Das menschliche Selbstbild wird maßgeblich durch das eigene Verhalten geprägt. Ein interessantes Phänomen der Sozialpsychologie beschreibt in diesem Zusammenhang eine psychologische Dynamik, bei der positiv bewertete Handlungen die Wahrscheinlichkeit für nachfolgendes, weniger ethisches oder eigennütziges Verhalten erhöhen. Diese Tendenz wird in der Wissenschaft als moralische Lizenzierung – Moral Licensing – bezeichnet. Demnach neigen Personen dazu, eine Art inneres moralisches Guthaben aufzubauen. Wer zuvor eine sozial, ökologisch oder gesundheitlich vorteilhafte Entscheidung getroffen hat, empfindet unbewusst das Recht, bei einer nachfolgenden Gelegenheit weniger streng mit den eigenen Prinzipien umzugehen. Dies kann sich in egoistischeren Handlungen, einer geringeren Einhaltung von Regeln oder gar in diskriminierenden Tendenzen äußern, da das Bedürfnis, die eigene Integrität fortlaufend unter Beweis zu stellen, durch die vorangegangene Tat vorübergehend gesättigt ist.
Die Forschung unterscheidet dabei zwischen zwei Mechanismen: Entweder fungiert die gute Tat als eine Art Bonussystem, das Fehltritte aktiv ausgleicht, oder sie dient als dauerhafter Beleg für den guten Charakter, wodurch punktuelle moralische Verfehlungen als weniger bedrohlich für das eigene Selbstbild wahrgenommen werden. Diese Dynamik lässt sich in vielen Lebensbereichen wie dem Konsumverhalten, dem Gesundheitsschutz oder dem gesellschaftlichen Miteinander beobachten. Allerdings steht dieses Konzept im Zuge der Replikationskrise in der psychologischen Forschung unter genauerer Beobachtung.
Neuere Meta-Analysen weisen darauf hin, dass die statistischen Effekte dieses Phänomens deutlich schwächer ausprägt sind als in den ersten, oft spektakulären Studien angenommen, was unter anderem auf Publikationsverzerrungen zurückgeführt wird. Zudem verhalten sich Menschen keineswegs immer nach diesem Muster des Ausgleichs. Häufig ist das Gegenteil zu beobachten, die sogenannte moralische Konsistenz, bei der eine positive Handlung die Identität stärkt und zu fortlaufend konsequentem, wertebasiertem Verhalten führt. Letztlich zeigt sich moralisches Verhalten nicht als starres System oder einfaches Punktekonto, sondern als ein dynamischer Prozess im Spannungsfeld zwischen dem eigenen Gewissen und dem Wunsch nach einem stimmigen Selbstbild, wobei positive Handlungen sowohl zu Nachlässigkeit verleiten als auch als Orientierung für zukünftiges Verhalten dienen können.
Literatur
Monin, B., & Miller, D. T. (2001). Moral credentials and the expression of prejudice. Journal of Personality and Social Psychology, 81(1), 33–43.
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