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Ordnung im sozialen Spiegel: Psychologische Perspektiven auf den Hawthorne-Effekt im Alltag

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    Das Phänomen, dass Menschen ihre Wohnung vor allem dann gründlich aufräumen, wenn sich Besuch ankündigt, lässt sich sozialpsychologisch differenziert erklären. Es verweist weniger auf Oberflächlichkeit oder Bequemlichkeit als vielmehr auf grundlegende Mechanismen sozialer Wahrnehmung, Motivation und Selbstregulation. Zentral ist dabei die Annahme, dass das Selbstbild stark durch soziale Rückmeldungen geprägt wird. Bereits Charles Horton Cooley beschrieb mit dem Konzept des „Looking Glass Self“, dass Individuen sich selbst durch die Vorstellung betrachten, wie andere sie sehen. Dieses Prinzip wurde durch zahlreiche sozialpsychologische Studien gestützt und findet im Hawthorne-Effekt eine empirische Entsprechung: Menschen verändern ihr Verhalten, sobald sie wissen oder annehmen, beobachtet zu werden. Übertragen auf den häuslichen Kontext bedeutet dies, dass die Anwesenheit oder auch nur die Erwartung von Beobachtung die Motivation zur Ordnung erhöht, da die Situation soziale Relevanz erhält.

    Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass Wohnräume Rückschlüsse auf Persönlichkeitsmerkmale zulassen. Studien belegen, dass Außenstehende anhand von Wohnumgebungen relativ zutreffende Einschätzungen etwa hinsichtlich Gewissenhaftigkeit oder Offenheit vornehmen können (vgl. Gosling et al., 2002). Die Wohnung fungiert somit als soziale Projektionsfläche, über die Identität kommuniziert wird. In diesem Zusammenhang lässt sich auch auf Erving Goffman verweisen, der soziale Interaktionen als Inszenierungen beschrieb, bei denen zwischen „Vorderbühne“ und „Hinterbühne“ unterschieden wird (Goffman, 1959). Eine aufgeräumte Wohnung bei Besuch entspricht der Vorderbühne, während das Alltagschaos der Hinterbühne zuzuordnen ist. Dieses Verhalten ist keine Täuschung, sondern Ausdruck sozialer Rollensteuerung.

    Neben Aspekten der Selbstdarstellung spielt auch Selbstregulation eine Rolle. Untersuchungen zeigen, dass ordentliche Umgebungen strukturierteres Verhalten fördern, während Unordnung mit erhöhter Stressbelastung einhergehen kann. So fanden Saxbe und Repetti (2010), dass Personen, die ihr Zuhause als unordentlich wahrnahmen, höhere Cortisolwerte aufwiesen. Ordnung kann demnach als Mittel zur Stressreduktion und Wiederherstellung von Kontrolle dienen. Das Aufräumen vor Besuch erfüllt somit nicht nur eine repräsentative, sondern auch eine emotionale Funktion.

    Ein weiterer relevanter Ansatz ist die Theorie des sozialen Vergleichs von Leon Festinger (1954). Menschen bewerten sich selbst im Vergleich zu anderen. Die Ankündigung von Besuch aktiviert implizit die Frage nach sozialer Angemessenheit und Vergleichbarkeit. Selbst ohne explizite Kritik entsteht innerer Bewertungsdruck. Die erhöhte Aktivität vor Besuch lässt sich daher als Reaktion auf antizipierte soziale Evaluation verstehen.

    Motivationspsychologisch ist zudem zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation zu unterscheiden, wie sie im Rahmen der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1985) beschrieben wird. Konkrete äußere Anlässe – etwa angekündigter Besuch – wirken häufig stärker aktivierend als vage innere Vorsätze. Klare Deadlines erhöhen die Handlungswahrscheinlichkeit. Daraus erklärt sich, weshalb Ordnung im Alltag schwerer aufrechterhalten wird als in sozial eingebetteten Situationen.

    Demnach deutet das selektive Aufräumen vor Besuch auf eine hohe Sensibilität gegenüber sozialer Wahrnehmung, ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit sowie auf Mechanismen der Selbstregulation hin. Ordnung fungiert dabei sowohl als Mittel der Selbstdarstellung als auch als Instrument psychischer Entlastung. Die zentrale Frage verschiebt sich somit von einer Bewertung des Verhaltens hin zur Reflexion darüber, in welchem Verhältnis äußere Erwartungen und innere Ansprüche zueinander stehen. Eine bewusste Integration von alltagsbezogener Ordnung kann nicht nur soziale Wirkung beeinflussen, sondern auch das subjektive Wohlbefinden fördern.

    Literatur

    Deci, E. L., & Ryan, R. M. (1985). Intrinsic motivation and self-determination in human behavior. Plenum.
    Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human Relations, 7(2), 117–140.
    Goffman, E. (1959). The presentation of self in everyday life. Doubleday.
    Gosling, S. D., Ko, S. J., Mannarelli, T., & Morris, M. E. (2002). A room with a cue: Personality judgments based on offices and bedrooms. Journal of Personality and Social Psychology, 82(3), 379–398.
    Saxbe, D. E., & Repetti, R. L. (2010). No place like home: Home tours correlate with daily patterns of mood and cortisol. Personality and Social Psychology Bulletin, 36(1), 71–81.

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