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Was versteht man unter infantiler Amnesie?

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    Unsere früheren Lebensjahre erscheinen wie aus dem Gedächtnis gelöscht. Aber woher kommt diese Erinnerungslücke – und wie entstehen bleibende Kindheitserinnerungen?

    Dass wir uns kaum an unsere ersten Lebensjahre erinnern können, ist ein faszinierendes psychologisches Phänomen, das in der Wissenschaft als infantile Amnesie bezeichnet wird. Diese Gedächtnislücke rührt nicht etwa daher, dass Kleinkinder unfähig sind zu lernen oder Informationen zu speichern – im Gegenteil, das Gehirn ist in dieser Phase extrem aufnahmefähig –, sondern liegt vielmehr in der Art und Weise begründet, wie das Gehirn reift und Erinnerungen strukturiert. Ein entscheidender Faktor ist die fortlaufende Neurogenese im Hippocampus, einer Gehirnregion, die für die Konsolidierung von Informationen zentral ist. Während der frühen Kindheit werden dort in hohem Tempo neue Neuronen gebildet; dieser Prozess fördert zwar das Lernen, führt aber gleichzeitig dazu, dass bestehende neuronale Netzwerke, in denen frühe Erinnerungen gespeichert sind, überschrieben oder destabilisiert werden (Josselyn & Frankland, 2012). Parallel dazu fehlt Kleinkindern oft noch das notwendige kognitive Gerüst, um Erlebtes dauerhaft abrufbar zu machen. Erst mit der Entwicklung des Selbstkonzepts – also der Erkenntnis, dass man eine eigenständige Person mit einer eigenen Geschichte ist – und der Verfeinerung sprachlicher Fähigkeiten können Erlebnisse in eine narrative Struktur eingebettet werden. Sprache fungiert hierbei als eine Art Ablagesystem: Sobald Kinder lernen, Ereignisse zu benennen und mit anderen darüber zu sprechen, werden diese Erfahrungen im episodischen Gedächtnis verankert (Fivush, 2011). Damit bleibende Kindheitserinnerungen entstehen, spielt zudem die emotionale Intensität eine Rolle sowie die Wiederholung durch soziale Interaktion. Wenn Eltern mit ihren Kindern über gemeinsam Erlebtes sprechen, helfen sie ihnen dabei, die flüchtigen Eindrücke in eine kohärente Lebensgeschichte zu überführen. Meist setzt diese stabilere Erinnerungsfähigkeit erst zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr ein, wobei die Grenze der ersten bleibenden Fragmente individuell stark variiert und auch von kulturellen Faktoren beeinflusst wird (Wang, 2003).

    Um zu verstehen, warum unsere frühen Jahre im Dunkeln bleiben, müssen wir uns die Architektur des Gehirns als eine Baustelle vorstellen, auf der während des Betriebs das gesamte Fundament umgebaut wird. Ein zentraler Aspekt ist die Neurogenese im Hippocampus. In den ersten Lebensjahren produziert das Gehirn in dieser Region massenhaft neue Nervenzellen. Was zunächst nach einem Vorteil für die Speicherung klingt, hat einen paradoxen Effekt: Die Integration dieser neuen Zellen in bestehende Schaltkreise führt dazu, dass die zuvor geknüpften Verbindungen – und damit die darin gespeicherten Erinnerungsspuren – physisch unterbrochen oder „überschrieben“ werden. Erst wenn sich die Rate der Zellneubildung verlangsamt, stabilisieren sich die neuronalen Netzwerke so weit, dass Langzeiterinnerungen über Jahrzehnte hinweg bestehen bleiben können (Josselyn & Frankland, 2012).

    Ein weiterer entscheidender Mechanismus ist die kognitive Selbst-Repräsentation. Damit ein Ereignis als „meine Erfahrung“ abgespeichert werden kann, muss das Kind erst die kognitive Stufe des „kognitiven Selbst“ erreichen. Dies geschieht meist um das zweite Lebensjahr herum, erkennbar am Spiegeltest (das Kind erkennt sich selbst im Spiegel). Ohne dieses Bewusstsein für die eigene Identität fehlt der „Anker“, an dem episodische Informationen festgemacht werden können. Ergänzt wird dies durch die soziokulturelle Interaktion: Die Art und Weise, wie Bezugspersonen mit dem Kind über die Vergangenheit sprechen, fungiert als Training für das Gedächtnis. Eltern, die einen „elaborativen Stil“ pflegen – also detailreich nachfragen und Gefühle einbeziehen –, helfen dem Kind, neuronale Pfade für das Abrufen von Informationen zu festigen. Diese narrative Struktur erlaubt es dem Gehirn, Erlebnisse nicht nur als isolierte Fragmente, sondern als Teil einer zusammenhängenden Lebensgeschichte zu organisieren (Fivush, 2011).

    Literatur

    Fivush, R. (2011). The development of autobiographical memory. Annual Review of Psychology, 62, 559–582.
    Josselyn, S. A., & Frankland, P. W. (2012). Infantile amnesia: A neurogenic hypothesis. Learning & Memory, 19(9), 423–433.
    Wang, Q. (2003). The emergence of cultural self-constructs: Autobiographical memory and self-description in European American and Chinese children. Developmental Psychology, 39(5), 875–881.

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