinde Menschen einerseits als verlässlicher, stabiler Fels in der Brandung geschätzt werden, andererseits aber oft als unterkühlt, desinteressiert oder verschlossen wahrgenommen werden, was beim Gegenüber zu Gefühlen der emotionalen Vernachlässigung führen kann, weshalb Aufklärung über dieses Phänomen für das Gelingen solcher Beziehungen essenziell ist.
Demgegenüber erweist sich die emotionale Distanz im Berufsleben oft als Vorteil, da Betroffene als sehr fokussierte, verlässliche Arbeitskräfte gelten, die sich nicht von emotionalen Dramen ablenken lassen, was in manchen Situationen auch für Menschen mit starken Gefühlsschwankungen erstrebenswert wirken kann.
Zur ersten Orientierung können frei zugängliche Online-Selbsttests genutzt werden, deren Aussagekraft jedoch dadurch limitiert ist, dass gefühlsblinde Personen per Definition Schwierigkeiten haben, ihr eigenes emotionales Kommunikationsverhalten realistisch einzuschätzen. Ob Betroffene eine Veränderung anstreben, bleibt eine individuelle Entscheidung, da eine gefühlsarme Lebensweise durchaus als zufriedenstellend empfunden werden kann, während der Entschluss, sich das eigene emotionale Universum zu erschließen, als bereichernde Reise zu mehr Lebensqualität wahrgenommen wird.
Ein gezieltes Training der emotionalen Kompetenz ist durch Achtsamkeitsübungen, Meditation oder psychotherapeutische Begleitung möglich, wobei insbesondere Gruppentherapien eine große Hilfe bieten, um den durch negative soziale Rückmeldungen oft beeinträchtigten Selbstwert zu stärken sowie Scham und Unsicherheit abzubauen. Auch wenn sich die grundlegende Persönlichkeitsstruktur dadurch nicht komplett verändern lässt, können Betroffene lernen, ihre Emotionen auf alternative Weise, beispielsweise durch visuelle Metaphern wie Farben und Formen, auszudrücken, was letztlich zu einer selbstbestimmteren und handlungsfähigeren Lebensgestaltung führt.
Literatur
Stangl, W. (2011, 12. Juni). Alexithymie. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.
https://lexikon.stangl.eu/1495/alexithymie.